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Schweiss und Kopfzerbrechen

EHWS Andalusien, Etappe 17: Valle de Abdalajís - Antequera

Wieder ein Tag, an dem der Umgang mit der Hitze die grösste Herausforderung war. Aber auch Orientierungsschwierigkeiten veranlassten mich des öftern zu Pausen: Weil Markierungen über weite Strecken fehlten, musste ich immer wieder Landschaft und Karten studieren, in der Hoffnung auf Übereinstimmungen.

Mein Ausgangsort Valle de Abdalajís liegt in einer Talmulde am Südhang der Kordillere, eingebettet zwischen die schroff aufragenden Felsen des Huma-Massivs (genauer: des Tajo del Guerro und der Sierra del Valle de Abdalajís) im Westen und steile, bis zuoberst bewachsene und landwirtschaftlich bebaute Hänge im Osten. Durch diese jetzt noch im Schatten liegenden Hänge musste ich hinauf.

Im Hotel gab es kein Frühstück, dafür aber in der Bar gleich nebenan. Dort deckte ich mich auch mit Wasser ein; dann zog ich los, für einmal schaffte ich es tatsächlich noch vor neun Uhr. Durch die höher im Tal gelegenen Dorfteil ging es zunächst steil abwärts; an einer Garage vorbei führte ein Strässchen zum Talboden hinunter, wo der Bach Arroyo de las Piedras einfach über den Kiesweg hinweg strömte. Da er nur wenig Wasser führte, war das Wort «Strömen» freilich eine masslose Übertreibung und seine Überquerung für niemanden eine Herausforderung. Auf der anderen Seite begann das Strässchen sofort anzusteigen; wie so oft hierzulande war es in steilen Passagen betoniert, wohl um bei Unwettern und Starkregen ein Abrutschen zu verhindern.

Verlockende Rückblicke

Im Schatten gewann ich schnell an Höhe; allerdings drehte ich mich gern immer wieder um, denn die Aussichten auf Dorf und Tal und die dahinter in der Morgensonne gleissenden Felsen waren allzu verlockend. Nach vielen Äckern, Obst- und Mandelhainen erreichte ich dürres Grasland, auf dem Schafherden weideten. Hoch oben stach ein hornförmiger Felskopf vom Bergkamm ab, ihm zu Füssen blinkten die weissen Mauern eines Hofes in der Sonne.


Valle de Abdalajís - Antequera
Etappe EHWS Andalusien, Nr. 17
Länge / Zeit 19,8 km / 6h55'
Auf- / Abwärts 654 m / 518 m
Höchster Punkt 771 m (ob Cjo de las Torres)
Tiefster Punkt 340 m (Arroyo de las Piedras)
Fernwanderwege E4 (GR7)
Durchgeführt Montag, 9. Oktober 2017
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Zum Cortijo del Castillo empor.
Zum Cortijo del Castillo empor.

Diesem ging es entgegen, zunächst quer über den Grashang und dann, inzwischen ebenfalls an der Sonne, steil durch einen Olivenhain hinauf. Begleitet vom Lärm motorenbetriebener Schüttelgeräte, die zur Olivenernte eingesetzt wurden – zum Auffangen der Früchte lagen zwischen den Bäumen Planen am Boden ausgebreitet – , arbeitete ich mich zum Hof empor, dem Cortijo del Castillo.

 

Dort drehte der Weg hinter den Felskopf und kletterte in wenigen Kurven zu dessen Nacken hinauf. Das Valle de Abdalajís war aus meinem Blickfeld entschwunden, jetzt blickte ich auf die Nordseite des Kamms hinüber: Weit breitete sich da gewelltes, von Ocker- und Gelbtönen geprägtes Acker- und Wiesland aus, das sich im Hintergrund in horizontloses Tiefland hinabsenkte und in dunstiger Ferne verlor. Unmöglich für einen ortsunkundigen Laien, dort irgendwo den Verlauf der Wasserscheide zu erahnen! Gut liess sich hingegen der Verlauf der Kordillere studieren: Ich befand mich gerade auf einem etwas niedrigeren und sanfteren Zwischenstück, das zudem aus einem einzigen Kamm bestand, der sich nach beiden Seiten hin in höheren, felsigeren und breiteren Gebirgspartien fortsetzte: im Huma-Massiv in Richtung West, im Massiv des Torcal de Antequera in Richtung Ost.

Aussichtsreiche Zweitwohnsitze

El Torcal (rechts) und Cerro del Espartal (links).
El Torcal (rechts) und Cerro del Espartal (links).

In letztere wandte sich auch wieder mein Weg, dem Kamm auf der Nordseite auf gleicher Höhe folgend. Einige stattliche Villen säumten ihn; aus dem Fehlen von Autos und Hunden auf ihren umzäunten Vorplätzen schloss ich, dass sie zur Zeit nicht behaust waren und ihren Besitzern wohl als Zweitwohnsitze dienten. Sie schienen abgelegen, aber eine Strasse war in Sichtweite: Links unten zog sich parallel zum Kamm eine flache Talmulde dahin, in der die Strasse A343 von Valle de Abdalajís nach Antequera verlief. Dieser steuerte ich entgegen, allerdings nicht sofort: Vorerst ging ich noch eine Weile dem Hang entlang, zum Teil querfeldein durchs Gras; für kurze Zeit glaubte ich sogar, mich wieder einmal verlaufen zu haben, traf aber ausgerechnet hier einen Felsblock mit einer der spärlichen Markierungen an. Ein Feldweg führte mich schliesslich durch den Hang sanft abwärts und nach einer scharfen Linkskurve zur Strasse hinunter. Kurz vor der Kurve, es war Punkt 12 Uhr, fand ich das einzige Stücklein Schatten am Wegesrand, gespendet durch eine Böschung mit Asparagus- und anderem Gebüsch. Eine kurze Rast war ein Gebot nicht nur der Stunde, sondern auch des Ortes.

Betonmatratzen und Entscheidungsstress

Olivenernte. Blick zur Sierra del Valle de Abdalajís zurück.
Olivenernte. Blick zur Sierra del Valle de Abdalajís zurück.

Den Rest des Tages wanderte ich auf relativ flachen und anspruchslosen, jedoch auch unbequemen und langweiligen Wegen durch eher eintönige Landschaften. Nach Überquerung der Strasse vollzog mein Weg einen weiten Bogen nach Norden um einen pyramidenförmigen Hügel herum, den ich als Cerro del Espartal identifizierte. Auf geraden Kieswegen ging es unter der nun sengenden Mittagssonne durch ausgedehnte Olivenfelder. Zum Rasten gab es kaum je wirklich geeignete Stellen; einmal legte ich mich unter einem Eukalyptusbaum für ein paar Minuten auf einen Geräteunterstand aus Beton, einmal rastete ich auf der halbwegs beschatteten Mauer eines Reservoirs. Immerhin zügelte der Anblick des schweisstreibenden Tuns von Erntearbeiterinnen und –arbeitern mein Selbstmitleid ein wenig.

Mehrmals traf ich auf unmarkierte Weggabelungen oder Kreuzungen, die mich jeweils zu längerem Karten- und Buchstudium veranlassten. Auf dem Sattel eines Hügelzugs, den es zu überqueren galt, konnte ich mich kaum entscheiden. Zögernd wählte ich die mir plausibler scheinende Variante, und war erleichtert, als ich nach einigen Kurven endlich Antequera vor mir liegen sah: ein weisses Geviert, das sich an den Fuss der Berge schmiegte – in weiter Ferne zwar noch, aber immerhin erkannt.

35 Grad

Selbstporträt.
Selbstporträt.

Der Weg senkte sich abwärts dem Tiefland entgegen (das ich mal mit «Llanos», mal mit «Vega de Antequera» bezeichnet fand), aber lange schien es, dass er mich dem Ziel kaum näher brachte. Das durchwanderte Acker- und Olivenland bot dem Auge keine Abwechslung mehr, nur die Berge am Horizont zogen dieses an: der gezackte Kranz der Kordilleren und einzelne spektakulär aus der Ebene aufragende Felsmassive. Allmählich war mit dem Fernglas auch die über der Stadt thronende Alcazaba zu erkennen. Am Rand eines ausgedehnten Golf-Resorts mit dem Fünfstern-Hotel La Magdalena entlang erreichte ich erste Vororte. Aus Kies wurde Asphalt, der die Hitze von unten zurückwarf und zusätzlich verstärkte. Am Stadtrand von Antequera erblickte ich an einer Hausfassade eine digitale Temperaturanzeige: Sie gab 35 Grad an. Als ich kurz vor sechs Uhr erschöpft und ermattet im Zentrum mein vorreserviertes Hotelzimmer betrat und mich vom Rucksack befreite, fragte ich mich, ob bei solchen Temperaturen an Weiterwandern überhaupt noch zu denken war.

Aber zunächst einmal freute ich mich auf Antequera: Denn schon vor längerem hatte ich beschlossen, in der zuweilen als «Mitte Andalusiens» bezeichneten Stadt einen Tag Pause einzulegen. Ich hatte also etwas Zeit, über die Frage nachzudenken. Und als ich erst einmal geduscht war und vor einem kühlen Bier und einer Schale mit würzigen Oliven sass, war der Schweiss schon bald nur noch Erinnerung: jener des Wanderns ebenso wie jener des Erntens.


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