Entlang der Hauptwasserscheide im Schweizer Mittelland

Im Spätherbst 2018 und Frühling 2019 habe ich das Schweizer Mittelland entlang der Wasserscheide zwischen Rhein und Rhone von West nach Ost durchwandert. Das Unternehmen war Teil meines Langzeit-Wanderprojekts «Europäische Hauptwasserscheide (EHWS)», das zum Ziel hat, möglichst viele Abschnitte nahe der Linie abzuwandern, welche Europa in einen zum Atlantik und einen zum Mittelmeer hin entwässernden Teil trennt.


Links der Verlauf der Wasserscheide, rechts meine Wanderroute durchs Schweizer Mittelland.

Zweimal kreuzt die EHWS das zwischen Jura und Alpen hineingebettete Sediment- oder Molassebecken, das sich vom Genfersee bis zum Fuss des Bayrisch-Böhmischen Waldes erstreckt: Einmal im Südwesten, wo es Schweizer Mittelland heisst, und einmal in der Mitte, wo es Nördliches Alpenvorland genannt wird. In beiden Fällen grenzt die EHWS das Einzugsgebiet des Rheins und damit der Nordsee ab: im ersten Fall gegen jenes der Rhone beziehungsweise des Westlichen Mittelmeers, im zweiten gegen dasjenige von Donau und Schwarzem Meer.

Das Schweizer Mittelland kreuzt  die EHWS in dessen schmalster Zone ganz im Südwesten, quer durch den Kanton Waadt und den südlichsten Zipfel des Kantons Freiburg. Vom Jura herabfallend, dringt sie beim Städtchen La Sarraz ins Mittelland ein und zieht sich in Hauptrichtung Südost über das Plateau des Gros de Vaud und die Jorat-Höhen bis zur Abbruchkante der Weinberghänge des Lavaux, hoch über dem Lac Léman (wie der Genfersee auf Französisch heisst).  Dort biegt sie nach Nordost ab und erreicht nach einigen Schlaufen beim Ort Châtel St-Denis die Freiburger Voralpen, wo sie das Mittelland verlässt. Den niedrigsten Punkt in diesem Abschnitt berührt sie auf 450 Meter beim Ancien Canal d’Entreroche – einem im 18. Jahrhundert aufgegebenen Teilstück eines nie vollendeten Kanalprojekts – , den höchsten auf dem 1‘076 Meter hohen Mont Pèlerin.

Gewelltes Hügelland

Anders als seine in der  französischen Schweiz gängige Bezeichnung als «Plateau suisse» es vermuten liesse, ist das Mittelland mit wenigen kleinräumigen Ausnahmen keineswegs flach, sondern  eine abwechslungsreiche Landschaft mit Höhenunterschieden von bis zu mehreren hundert Metern.


Schweizer Mittelland
Abschnitt Wasserscheide EHWS, Abschnitt Mittelland
Länge / Dauer 101,6 km / 6 Tage
Durchgeführt 15. November 2018  - 21. April 2019
Höchster Punkt 1'076 m: Mont Pèlerin
Tiefster Punkt 450 m: Canal d'Entreroches
Start La Sarraz
Ende Châtel St-Denis
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Tiefster Punkt: Canal d'Entreroches.
Tiefster Punkt: Canal d'Entreroches.

Blick über das Mittelland, vom Mont Pèlerin nach Norden.
Blick über das Mittelland, vom Mont Pèlerin nach Norden.

Im Waadtland lässt es sich als gewelltes Hügelland beschreiben, das nördlich der Wasserscheide durch süd-nord-orientierte Höhenzüge und ebensolche Senken gegliedert wird, wobei die letzteren zum Teil als tief eingeschnittene Flusstäler ausgeformt sind. Durch den bewaldeten Rücken des Jorat wird es in eine niedrigere und eine etwas höhere Hälfte geteilt. Entsprechend sind die Höhenunterschiede zu dem südlich der Wasserscheide in die Molasse eingetieften Léman-Becken westlich des Jorat geringer als im Osten, wo das Mittelland abrupt über Steilhänge zum See hinabfällt. Dennoch ist das Gefälle auch im Westen immerhin hoch genug, dass es einst das historische Projekt eines «Transhelvetischen Kanals» – der über die Wasserscheide hinweg eine Schifffahrtsverbindung zwischen Nordsee und Mittelmeer hätte herstellen sollen – scheitern liess: Denn für die rund 40 Schleusen, die zu seiner Überwindung vom See bis zu dem oben erwähnten Canal d’Entreroches nötig gewesen wären, liess sich nicht ausreichend Geld auftreiben, weshalb die Arbeiten im 17. Jahrhundert für immer aufgegeben wurden.

Zum Rhein lange, zur Rhone kurze Wege

Während die Wasserscheide dem Genfersee und damit indirekt der Rhone sehr nahekommt, ist der Rhein hier rund 150 Kilometer Luftlinie weit entfernt. Es fliesst denn auch kein Tropfen Wasser vom Waadtländer Mittelland direkt in den Rhein; vielmehr wird es allesamt in den Jurarandseen gesammelt und von dort durch die Aare zum Rhein transportiert. Zwei Hauptzubringer sind für das Sammeln von der EHWS her verantwortlich: im Westen die zunächst unter dem Namen Orbe aus dem Jura kommende Thielle, und im Osten die aus Quellen am Rand der Freiburger Voralpen entstehende Broye. Während die Thielle alles westlich des Jorat anfallende, nordwärts fliessende Wasser direkt dem Neuenburgersee zuführt, tut die Broye dies für die Gewässer östlich des Jorat auf dem Umweg über den Murtensee. Die Thielle bedient sich dabei eines einzigen «Vorsammlers»: nämlich des Talent, der als echter Mittellandfluss auf dem Jorat entspringt und kurz vor seiner Mündung auch den aus dem Jura stammenden Nozon aufnimmt, den zweitwichtigsten Aare-Vorsammler am Westrand des Mittellandes. Die Broye ihrerseits lässt sich Wasser durch mehrere Lieferanten zuführen, namentlich durch den Carrouge mit seinem Zubringer Bressonne, den Grenet und die Biorda. Im Vergleich zu all diesen Sammlern legen die südlich der Mittelland-Wasserscheide entspringenden Gewässer nur kurze Wege zurück, bevor sie in den Genfersee münden. Noch am längsten sind die Läufe der jurassischen Venoge im Westen und der alpinen Veveyse im Osten; andere Flüsschen und Bäche ergiessen sich schon in den See, kaum sind sie entsprungen – so etwa Mèbre, Flon, Vuachère, Paudèze, Lutrive oder Forestay.

Von Hochnebel und Bise

Das gesamte Waadtländer Mittelland wird stark landwirtschaftlich genutzt, ist aber vor allem im Léman-Raum sehr dicht besiedelt. Verkehrstechnisch ist es sowohl durch Strassen, Bus- und Bahnlinien extrem gut erschlossen, wodurch Unterkünfte jederzeit leicht zu erreichen sind. (Da Letzteres ebenso für meinen Wohnort gilt, bin ich zum Übernachten jeweils nach Hause gereist.) Auch ist es wie fast die ganze Schweiz von einem dichten Netz von Wanderwegen überzogen; freilich gibt es keinen Fernwanderweg, der sich an der EHWS orientiert, weshalb ich mir die Route aus lokalen Wanderwegen und Strassenstücken selbst zusammensetzen musste. Leider verlief der überwiegende Teil davon – ob als Wanderweg markiert oder nicht – auf Hartbelag.

Ich erwanderte die rund 100 km lange Strecke von La Sarraz bis Châtel St-Denis in sechs Tagesetappen, wobei einzelne davon sehr kurz waren und gut mit andern zusammengehängt werden könnten; vermutlich hätten mir auch vier Etappen gereicht – vor allem in Jahreszeiten mit längeren Tagen. Es schien mir eine gute Idee, den Mittelland-Abschnitt in einem Winterhalbjahr unter die Füsse zu nehmen, weil Wandern hier im Unterschied zu manchen höher gelegenen Regionen grundsätzlich in allen Jahreszeiten möglich ist: Das gemässigte Klima und die bescheidene Höhenlage lassen allfällige Schneedecken hier nur selten für längere Zeit überleben. Zwar liegt die Gegend in dieser Jahreszeit häufig unter einer Hochnebeldecke, aber diese löst sich oft im Lauf des Tages auf.

Solches Glück war mir freilich nicht beschieden: Auf den drei ersten Etappen – jene im November – sah ich keine Sonne und auch von der Landschaft kaum etwas. Und bei der Fortsetzung im April wurde ich am ersten Tag mit einer andern für die Gegend typischen Wetterlage konfrontiert: mit der Bise! Dieser kalte, von Nordosteuropa her durchs Mittelland brausende Wind weht nirgends so kräftig wie im äussersten Südwesten. Denn durch die zunehmende Verengung des Mittellandes wird er zwischen Alpen und Jura zusammengepresst und so beschleunigt, dass er stürmische Ausmasse annehmen kann. Zudem treibt die Bise oft einen dichten Dunst vor sich her, den sie im Léman-Becken gegen die Berge presst; wenn man Pech hat, kann man nicht einmal vom See viel sehen. Und einen Tag lang hatte ich dieses Pech. Aber das 360-Grad-Panorama über Mittelland, Jura und See zu den Alpen, das am zweitletzten Tag bei straffblauem Himmel der Mont Pèlerin für mich bereithielt, liess alle nebligen und dunstigen Tage vergessen.

Etappierung

Unten siehst du, wie ich die Strecke in Etappen eingeteilt habe.

Etappe 1 (15. November 2018) La Sarraz - Etagnières 20,6 km / 5h43'
Etappe 2 (16. November 2018) Etagnières - Savigny 19,1 km / 5h10'
Etappe 3 (22. November 2018) Savigny - Grandvaux
13,2 km / 3h40'
Etappe 4 (11. April 2019) Grandvaux - Puidoux-Moreillon
20 km / 5h40'
Etappe 5 (20. April 2019) Puidoux-Moreillon - Mont Pèlerin Funi
9,4 km / 3h
Etappe 6 (21. April 2019) Mont Pèlerin Funi - Châtel St-Denis 19,3 km / 5h25'

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Tagesberichte

Wie es mir beim Wandern ergangen ist, kannst du in meinem Blog nachlesen. Unten gehts direkt zu den entsprechenden Tagesberichten.


Kiesbaggerei in der Kornkammer

EHWS Mittelland, Etappe 1: La Sarraz - Etagnières

Im Tal der Venoge, bei La Sarraz.
Im Tal der Venoge, bei La Sarraz.

Vom Jurasüdfuss aus startete ich bei herbstlich-düsterer Stimmung ins Gros de Vaud, die Kornkammer der Schweiz. Getreide sah ich freilich keins wachsen: Das Ackerland lag brach unter einer dichten Hochnebeldecke dahingebreitet. Aber emsiges Treiben traf ich an: Ich streifte und überquerte Verkehrsachsen, umging hier einen Steinbruch, verirrte mich dort in ein Kiesabbaugebiet und zog mir im Morast gleich zwei Schuhe voll heraus.

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Mutmassungen am Jakobsweg

EHWS Mittelland, Etappe 2: Etagnières - Savigny

Mutmasslich irgendwo bei Chatifeuillet, ob Cugy.
Mutmasslich irgendwo bei Chatifeuillet, ob Cugy.

Tags darauf: gleiche Hochnebellage, gleiche Stimmung, aber noch kälter. Eine Kappe über den Ohren und Handschuhe sind gut zu gebrauchen. Weil ich aus dem Gros de Vaud auf die etwas höher gelegenen Hügel des Jorat gelange, gehe ich nicht mehr unter, sondern in der Nebeldecke drin. Es ist wie ein Vorwärtstasten durch eine mystische Welt. Dabei ist die Stadt gleich nebenan. Häufige Begegnungen mit schemenhaften Gestalten – zwei- und vierbeinigen - verraten die Nähe von Lausanne.

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Im und um den Brei herumgestochert

EHWS Mittelland, Etappe 3: Savigny - Grandvaux

Blick vom Bahnhof Grandvaux auf Cully und Genfersee.
Blick vom Bahnhof Grandvaux auf Cully und Genfersee.

Auch am dritten Tag der Mittelland-Querung lichtete sich der Nebel nicht. Da schritt ich über den als Weltkulturerbe klassifizierten Weinbergterrassen des Lavaux dahin, wusste den Alpenkranz vor und den Genfersee tief unter mir und sah von alledem kaum einen Schimmer. Und weil der Südhang der
Wasserscheide weniger zugänglich war als erwartet, machte ich in dem Nebelbrei auch noch unnötige Umwege.

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Alle Panoramen wie weggeblasen

EHWS Mittelland, Etappe 4: Grandvaux - Puidoux-Moreillon

Tour de Gourze.
Tour de Gourze.

Auch auf meiner ersten Wanderung nach der Winterpause traf ich das Lavaux nicht viel freundlicher an: Ein bisschen mehr Sonne zwar, ein bisschen mehr Wärme, wenn mir der Wind gerade nicht um die Ohren pfiff. Aber von den prächtigen Panoramen, die den Genfersee umkränzen, war auch diesmal nichts zu sehen. Sie allesamt – der Jura im Westen, die Alpen im Süden, die Voralpen im Osten, in der Tiefe der See – waren von der kräftigen Bise wie weggeblasen. Dafür konnte ich mich während des ganzen Tages über die Nähe der Wasserscheide freuen.

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Und es gab sie doch!

EHWS Mittelland, Etappe 5: Puidoux-Moreillon - Mont-Pèlerin Funi

Mont Pèlerin, Blick Richtung Chablais und Walliser Alpen.
Mont Pèlerin, Blick Richtung Chablais und Walliser Alpen.

Am Ostersamstag passte es dann endlich: Das Wetter war klar und sonnig und  ich hatte Zeit für eine kurze Wanderung. Und jetzt bekam ich alles zu sehen, was sich bei all den vorhergegangenen Etappen hinter Wolken und Nebel versteckt hatte. Vor allem vom Sendeturm auf dem Mont Pèlerin aus liess die ungehinderte Rundsicht keinen Zweifel offen: Es gab sie wirklich,  diesen See und all die Berge! Einige davon hatte ich ja auch bereits erwandert: Sie gehörten zu den Freiburger und Waadtländer Voralpen und waren Träger der Wasserscheide.

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Schritt für Schritt zum Alpenfuss

EHWS Mittelland, Etappe 6: Mont-Pèlerin Funi - Châtel St-Denis

Freiburger Gipfel in Sicht: Moléson (Mitte), Dent de Lys (rechts).
Freiburger Gipfel in Sicht: Moléson (Mitte), Dent de Lys (rechts).

Ein letztes Stück fehlte noch, dann war die Überquerung des Mittellandes vollendet. Bei wolkenverschmiertem Himmel, aber dennoch klarer Sicht nahm ich es an Ostern unter die Füsse – und sah zu, wie mir die Freiburger Voralpen immer näher kamen. An deren Fuss liess ich die EHWS mit einer Art «Ehrenrunde» in höhere Gefilde entschwinden.

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