Ende April 2026 folgte ich der Wasserscheide an sechs Tagen in nordwestlicher Richtung entlang des südlichen Hauptstrangs in der Osthälfte des Iberischen Gebirges. Der Abschnitt wird im Osten durch die Jiloca-Senke und im Westen durch die diagonal verlaufende und vom Ebro-Nebenfluss Jalón durchflossene Furche begrenzt und fällt im Norden zur «Depresión Ibérica» ab – eine bis zu 100 km breite, flache Mulde, welche östlich des Jalón die beiden Hauptstränge des Gebirgssystems auseinanderschiebt. Ich nenne den Abschnitt «Südaragonisches Hochland», obwohl ich diese Bezeichnung in Spanien nirgends gehört oder gelesen, sondern einzig auf der deutschsprachigen Wikipedia-Seite über das Iberische Gebirge angetroffen habe. Ich finde sie durchaus passend – eine passendere ist mir bislang jedenfalls weder auf Spanisch noch auf Deutsch begegnet. Freilich ist der Wortteil «aragonisch» auf das historische Königreich dieses Namens zu beziehen – und nicht auf die heutige Autonome Region Aragón (Aragonien). Denn durch die Letztere vollzieht die EHWS, von der Sierra de Albarracín her kommend, lediglich einen Schwenker mit markantem Richtungswechsel, wonach sie nach Kastilien-La Mancha zurückkehrt und in dieser verbleibt, ehe sie in die Region Kastilien und León weiterzieht.
| Südaragonisches Hochland | |
| Abschnitt | EHWS Sistema Ibérico, Teil II |
| (Fernwanderprojekt EHWS) | |
| Länge / Dauer | 163,2 km / 6 Tage |
| Durchgeführt | 25. - 30. April 2025 |
| Höchster Punkt | 1'606 m: San Ginés de Peracense |
| Tiefster Punkt | 1'009 m: Estación de Medinaceli, Jalón |
| Start | Pozondón |
| Ende | Medinaceli |
| Fernwanderwege |
GR 24, GR 160 (Camino del Cid) |
| Vorige Teilstrecke | Nächste Teilstrecke ausstehend |
Das Gebiet war im Mittelalter aber lange Zeit zwischen den Königreichen Aragonien und Kastilien umkämpft – und in einzelnen Ortsnamen hat sich die Erinnerung an die einstige Zugehörigkeit zu ersterem erhalten – so etwa in jenem des Hauptortes: Molina de Aragón.
Aber auch der zweite Teil der gewählten Abschnittsbezeichnung scheint mir passend, denn das Wort «Hochland» schliesst viele Eigenschaften der Landschaft mit ein: In Höhen zwischen 1000 und rund 1600 Meter gelegen, weist sie teilweise Mittelgebirgscharakter mit kantigen, oft auch zerklüfteten Kämmen und einzelnen isolierten Gipfeln auf, umfasst aber auch eher sanfte Hügelzüge und Ebenen und geht gegen Nordwesten zunehmend in eine Tafellandschaft über, mit weiten, steppenartigen Hochebenen («Parameras»), in die sich canyonartige Täler einschneiden.
Entgegen der südlich anschliessenden Serranía de Cuenca verläuft die EHWS hier in Hauptrichtung Südost – Nordwest, um sich am Ende des Abschnitts – jenseits des Jalón – erneut nach Nordosten zu wenden. Zu ihrer Mittelmeer-Seite hin liegt das Flussgebiet des Ebro, Richtung Atlantik jenes des Tajo, wobei sie am westlichen Abschnittsende auch knapp jenes des Duero streift. Dem Ebro wird alles Wasser durch den Jalón zugeführt, der Zuflüsse wie Jiloca, Piedra und Mesa (letzteren via Piedra) aufnimmt. Der Tajo andererseits wird durch den Río Gallo und den Río Jarama gespeist; dem Letzteren fliessen Tajuña und Henares zu.
Wie der Grossteil des auch als «Serranía Celtibérica» (keltiberisches Bergland) oder als «Leeres Spanien» bezeichneten zentralen Binnenlandes ist die Gegend nur dünn besiedelt. Einziger grösserer Ort ist das am Río Gallo gelegene und von einer historischen Burganlage dominierte Molina de Aragón, das dank einiger Dienstleistungsbetriebe entgegen dem Trend sogar etwas Zuwanderung verzeichnet. Ansonsten sind wirtschaftliche Aktivitäten rar. Der einst an mehreren Orten betriebene Bergbau ist Geschichte; nebst Landwirtschaft sticht nur die Windenergie ins Auge, die vor allem im westlichen Teil wachsende Flächen einnimmt. Bescheidene touristische Aktivitäten generieren Naturpärke wie jener des «Alto Tajo» oder der «Geopark Molina und Alto Tajo» sowie die «klarsten Sternenhimmel Spaniens», die auf nächtlichen Exkursionen zu beobachten sind.
Entsprechend dürftig ist die verkehrstechnisch-touristische Infrastruktur. Die einzige Fernverkehrsstrasse verbindet die Jiloca-Senke mit der entlang des Jalón-Tales verlaufenden Hauptverkehrsachse Madrid – Zaragoza und verläuft annähernd parallel zur EHWS (die sie jedoch mehrmals kreuzt). Öffentliche Transportmittel verkehren kaum, und Unterkunftsmöglichkeiten ausserhalb von Molina sind sehr dünn gesät oder müssen für mindestens zwei Nächte gebucht werden.
Es kam mir deshalb sehr gelegen, dass ich diesen Wanderabschnitt in eine Spanien-Rundreise integrieren konnte, die wir mit eigenem Auto unternahmen, und meine Frau bereit war, mir während einiger Tage Transportdienste zu leisten. So konnten wir die sechs Etappen von lediglich zwei «Stützpunkten» aus ansteuern: die ersten zwei von Teruel und die vier andern von Molina de Aragón aus.
Mangels brauchbaren Kartenmaterials war ich zur Orientierung ausschliesslich von GPS (konkret: von meiner outdooractive-App) abhängig (wobei ich immer auch Ausdrucke der Etappenrouten mit mir trage). Das ging abgesehen von einigen wenigen, wenn auch zeitraubenden Irrtümern und gelegentlichen Netzlücken recht gut – selbst an jenem 28. April, an dem die iberische Halbinsel den grössten Stromausfall («apagón») ihrer Geschichte erlebte. (Allerdings konnten Ruth und ich an jenem Tag nicht miteinander kommunizieren – sodass wir heilfroh waren, dass ich abends zur voraus geschätzten und kommunizierten Uhrzeit am vereinbarten Ziel eintraf. )
Meine Wanderroute folgte dem Verlauf der EHWS so nah, wie ich es aus wander- und etappierungstechnischer Sicht für angemessen hielt; ich verzichtete jedoch darauf, jede ihrer Biegungen nachzuvollziehen. Grossenteils konnte ich auf nationalen Fernwanderwegen gehen: So während der ersten eineinhalb Tage auf dem GR 24 und danach immer wieder auf Teilstrecken des GR 160, der den Beinamen «Camino del Cid» trägt, weil er die vermuteten Routen des legendären Ritters, Valencia-Eroberers und Nationalhelden El Cid nachzuzeichnen sucht. Allerdings ist dieser nicht durchgehend und leistet sich für mein Thema zu viele Ausschweifungen, die ich denn auch nach Möglichkeit abkürzte. Die Markierungen waren im Allgemeinen in Ordnung, erforderten aber stete Aufmerksamkeit. Ansonsten nutzte ich vereinzelt vorhandene lokale Wanderwege sowie unmarkierte Landwirtschafts- und Forstwege und manchmal auch Strassen.
Motorenlärm bildete aber eine seltene Ausnahme – ebenso wie das Rauschen, Grummen, Rattern oder Pfeifen beim Durchschreiten von Windpark-Anlagen. Ansonsten überwog Stille, in der Naturgeräusche umso besser ans Ohr drangen – so etwa ein Froschkonzert, das mich in einem Flusstal eine Zeitlang begleitete.
Bei sehr wanderfreundlichen Temperaturen – allerdings mit grossen Tag-Nacht-Schwankungen – und höchstens mässig starken Winden erlebte ich ausser etwas Donnergrollen und einigen wenigen Tropfen am ersten Tag sehr viel Sonne bei wechselnder, aber harmloser Bewölkung.
Insgesamt legte ich rund 160 km mit verhältnismässig wenig Höhenunterschieden zurück. Den höchsten Punkt erreichte ich am ersten Tag auf dem weithin sichtbaren und dank Funkantennen leicht identifizierbaren Gipfel des San Ginés de Peracense mit 1’606 m, den tiefsten kurz vor Schluss in der Talsenke des Jalón mit 1’009 m.
Unten siehst du, wie ich die Strecke in Etappen unterteilt habe.
| Etappe 9 (25. April 2025) | Pozondón - Villar del Salz | 25,5 km / 7h25' |
| Etappe 10 (26. April 2025) | Villar del Salz - El Pobo de Dueñas | 27,7 km / 7h05' |
| Etappe 11 (27. April 2025) | El Pobo de Dueñas- Molina de Aragón | 27,4 km / 7h20' |
| Etappe 12 (28. April 2025) | Molina de Aragón - Aragoncillo | 26,9 km / 7h25' |
| Etappe 13 (29. April 2025) | Aragoncillo - Maranchón | 26,4 km / 6h55' |
| Etappe 14 (30. April 2025) | Maranchón - Medinaceli | 29,3 km / 7h50' |
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