Entlang der Hauptwasserscheide in Andalusien: der «Sendero Andaluz»

Im Oktober 2016 habe ich mit dem Fernwanderweg E4/GR7 durch Andalusien (auch «Sendero Andaluz» genannt) begonnen. Ich unternahm diese Wanderung als Teilstück meines Langzeit-Wanderprojekts «Europäische Hauptwasserscheide (EHWS)».

Die Hauptwasserscheide durch Andalusien

Die Europäische Hauptwasserscheide beginnt (oder endet – je nach Blickrichtung) in Tarifa an der Meerenge von Gibraltar, an der südlichsten Spitze Andalusiens und des europäischen Festlandes. Aus einer globaleren Sicht beginnt die Trennlinie zwischen atlantik- und mittelmeerorientierten Gewässern freilich viel weiter südlich im marokkanischen Atlas-Gebirge und erreicht an der Tarifa gegenüberliegenden Nordküste Afrikas das Meer. Der von Tarifa ausgehende andalusische Abschnitt ist so gesehen kein Beginn, sondern lediglich die durch die Meerenge unterbrochene Fortsetzung einer transkontinentalen Wasserscheide. Meine Aufmerksamkeit gilt hier aber dem europäischen Abschnitt der Linie.

Von Jltoulouse - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=22971790

Flüsse Andalusiens und Hauptwasserscheide

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Die andalusische Hauptwasserscheide zieht sich von Tarifa aus zunächst in nordnordwestlicher und nördlicher, dann in östlicher Richtung durch die Gebirgszüge der Betischen Kordillere und verlässt Andalusien zwischen den Quellgebieten des Guadalquivir und des Río Segura nordwärts in Richtung Kastilien-La Mancha. Ihren höchsten Punkt erreicht sie mit 3‘484 Metern auf dem Mulhacén in der Sierra Nevada. Kehrt sie dem Atlantik schon bald den Rücken zu, bleibt sie über weite Strecken in relativ geringer Distanz zur Mittelmeerküste. Entsprechend ungleich gross sind die Gewässersysteme, die sie trennt: Während die auf der Mittelmeerseite entspringenden Flüsse meistens nach wenigen Dutzend Kilometern die Küste erreichen, sammeln sich auf der andern Seite fast alle Gewässer früher oder später im Guadalquivir, dem ersten von vier grossen Flüssen Iberiens, die in Ost-West-Richtung dem Atlantik zuströmen; nur im äussersten Südwesten finden einzelne Wasserläufe wie Barbate und Guadalete selbständig zu diesem. Bis weit nach Osten folgt die EHWS weitestgehend dem Hauptkamm der Penibetischen Kordilleren; einzig die auf dessen Nordseite entspringenden Flüsse Guadiaro und Guadalhorce schaffen es, ihn in südlicher Richtung zu durchbrechen.

im östlichen Teil der Sierra Nevada - dem höchsten Gebirgsteil der Betischen Kordilleren - winkelt sie dann jedoch nach Norden ab und entfernt sich nicht nur von der südlichen, sondern zusehends auch von der östlichen (levantinischen) Mittelmeerküste. Dies bedeutet, dass Länge und Einzugsgebiete der ostwärts ins Mittelmeer mündenden Flusssysteme zunehmen. Das erste grössere ist dasjenige des Segura, ihm schliesst sich jenes des Júcar an.  

Die Fernwanderroute

Wie die Wasserscheide beginnt auch der von mir benutzte Wanderweg in Tarifa. Von hier aus führt der Europäische Fernwanderweg E4 über rund 10‘000 Kilometer via Frankreich, die Schweiz und Österreich auf den Balkan und nach Athen. (Einzelne Teilstrecken davon habe ich bereits früher auf meiner Wanderung Jura-Magistrale begangen.) In Spanien wird der E4 durch den Sendero de Gran Recorrido Nr. 7 (GR7), gebildet. Das andalusische Teilstück, der «Sendero andaluz» verläuft zwar teilweise recht weit von der EHWS entfernt, folgt aber im Wesentlichen deren Hauptrichtung und überquert sie mehrfach. Seinen höchsten Punkt erreicht der Sendero in der Sierra Nevada kurz nach dem Puerto de la Ragua ; er liegt auf 2‘055 Meter über Meer und somit um ebenso viel höher als sein Ausgangspunkt in Tarifa.

Im Nordosten Andalusiens setzt sich der E4/GR7 jedoch in nordöstlicher Richtung zur Provinz Murcia fort, während die EHWS sich zwischen den Quellgebieten des Guadalquivir und des Segura hindurch windet und mit der Sierra de Segura und der Sierra de Alcaraz auch präbetische Teil der Kordilleren durchzieht. Hier nutzte ich Teile von regionalen Fernwanderwegen, namentlich des GR 144 und des GR 247, von lokalen Wanderwegen oder auch unmarkierte Wege und Strassen. 

Fernwanderwege in Andalusien. Der Sendero andaluz (weisse Linie) trennt sich im östlichen Teil in eine Nord- und eine Südroute. Die Südroute verläuft näher zur Hauptwasserscheide. (Bild: andaltura.com)

Praktisches

Der E4/GR7 ist grundsätzlich markiert, und zwar den international verbreiteten Standards für Fernwanderwege entsprechend (rot-weisse Balken, ein Kreuz warnt nach Kreuzungen und Verzweigungen vor der falschen Richtung). Es gibt recht gute topografische Karten, Wanderwege sucht man darauf allerdings vergeblich. Eigentliche Wanderkarten gibt es nicht – jedenfalls habe ich keine gefunden. Als Wanderführer stehen Topoguides in spanischer Sprache zur Verfügung («Topoguía GR7/E4 Sendero Andaluz», provinzweise als PDF’s erhältlich bei der Andalusischen Bergsportvereinigung FAM, www.fedamon.com ); diese enthalten nebst Wegbeschreibungen ausführliche und substanzielle Informationen zu Flora und Fauna und zur Geschichte der tangierten „weissen Dörfer“, aber keinerlei praktische Informationen zu Infrastrukturen wie Verkehrsverbindungen, Unterkünften oder Versorgung. Als unverzichtbar betrachte ich gerade unter diesem Aspekt den englischsprachigen Wanderführer “Walking the GR7 in Andalucia” von Kirstie Shirra and Michelle Lowe aus dem Cicerone-Verlag. Viel profitiert habe ich zudem von den Berichten des Fernwanderers und Bloggers John Hayes, der nach eigenen Angaben als erster Mensch den E4 von Tarifa bis nach Budapest abgewandert und über seine Erfahrungen berichtet hat (siehe http://www.johnhayeswalks.com/p/e4.html ).

Von 2016 bis 2022 erwandert

Ich bin im Jahr 2016 in Tarifa gestartet und habe in 58 über die Jahre verteilten Tagesetappen rund 1'112 Kilometer zurückgelegt, einschliesslich einer Variante über das Kernstück des Hauptkamms der Sierra Nevada. Das Ende der Strecke liegt in Alcaraz, das am Nordfuss der nach ihm benannten Sierra liegt, die den nördlichen Abschluss der Betischen Kordilleren bildet. An dieses Gebirge schliesst sich der südliche Teil der spanischen Meseta an, der auch als La Mancha bekannt ist. Die letzten dreieinhalb Etappen fanden schon nicht mehr in Andalusien, sondern in der Region Kastilien-La Mancha statt.

Unter den folgenden Links erfährst du mehr über die erwanderten Jahresstrecken. Von dort kannst du auch zu den Tagesetappen gelangen:


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