Kettenjura I

EHWS Jura, Teil II: Les Reussilles - Les Verrières (2018)

Im Jahr 2018 wanderten Ruth und ich ein zweites Teilstück des Hauptwasserscheiden-Abschnitts durch den Jura ab. Es führte uns vom Südrand der Freiberge über mehrere der langgezogenen Ketten des Faltenjuras bis in die westlichste Ecke des Neuenburger Juras. Unsere insgesamt sieben Wandertage verteilten sich über die Periode von Mai bis Oktober.

Hin und her zwischen Juraketten

Nach dem uneindeutigen Verlauf quer durch die oberirdisch abflusslosen Freiberge stösst die EHWS am Südrand des Plateaus beim Mont Tramelan auf die Ketten (in der Fachsprache: Antiklinalen) des Faltenjuras und nimmt deren nordost-südwestliche Streichrichtung auf. Dabei wechselt sie mehrmals die Ketten und überquert dazu jeweils die dazwischenliegenden Talmulden (Synklinalen).


EHWS Kettenjura I
Abschnitt EHWS Jura, Teil II
  (Fernwanderprojekt EHWS)
Länge / Dauer 100,2 km / 7 Tage
Durchgeführt 11. Mai  - 6. Oktober 2018
Höchster Punkt 1'310 m: Grand Sommartel
Tiefster Punkt 929 m: Les Verrières
Start Les Reussilles
Ende Les Verrières
Weitere Facts & Figures
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Montagne du Droit mit Windturbine und Chasseral.
Montagne du Droit mit Windturbine und Chasseral.

Als erstes erklimmt sie die mit Windturbinen bestückte Montagne du Droit, deren Kamm die Hochebene der Freiberge gegen die tiefer gebettete Talmulde von Saint-Imier abgrenzt, und folgt ihr bis zu ihrem Ende, das durch eine der wenigen Bruchlinien verursacht wird, die das harmonische Gefüge der parallel verlaufenden Ketten stört. Entlang dieser Bruchlinie – sie zieht sich vom Passübergang der Vue des Alpes im Süden bis zum Tal des Doubs im Norden hinunter – weicht die Wasserscheide sodann über einen sich zwischen die Täler von Saint-Imier und La Chaux-de-Fonds schiebenden Querriegel südwärts zur Kette des Communal de La Sagne zurück. Diesem sich wieder in die Haupt-Streichrichtung des Faltensystems einordnenden Kamm folgt sie bis zu seinem höchsten Punkt, den sie mit 1337 m auf dem Sommartel erreicht. Von dort fällt sie zu dem moorigen Hochtal von La Brévine hinab, das sie rechtwinklig überquert, um ihren Weg auf der sich nördlich anschliessenden Larmont-Kette fortzusetzen. Wo diese sich in zwei Arme verzweigt, wechselt sie auf die südlichere der beiden, deren scharfer Krete sie weiter nach Südwesten folgt. Vor deren durch die Bruchlinie Vallorbe – Pontarlier verursachten Ende vollzieht sie aber eine scharfe Kehrtwende zu dem abzweigenden Seitenkamm von Le Cernil und wechselt in einer nach Osten zurückgestülpten Bucht über die Talmulde von Les Verrières zur nächsten Parallelkette hinüber.

In diesem Abschnitt bildet die EHWS ein weiteres Teilstück der Wasserscheide zwischen Rhône und Rhein, genauer zwischen deren Vorflutern Saône auf der Rhône-Mittelmeer- sowie Birs und Aare auf der Rhein-Nordsee-Seite. Mit keinem dieser Flüsse hat die Gegend direkten Kontakt: Zur Saône hin entwässert sie durch den nahen Doubs, zur Birs via das Nebenflüsschen Trame und zu der aus den Alpen stammenden Aare durch die Suze (Schüss) und die unterirdisch gespeiste Areuse, und zwar über die «Zwischenstationen» der Jurarandgewässer Neuenburger- und Bielersee.

Wechselvolle Industriegeschichte

Politisch gesehen verläuft die EHWS auf diesem Teilstück durch Gebiete der Schweizer Kantone Bern und Neuchâtel (Neuenburg) und des zur französischen Region Bourgogne-Franche-Comté gehörenden Département du Doubs. Über eine längere Strecke bildet sie die Staatsgrenze. Die fernab von Grossstädten liegende Gegend wird seit je von Land- und Forstwirtschaft geprägt. Im 19. Jahrhundert hielt aber auch die Industrialisierung Einzug, etwa mit Textil- und Uhrenindustrie oder der Produktion von Absinth. Erlitten die beiden erstgenannten Branchen im 20. Jahrhundert einen Niedergang, so wurde die letztgenannte während fast des ganzen Jahrhunderts durch staatliche Verbote ausgebremst. Maschinenindustrie, Mikrotechnik und Elektronik führten in jüngster Zeit zu einem gewissen Wiederaufschwung. Daneben ist auch der Tourismus zu einer wichtigen Erwerbsquelle geworden.

Regionale Zentren im näheren Umkreis sind Biel und Neuchâtel im Süden und Besançon im Norden. Vor allem in der Blütezeit der Uhrenindustrie entstanden aber auch innerhalb des Gebietes grössere Siedlungen und gar Städte, von denen das fast 1000 m hoch gelegene La Chaux-de-Fonds die grösste und höchstgelegene ist. Saint-Imier, Le Locle, Morteau und Pontarlier sind weitere Beispiele. Diese Entwicklung führte auch zum Bau einiger Verkehrsverbindungen, die dem Gebiet trotz seiner Randlage eine relativ gute Anbindung an das schweizerische und in geringerem Mass an das französische Verkehrsnetz bescheren. Buslinien ergänzen das Bahnangebot, haben zum Teil aber sehr dünne Fahrpläne.

Unterirdische Abflüsse

Juraweide mit Fichten und Pferden.
Juraweide mit Fichten und Pferden.

Ausserhalb der industrialisierten Talmulden ist die Landschaft bis heute dünn besiedelt geblieben und hat ihren sehr ländlichen, naturnahen Charakter weitgehend behalten. Die oft steilen Hänge der sich aber meist nicht allzu weit über ihre Umgebung erhebenden Gebirgsfalten sind dicht bewaldet, auf den Plateaus dehnen sich mit Einzelbäumen (vor allem Fichten) oder Baumgruppen bestandene Weiden aus. Zwischen den Höhenzügen erstrecken sich moorige, zum Teil vollkommen ebene Hochtäler. Wie in den Freibergen, als deren südwestliche Fortsetzung sie betrachtet werden können, handelt es sich dabei um Senken ohne oberirdische Abflüsse. Soweit Fliessgewässer überhaupt entstehen können, versickern sie nach wenigen Kilometern im karstigen Untergrund und treten anderswo zu Tage – ebenso wie auch der Abfluss des einzigen Sees, des Lac de Taillères im Hochtal von La Brévine. Das Klima ist rauh; an den Höhenzügen entladen sich im Sommer häufig Gewitter, im Winter verwandeln Schneedecken die Landschaft in ein Langlaufparadies, und in den Senken sammelt sich Kaltluft an (was zum Beispiel dem Tal von La Brévine den Ruf eines «schweizerischen Sibiriens» eingetragen hat).

Blick vom Meix Musy über die Plateaus der Franche Comté.
Blick vom Meix Musy über die Plateaus der Franche Comté.

Wanderern steht ein dichtes Netz von bestens ausgeschilderten Wegen zur Verfügung. Am Nordrand wird das Gebiet auch vom französischen Fernwanderweg GR5 gestreift. Viele Wege folgen der Streichrichtung der Falten oder steigen zu herausragenden Aussichtspunkten hinauf. Wer wie wir die Hauptwasserscheide bei ihrem «Faltenhüpfen» begleiten will, muss gelegentlich auch unmarkierte Wege nutzen. Weil die EHWS vorwiegend den Kämmen am Nordrand des Kettensystems folgt, wo dieses in den Plateaujura übergeht, bieten sich öfters weite Fernsichten über die vorgelagerten Plateaustufen der Freiberge und der Franche-Comté (Freigrafschaft). Zur andern Seite hin wird der Horizont durch die nahen und höheren südlichen Ketten begrenzt, die von dem dank seinem Sendeturm weithin sichtbaren Chasseral über die Mont Racine-Kette und den Felsenkessel des Creux du Van bis zum Chasseron und zum Suchet reichen. An einigen wenigen Stellen lassen sich über sie hinweg mit etwas Wetterglück aber auch einige Alpengipfel erhaschen.

Immer zwischen 1000 und 1300 M.ü.M.

Die von uns begangene Route verlief meist direkt auf oder in unmittelbarer Nähe der EHWS in Höhenlagen zwischen rund 1‘000 und 1‘300 Metern und wies entsprechend viele lange und flache oder nur sanft geneigte Abschnitte auf. Auf- und Abstiege waren manchmal steil, jedoch nicht sehr lang; nur an wenigen Tagen summierte sich die Höhendifferenz auf mehr als einige wenige hundert Meter. Abstiege auf unter 1000 Meter waren nur für Übernachtungen und Heimreisen erforderlich. So lag der tiefste Punkt unserer Wanderung mit 929 m bei der Bahnstation von Les Verrières; den höchsten überschritten wir auf 1‘310 m unterhalb des Gipfels des Grand Sommartel.

Die rund 100 Kilometer legten wir auf einer Drei- und einer Zweitagewanderung sowie zwei Tageswanderungen zurück. Für die dazu erforderlichen je vier An- und Rückreisen ab und nach Bern nutzten wir meist öffentliche Verkehrsmittel (via Biel oder Neuchâtel) und einmal (wegen zu ungünstigem Busfahrplan) das Privatauto. Unterkünfte fanden wir in Hotels, Herbergen und einem Guesthouse. Zweimal übernachteten wird direkt auf der Wasserscheide, nämlich in den Herbergen «L‘Assesseur» auf dem Mont-Soleil und auf dem Vieux Châteleu.

Etappierung

Unten siehst du, wie wir die Strecke in Etappen eingeteilt haben.

Etappe 6 (11. Mai 2018) Les Reussilles - Mont Soleil (Funiculaire)
15,5 km / 4h20'
Etappe 7 (25. Mai 2018) Mont Soleil (Funiculaire) - Mont Soleil (L'Assesseur)
3,5 km / 1h
Etappe 8 (26. Mai 2018) Mont Soleil (L'Assesseur) - La Chaux-de-Fonds
19,4 km / 5h15'
Etappe 9 (27. Mai 2018) La Chaux-de-Fonds - Les Coeudres
16 km / 5h40'
Etappe 10 (30. Juni 2018) Les Coeudres (Est) - Le Prévoux
11,2 km / 3h10'
Etappe 11 (5. Oktober 2018) Le Prévoux (CH) - Vieux Châteleu (F) 14,7 km / 4h13'
Etappe 12 (6. Oktober 2018) Vieux Châteleu (F) - Les Verrières (CH) 19,9 km / 4h46'

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Tagesberichte

Wie es uns beim Wandern ergangen ist, kannst du in meinem Blog nachlesen. Unten gehts direkt zu den entsprechenden Tagesberichten.


Sonne, Wind und Löwenzahn

EHWS Jura, Etappe 6: Les Reussilles - Mont Soleil (Funiculaire)

Windturbine auf der Montagne du Droit.
Windturbine auf der Montagne du Droit.

Die Fernwandersaison 2018 begann mit dem Abschied vom Plateau der Freiberge und einer klassischen Jura-Kretenwanderung : Nach einem kurzen Aufstieg war eine Jurafalte erklommen, die wir in der Folge nicht mehr verliessen – und dies bis zum Tagesziel, wo aus der Sonne nicht nur ein Ortsname, sondern auch Strom gewonnen wird. Stundenlang wanderten wir in luftiger Höhe zwischen Fichten und Windturbinen über grün-gelbe Juramatten, auf denen der Löwenzahn – im Flachland längst verblüht – noch unumstrittener König war.

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Jura superkompakt

EHWS Jura, Etappe 7: Mont Soleil (Funiculaire) - Mont-Soleil (L'Assesseur)

Auf dem Mont-Soleil.
Auf dem Mont-Soleil.

Sie braucht kaum mehr als eine Stunde – aber diese Kürzestwanderung auf dem Mont-Soleil enthält nahezu alles, was charakteristisch ist für den Jura: fichtenbestandene Blumenwiesen, Pferde, Trockensteinmauern, Dolinen, Kalkfelsenbänder – und Stille. Wir unternahmen sie als Feierabendwanderung, weil wir auf dem Berg übernachten wollten.

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Flower Power bei Donnergrollen

EHWS Jura, Etappe 8: Mont-Soleil (L'Assesseur) - La Chaux-de-Fonds

Mulde von Bas Monsieur, Blick zum Mont Cornu (Bildmitte).
Mulde von Bas Monsieur, Blick zum Mont Cornu (Bildmitte).

Über den Kamm der Montagne du Droit folgte Blumenwiese auf Blumenwiese, wechselnde Farben besprenkelten, betupften oder bestrichen den grünen Untergrund. Die Sonne drückte fast schon sommerlich, doch am weiten Himmel verdichteten sich gegen Nachmittag zusehends die Wolken. Am Mont Cornu grollte der Donner, entlud sich aber nicht.

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Picknick auf dem Gemeindeteppich

EHWS Jura, Etappe 9: La Chaux-de-Fonds (Grandes-Crosettes) - Les Coeudres

Sonntagnachmittag auf dem Communal de la Sagne.
Sonntagnachmittag auf dem Communal de la Sagne.

Bedeckt wars heute von Anfang an, dann und wann gabs auch ein paar Regentropfen. Das hielt weder uns noch viele andere davon ab, die teppichähnliche Wiese zu geniessen, die sich viele Kilometer weit über den Kamm dahinzieht, der Le Communal heisst und sich entlang des Vallée de La Sagne erstreckt. Sei es reitend, radfahrend, wandernd oder picknickend.

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Unter allen Gipfeln ist Moor

EHWS Jura, Etappe 10: Les Coeudres (Est) - Le Prévoux

Gelber Enzian auf dem Sommartel.
Gelber Enzian auf dem Sommartel.

Auf dem Grand Sommartel wendet sich die kontinentale Wasserscheide abrupt nach Nordwesten, von der «rheinischen» Talmulde von La Brévine zu einer benachbarten Jurakette abgedrängt. Entsprechend verlief auch unsere Route hier wieder einmal quer zur Jurafaltung. Über den Sommartel stiegen wir hinüber, einige niedrigere Hügel streiften wir auf der anschliessenden Flachwanderung – alle umgeben von moorigen Hochtälern ohne oberirdische Abflüsse.

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Balkone über der Freigrafschaft

EHWS Jura, Etappe 11: Le Prévoux (CH) - Vieux Châteleu (F)

Meix Musy, Blick auf Doubs-Tal mit Villers-le-Lac.
Meix Musy, Blick auf Doubs-Tal mit Villers-le-Lac.

Bei wunderschönem Herbstwetter machten wir uns noch einmal in diesem Jahr zu einer Zweitagewanderung auf. Nachdem wir zuletzt die Neuenburger Hochtäler gequert hatten, wandten wir uns ebenso wie die Wasserscheide nun wieder in die Nordost-Südwest-Richtung der Jurafaltung und steuerten die Larmont-Kette an. Diese erhebt sich nur geringfügig über die südöstlich anschliessenden Hochtäler, fällt jedoch nach Nordwesten steil zu den Tälern des Doubs und seiner Nebenflüsse hinab; wo sich der Wald lichtete, boten sich Ausblicke über diese hinweg in die endlosen Weiten der Franche-Comté hinaus.

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Grenzsteine und Geheimpfade

EHWS Jura, Etappe 12: Vieux Châteleu (F) - Les Verrières (CH)

Bei Charopey, Blick zurück zum Mont Châtelau.
Bei Charopey, Blick zurück zum Mont Châtelau.

Das Wetter war weniger sonnig als am Vortag, wir brachen unter teilweise bedecktem Himmel von Vieux Châteleu auf. Um der EHWS möglichst nahe zu bleiben, schusterten wir uns eine Route aus Stücken zusammen, die nicht dafür gedacht, aber teilweise einst zum Schmuggeln genutzt worden waren. Zunächst folgten wir wieder wie am Morgen des Vortages den Grenzsteinen, später aber auch unmarkierten Pfaden. Ausser ein paar Wildschweinen begegneten wir den ganzen Tag kaum jemandem.

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