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Flower Power bei Donnergrollen

EHWS Jura, Etappe 8: Mont-Soleil (L'Assesseur) - La Chaux-de-Fonds

Mulde von Bas Monsieur, Blick zum Mont Cornu (Bildmitte).
Mulde von Bas Monsieur, Blick zum Mont Cornu (Bildmitte).

Über den Kamm der Montagne du Droit folgte Blumenwiese auf Blumenwiese, wechselnde Farben besprenkelten, betupften oder bestrichen den grünen Untergrund. Die Sonne drückte fast schon sommerlich, doch am weiten Himmel verdichteten sich gegen Nachmittag zusehends die Wolken. Am Mont Cornu grollte der Donner, entlud sich aber nicht.

Blick über die Weiten der Freiberge...

Das Frühstück genossen wir auf 1200 Metern Höhe bei Jazzklängen und mit dem Chasseral vor Augen. Diesem kehrten wir beim Aufbruch den Rücken; vor uns lag das letzte Teilstück der Montagne du Droit, jener Jurakette, der wir seit Mitte der vorletzten Etappe folgten. Nur wenige Schritte waren es bis zum Kammscheitel; von Auge war er kaum zu erkennen, ist doch der Bergrücken in diesem Abschnitt sehr breit und nahezu flach. Seiner nach West-Südwest orientierten Richtung folgten wir zunächst auf einem schnurgeraden Teersträsschen, später auf einem ebenso geraden, bequemen Pfad über eine Wiese; wie ein riesiger grüner Spannteppich mutete diese an, mit Farbtupfern bespickt und einigen alleinstehenden Bäumen möbliert.


Mont Soleil (L'Assesseur) - La Chaux-de-Fonds
Etappe EHWS Jura, Nr. 8
  (Fernwanderprojekt EHWS)
Länge / Zeit 19,4 km / 5h15'
Auf- / Abwärts 254 m / 461 m
Höchster Punkt 1'204 m (ob L'Assesseur)
Tiefster Punkt 989 m (La Chaux-de-Fonds, Gare)
Fernwanderwege ---
Durchgeführt Samstag, 26. Mai 2018
Weitere Facts & Figures
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Nach etwa eineinhalb Kilometern gelangten wir zu einer Gabelung zweier Strässchen, nahezu exakt auf der Wasserscheide. Bis hierher waren wir den gleichen Weg gegangen wie vor vielen Jahren auf einer Fernwanderetappe vom Mont-Soleil auf die Vue des Alpes. Nun aber lösten wir uns von ihm: Während jener auf der dem Vallon de St-Imier zugewandten Rhein-Seite nach La Cibourg führt, entschieden wir uns diesmal für die Doubs-Seite, weil dieser Weg insgesamt näher an der EHWS dran bleibt.

An schönen Einzelhöfen vorbei schritten wir, leider auf Hartbelag, sanft abwärts. Zu unserer Rechten blickten wir über die Weiten der Freiberge mit Dörfern wie Les Bois und Le Noirmont und der anschliessenden Franche-Comté. Üppig sprossen beidseits in den unterschiedlichsten Farben eine Blumenwiese nach der andern.

Über eine Wölbung gelangten wir dann nochmals auf die Suze-Rhein-Seite, in eine von bewaldeten Anhöhen umgebene Mulde mit Pferdeweiden hinüber. Das war die Combe du Pélu; ein gelbes Meer aus Hahnenfuss breitete sich über sie aus, durch die langen dünnen Stängel schien es, als schwebten die Blüten frei über der grünen Ebene.

... und zu deren Abbruchkante

La Ferrière, Flühe der Combe de Biaufond.
La Ferrière, Flühe der Combe de Biaufond.

An deren Westrand durchstiess der Weg eine fichtenbestandene Kalksteinrippe und mit ihr erneut die EHWS; gleich dahinter senkte sich das Gelände um eine Stufe zum Plateau der Freiberge ab. Aus diesem reckte sich der Kirchturm von La Ferrière empor. Etwas rechts hinter ihm waren im Wald Kalksteinflühe zu erkennen; sie gehören zu der Abbruchkante, an der das Plateau zu der rund 400 Meter tiefen Combe de Biaufond und zum Doubs-Graben hinabfällt. Auf meiner ersten Jura-Fernwanderung bin ich dort hinuntergestiegen; wir wandten uns aber in die andere Richtung: Statt dem markierten Wanderweg zu folgen, der als Pfad quer durch die Wiese geradewegs La Ferrière ansteuert, blieben wir auf dem Strässchen, das einen scharfen Knicks nach links machte, und umgingen das Dorf in einem weiten Bogen nach Süden. Bei dem unterhalb des Dorfes gelegenen Friedhof überquerten wir die Verbindungsstrasse zwischen Freibergen und Neuenburger Jura, anschliessend galt es die verlorene Höhe wieder wettzumachen. Der Aufstieg auf dem nun wieder als Wanderweg markierten Graspfad Richtung Haute Ferrière brachte uns, obwohl kurz und nicht extrem steil, gehörig ins Schwitzen – es war inzwischen auch bereits nach elf Uhr.

Spuren einer Verwerfung

Die Anhöhe bildet die westlichste Schulter der Montagne du Droit und war unser letzter Kontakt mit dieser. Wir überquerten sie auf 1068 Meter bei einem auf den Karten mit Crêt de la Borne bezeichneten Punkt. Dann senkte sich der Weg zur Mulde von Bas Monsieur hinab, einer moorigen Ebene, die sich zwischen die Montagne du Droit und die quer zu dieser verlaufenden Geländerippe der Joux Perret hineinschiebt. Sie ist Teil der Verwerfungslinie, die das System der Jurafalten in diesem Bereich durchbricht und sich von der Vue des Alpes über die Combe du Valanvron und die anschliessende Combe de Biaufond bis zum Doubs-Tal hinunter zieht. Jenseits der Ebene war im Südwesten auch bereits der durch einen Sendeturm gekennzeichnete Mont Cornu zu erkennen; das war die nächste Bergkuppe, die wir ansteuerten.

Bas de Monsieur. Dahinter Joux Perret und links Mont Cornu.
Bas de Monsieur. Dahinter Joux Perret und links Mont Cornu.

Dazu galt es zunächst den Bas Monsieur halbwegs zu umrunden. Wir hielten uns dabei an die dem Rand der Moorebene entlangführende Linie der Jurabahn: Auf einem Graspfad, der neben ihr her verlief, gingen wir, inzwischen auf Neuenburger Kantonsgebiet, bis zur Haltestelle von La Cibourg, wo wir die Strasse ein zweites Mal überquerten und wieder auf die vor Jahren begangene Route trafen; in einem der Gebäude bei der Kreuzung hatten wir seinerzeit etwas getrunken, aber heute deutete nichts mehr auf das ehemalige Restaurant hin. Nach etwa einem Kilometer liessen wir die damalige Route endgültig links liegen: Während diese sich weiter südwärts in Richtung Vue des Alpes fortsetzte, wandten wir uns nun wieder nach Südwesten.

Übergang mit Stimmungsumschwung

An Häusern des weitverstreuten Weilers Les Reprises vorbei gingen wir wieder zum Geleise der Jurabahn hinunter. Wo diese zu einer engen Schlaufe ansetzte, überquerten wir sie zweimal; gleich dahinter stiegen wir auf einem kaum sichtbaren Pfad quer durch eine Wiese auf eine Geländeschulter hinauf. Oben standen wir über dem südlichen Rand der Bas Monsieur-Ebene und konnten unter uns die geschwungenen Linien von Bahn und Strasse bewundern: Beide schlängelten sich hier nahe nebeneinander durch einen Engpass zwischen dem Moor und den Kämmen von Joux Perret und Mont Cornu. Von hier aus bot sich auch ein Überblick über weite Teile unseres Vormittagsprogramms: von der Haute Ferrière jenseits des Bas Monsieur bis zu den Windturbinen des Mont-Soleil und dem beim Frühstück von nahe bewunderten Chasseral: In weite Ferne entrückt schienen sie schon!

Mit dem Überschreiten der Schulter verschwanden sie auch aus unserem Blickfeld; es begann ein neuer Abschnitt – und zwar nicht nur landschaftlich, sondern auch meteorologisch. Auf einem nicht als Wanderweg markierten Strässchen gelangten wir auf die Westseite des Mont Cornu, in das langgezogene, flache Tälchen von Petites Crosettes, das sich Richtung La Chaux-de-Fonds hinunter zieht. Als wäre die eben noch schweisstreibende Sonne jenseits des Berges hängengeblieben, schlossen sich jetzt grosse dunkle Wolken über uns zusammen und verdüsterten die Stimmung. Während wir abwärts trotteten, donnerte es sogar ab und zu, wenn auch ohne Blitz und somit vermutlich aus grösserer Entfernung.

Umweg, der EHWS zuliebe

Mont Cornu, Blick ins Vallon de St-Imier.
Mont Cornu, Blick ins Vallon de St-Imier.

Geradeaus hätten wir wohl in einer halben Stunde die Stadt erreichen können, bereits zeigten sich deren erste Hochhäuser. Wir liessen uns jedoch nicht beunruhigen und setzten wie geplant zu einer Schlaufe an, indem wir nach links auf ein bergwärts führendes Strässchen abzweigten. Knapp hundert Höhenmeter waren zu überwinden, dann waren wir erstmals seit der Montagne du Droit wieder auf der EHWS – ihretwegen war es, dass wir diesen Umweg unternahmen. Bei einem stattlichen Hof mit Pferdestallungen und dem Namen Cornu – bis vor kurzem eine Herberge mit einer im Web hochgelobten Küche, inzwischen aber aufgegeben – war sie erreicht; ein etwa 15-minütiger Abstecher führte mich von hier auf den 1173 m hohen Gipfel mit dem Sendeturm und wieder zurück.

Mont Cornu. La Chaux-de-Fonds mit Pouillerel.
Mont Cornu. La Chaux-de-Fonds mit Pouillerel.

Oben war die Wasserscheidenfunktion dieses Kamms augenscheinlich; wie ein Querriegel verhindert er eine Verbindung zwischen den gleichgerichteten Längstälern zu beiden Seiten: dem langen, U-förmigen Vallon de St-Imier im Osten, durch das die Suze Richtung Bielersee fliesst, und dem kürzeren Talkessel von La Chaux-de-Fonds im Westen, der – wenn auch «nur» unterirdisch – zum Doubs hin entwässert. Auf der erstgenannten Seite zeichneten sich über den oberen Rändern des «U» die Windturbinen und diesen gegenüber der Chasseral-Turm ab; in dem nur noch diffusen Licht verschwammen freilich die Konturen. Auf der andern Seite lag die Uhrenstadt zu Füssen, zwischen die Höhenzüge der Sommartel-Kette und des Pouillerel hineingebettet.

Zu Tale

Die Stimmung blieb düster, das Donnergrollen hingegen war inzwischen verstummt. Entlang der Ostseite der Geländerippe und für kurze Zeit nochmals auf der Suze-Seite setzten wir unsern Weg fort und gelangten an einer Ferienhaussiedlung vorbei zum Hof La Loge und einer Weggabelung. Um der EHWS weiterhin nahe zu bleiben, hätten wir unsere Richtung beibehalten müssen und wären dann durch die Ostflanke des Mont Sagne – einen Weg zu dessen Gipfel hinauf konnte ich auf meinen Karten nicht ausfindig machen – ins Tal von La Sagne und zur Sommartel-Kette gelangt. Aber unser Tagespensum war so durchaus schon gross genug, und irgendwo mussten wir abends ja essen und schlafen. Wir nahmen deshalb den rechten Zweig der Weggabel, überquerten beim Pferdezuchtbetrieb Le Cerisier den Kammscheitel und stiegen, die EHWS auf diesem zurücklassend, nach La Chaux-de-Fonds hinunter. Durch die Hangsiedlung Olives-Crosettes, über den grossen Verkehrskreisel, hinter dem die Schnellstrasse nach Neuchâtel im Vue-des-Alpes-Tunnel verschwindet, und über einen bewaldeten Hügel mit dem Campingplatz Bois-du-Couvent erreichten wir den Stadtrand und auf mehr oder weniger geradem Weg das Stadtzentrum. Gegen vier Uhr kamen wir dort an.

Bis dann hatte sich das Wetter wieder aufgehellt; unsern Durst löschten wir beim Bahnhof in der Sonne sitzend, und am Abend genossen wir auch das Nachtessen draussen. Letzteres taten wir freilich nicht in La Chaux-de-Fonds, wo wir für heute keine passende Unterkunft gefunden hatten, sondern in der nur acht Bahnminuten entfernten Nachbarstadt Le Locle.


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