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Alle Panoramen wie weggeblasen

EHWS Mittelland, Etappe 4: Grandvaux - Puidoux-Moreillon

Tour de Gourze.
Tour de Gourze.

Auch auf meiner ersten Wanderung nach der Winterpause traf ich das Lavaux nicht viel freundlicher an: Ein bisschen mehr Sonne zwar, ein bisschen mehr Wärme, wenn mir der Wind gerade nicht um die Ohren pfiff. Aber von den prächtigen Panoramen, die den Genfersee umkränzen, war auch diesmal nichts zu sehen. Sie allesamt – der Jura im Westen, die Alpen im Süden, die Voralpen im Osten, in der Tiefe der See – waren von der kräftigen Bise wie weggeblasen. Dafür konnte ich mich während des ganzen Tages über die Nähe der Wasserscheide freuen.

Auf den ersten Blick zeigte sich das Lavaux fast gleich wie vor fünf Monaten: Hatten damals Nebel und Hochnebel die Landschaft verhüllt, so tat dies jetzt ein starker Dunst, wie er für Bisenlagen typisch ist. Die Bise machte sich denn auch gleich bemerkbar, als ich in Grandvaux aus dem Zug stieg: Schon nach wenigen Schritten musste ich mich wärmer anziehen – dabei war ich hier unten am Hang noch windgeschützt.

Nachdem ich im Herbst praktisch nichts von der Landschaftsmarke des Signal de Grandvaux gesehen hatte und zudem mit der gewählten Route unzufrieden war, beschloss ich, noch einmal – nun aber von Norden her – zu ihm hinaufzusteigen. So ging ich auf der Strasse nach Forel wieder den überbauten Hang aufwärts. Zaghaft zeigte sich der Frühling: In den Gärten blühten Primeln und Forsythien, Magnolien schickten sich an aufzugehen. Von den Weinbergterrassen und vom See war ein bisschen mehr zu sehen als damals, knapp bis Lausanne reichte heute die Sicht.


Grandvaux - Moreillon
Etappe EHWS Mittelland, Nr. 4
  (Fernwanderprojekt EHWS)
Länge / Zeit 20 km / 5h40'
Auf- / Abwärts 564 m / 462 m
Höchster Punkt 926 m (Tour de Gourze)
Tiefster Punkt 561 m (Grandvaux Gare)
Fernwanderwege ---
Durchgeführt Donnerstag, 11. April 2019
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Kaum gelangte ich nach der Ortstafel von Le Signal bei der Wasserscheide auf die Anhöhe, pfiff mir ein aggressiver, kalter Wind entgegen, als wollte er mich umgehend wieder vom Plateau hinunterfegen. Bei der ersten Kreuzung zweigte ich nach rechts auf den Chemin de Chincuz ab, den ich im Herbst zu Gunsten der Variante durch den Südhang verschmäht hatte, und ging nordseitig hinter dem mit der Antenne bestückten Mont de Belmont durch. Nach nur zehn Minuten – über die Südhang-Route hatte es rund eine Stunde gekostet – erreichte ich seine östliche Schulter und die Abzweigung des zu ihm hinauf führenden Kammwegs. Das Signal war heute bereits von unten her sichtbar. Oben war die Sicht freilich nur geringfügig besser als damals: Sonnenstrahlen hellten zwar die Stimmung auf und verliehen den noch spärlich treibenden Blüten Farbe, aber die Berge im Süden blieben ebenso verhüllt wie die Jorat-Höhen im Norden. Der Blick vom Antennensockel ins dunstige Nichts hinaus wurde begleitet von einem kräftigen Rauschen in den Baumwipfeln; wenn ich die Augen schloss, kam es mir vor wie an einer stürmischen Meeresküste.

Fantasien eines Landschaftsmalers

Signal de  Grandvaux, Tour de Gourze.
Signal de Grandvaux, Tour de Gourze.

Immerhin konnte ich diesen Wendepunkt der EHWS dank der Zweitbesteigung nun in einem bescheidenen räumlichen Zusammenhang sehen: Denn im Nordosten zeichnete sich die damals verborgene Silhouette des Nachbarhügels Tour de Gourze ab. Dies war die nächste Landmarke auf der Wasserscheide, die ich nun anvisierte. Nach dem Rückweg über den Kamm ging ich etwas unterhalb am windgeschützten Südhang an schmucken Höfen und dem Weiler Les Auges vorbei auf eine andere windige Schulter und von dort auf einem kerzengeraden Strässchen den Hang hinauf. Genau eine Stunde benötigte ich für die Strecke vom Signal zu dem 120 Meter höheren Tour de Gourze. Auf dessen Kuppe stehen ein Restaurant und ein quadratischer steinerner Turm; dem letzteren verdankt der Hügel das Wort «Tour» in seinem Namen. Das auf das Mittelalter zurückgehende und um die vorletzte Jahrhundertwende restaurierte Bauwerk lässt sich über Treppen in seinem Innern erklimmen. Von seiner Zinne bietet sich eine prächtige Weitsicht über das gesamte Genferseebecken samt Alpen und Jura – dies jedenfalls gaukeln zwei auf der Brüstung angebrachte Panoramatafeln vor: Glaubt man ihnen, sieht man vom Grand Muveran in den Waadtländer über den Grand Combin in den Walliser und die Cornettes de Bise in den Savoyer Alpen bis hin zum Mont Racine im Neuenburger Jura. Heute jedoch schien die mir um die Ohren pfeifende Bise dies alles weggeblasen zu haben – fast wäre man geneigt, es für reine Phantasien eines Landschaftsmalers zu halten.

Blick zu Mont Chesau und Mont Pèlerin.
Blick zu Mont Chesau und Mont Pèlerin.

Weiter nach Osten gliedert sich die Landschaft in eine Abfolge von in Süd-Nord-Richtung verlaufenden Rücken und Senken. Meine Route wurde komplizierter, da klare Landmarken und zum Teil auch Wanderwege fehlten. Nach einem Kaffee im Restaurant verliess ich die EHWS vorerst einmal und stieg auf der nördlichen Rückseite des Hügels auf dem Wanderweg nach Savigny durch den Wald hinunter – das erste und einzige Wegstück heute mit Naturbelag! In einem Zwischentälchen wandte ich mich wieder nach Süden und folgte dem Wegweiser nach Les Cases bis zum Bach La Mortingue hinunter, der zum Grenet und mit diesem via Broye zum Neuenburgersee hin fliesst, und stieg dann seinem Lauf entgegen in Wanderweg-Richtung «Cully» wieder aufwärts, an der Quelle vorbei auf eine unbewaldete Anhöhe hinaus. Am Waldrand strich ein Fuchs durchs Gras, er schien mich nicht zu bemerken. Bei einem Hof und einem kleinen Holzhäuschen mit Selbstbedienungs-Hofladen – es steht exakt auf der Wasserscheide – bog ich rechtswinklig nach Ost und vor der nächsten Geländeschwelle gleich wieder nach Nord ab, jedoch nicht ohne vorher einen kurzen Blick von der Schwelle nach Osten zu werfen: Jenseits weiterer Mulden und Falten zeigte sich dort die dunstige Silhouette eines höheren Rückens, der zum Mont Pèlerin gehörte und über den die EHWS verlief. Von hier nach dort beschreibt die EHWS eine grosszügig nach Norden ausladende Bucht.

Milane über der Wasserscheide

Das Flüsschen Le Grenet.
Das Flüsschen Le Grenet.

Ich folgte ihr auf einem nicht als Wanderweg, aber als Teil einer Radroute gekennzeichneten Strässchen, das nahezu exakt entlang der Wasserscheide in nördlicher Richtung durch liebliches, frühlingsgrünes und mit zartgelben Schlüsselblumen gespicktes Bauernland mit stattlichen Einzelhöfen führte. Im Osten zeigte sich das in eine flache Mulde gebettete Seelein Lac de Bret vor dem Hintergrund des Mont Pèlerin samt der Silhouette seines Aussichtsturms. Nach etwa zwei Kilometern verliess ich die Radroute nach rechts, ging auf einem unmarkierten Feldweg zum Niveau des Sees hinunter und schlug nach einem kurzen Stück auf der Strasse Vevey – Moudon ein nach Osten führendes Strässchen ein. Auf diesem streifte ich das vom Jorat herkommende «rheinische» Flüsschen Grenet , das hier eine markante Biegung nach Norden vollzieht – nur wenige hundert Meter vom Nordufer des nach Süden zum «rhodanischen» Genfersee hin entwässernden Lac de Bret entfernt. Über der kaum wahrnehmbaren Schwelle dazwischen, über die sich die EHWS zum nächsten Längsrücken hinüberstiehlt, zogen erstaunlich viele Milane ihre ruhigen Kreise.

Die Bucht umrundet

Dem Rücken folgend schritt ich weiter nach Norden. Je weiter ich mich vom Genfersee entfernte, desto mehr schien sich der Wind zu mässigen und die Sonne an Kraft zu gewinnen; wenn ich mich umwandte, konnte ich mühelos zur Tour de Gourze zurückschauen – eine Sichtweite, wie sie mir am Morgen von dort aus nicht vergönnt gewesen war. Bei einer Kreuzung bog ich rechtwinklig erneut nach Osten ab, um die flache Senke zu überqueren und bei der Bushaltestelle Grangeneuve eine Strasse zu kreuzen. Damit war die nördlichste Biegung der EHWS-Bucht umrundet, und meine Route drehte nach Süden zurück. Über die Bahnlinie Bern – Lausanne hinweg – ich überquerte diese in Sichtweite der Stelle, an der sie durch einen Einschnitt die EHWS durchstösst – führte sie, nun wieder auf ausgeschilderten Wanderwegen, in die Westflanke des von Mont Chesau und Mont Pèlerin gebildeten Rückens hinein. An der Stelle, wo es nach links zu diesem aufzusteigen begänne, brach ich meine Wanderung für heute ab und stieg nach Westen zu der flachen, von der Bahnlinie durchschnittenen Mulde hinunter, die ich eben erst grossräumig umgangen hatte. In der Mitte befindet sich die Haltestelle Puidoux-Moreillon, dort kam ich rund sieben Stunden nach dem Start an.


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