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Mutmassungen am Jakobsweg

EHWS Mittelland, Etappe 2: Etagnières - Savigny

Mutmasslich irgendwo bei Chatifeuillet, ob Cugy.
Mutmasslich irgendwo bei Chatifeuillet, ob Cugy.

Tags darauf: gleiche Hochnebellage, gleiche Stimmung, aber noch kälter. Eine Kappe über den Ohren und Handschuhe sind gut zu gebrauchen. Weil ich aus dem Gros de Vaud auf die etwas höher gelegenen Hügel des Jorat gelange, gehe ich nicht mehr unter, sondern in der Nebeldecke drin. Es ist wie ein Vorwärtstasten durch eine mystische Welt. Dabei ist die Stadt gleich nebenan. Häufige Begegnungen mit schemenhaften Gestalten – zwei- und vierbeinigen - verraten die Nähe von Lausanne.

Auch heute kam ich mit dem Auto angereist, und wie gestern war es schon fast Ende Vormittag, als ich - diesmal auf dem Parkplatz vor der Mehrzweckhalle von Etagnières - die Wanderschuhe schnürte. Am Bahnhof vorbei schritt ich auf direktem Weg zu dem höher gelegenen Ortsteil hinauf, hinter dem sich das anschliessende Acker- und Weideland gleich wieder leicht absenkte, um sich einem steileren und höheren Abhang entgegen zu wölben. Auf diesen ging ich zu und stieg durch ein kurzes Waldstück auf eine Geländekante hinauf, auf der ich mich in nördlicher Richtung auf Morrens zu bewegte. Kurz vor dem Dorf musste ich innehalten: Ich war überwältigt von einer Gruppe alter Baumriesen mit ausladendem Geäst und prächtig buntem Laub, das ihnen allerdings bereits mehrheitlich zu Füssen lag und den Boden bedeckte.


Etagnières - Savigny
Etappe EHWS Mittelland, Nr. 2
Länge / Zeit 19,1 km / 5h10'
Auf- / Abwärts 303 m / 103 m
Höchster Punkt 894 m (La Crogne)
Tiefster Punkt 624 m (Etagnières)
Fernwanderwege ---
Durchgeführt Freitag, 16. November 2018
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Versuchter Überblick

Trotz der eingeschränkten Sicht lud dieser von der EHWS berührte Aussichtspunkt zum Versuch eines  Überblicks ein: Soweit ich die Landschaft lesen konnte, gliederte sich das Gros de Vaud hier in mehrere in Süd-Nord-Richtung verlaufende, flache und durch Geländerippen getrennte Mulden. Ich stand auf der bisher höchsten dieser Rippen: Nach Westen hin schien es nichts zu geben, das die Sicht zu dem hinter der Nebelwand zu vermutenden Jura verstellte; weiter im Südwesten war es sogar, als ob der Nebel etwas heller schimmerte, was mich zu der Vorstellung verleitete, dass man ohne ihn weit über die Venoge-Senke hinweg gegen das Weinbaugebiet von La Côte hin sehen könnte. Drehte ich mich nach Osten um, blickte ich zwar auch über eine Mulde, aber direkt dahinter war Schluss, weil dort der Wald mit seinen Wipfeln in der dunklen Nebeldecke entschwand. Was ihn in der Phantasie zu einem verborgenen Gebirge ansteigen liess. Tatsächlich erreichen die Jorat-Höhen höchstens um die 900 Meter - was aber immerhin  200 bis 300 Meter über dem durchschnittlichen Niveau des Umlandes ist.

Welt der Schatten

Durch das Dorf Morrens gings in die Mulde hinunter, auf einem schnurgeraden Betonweg quer durchs Brachland dem von einem charakteristischen Türmchenschulhaus dominierten Dorf Cugy entgegen, dahinter ebenso geradeaus zum Jorat-Wald hinauf. Damit verliess ich das Gros de Vaud mit seinen weiten Feldern und bunten Mischwäldern, fortan ging ich durch dunkle Nadelhölzer und über Lichtungen mit leeren Viehweiden und Einzelhöfen. Und wie sich spätestens bestätigte, als ich das erste grössere Waldstück hinter mir hatte, befand ich mich nun mitten in der Nebeldecke drin: Die Lichtung, die ich betrat, verflüchtigte sich in einem grauen Vorhang, der sich darin abzeichnende Schatten eines Gebäudes war erst beim Vorbeigehen klar als Hof zu identifizieren. Die auf nur noch einen engen Umkreis geschrumpfte Sicht schuf eine geheimnisvolle Sphäre, in der sich wenig erkennen und vieles erahnen liess.

So bergan steigend, erreichte ich zwei Stunden nach dem Start das am oberen Rand einer anderen Lichtung liegende Châlet des Enfants. Ich hatte inzwischen Hunger, aber den von Autos umstellten Landgasthof liess ich rechts liegen und setzte mich stattdessen auf einer am Waldrand stehenden Bank zu einem kurzen Picknick hin. Beim Sitzen wurde die durch den Nebel noch verschärfte Kälte spürbar, ich war froh um meine halb winterliche Ausrüstung, hielt es aber trotzdem nicht lange aus.

Jorat. Wappen der Stadt Lausanne.
Jorat. Wappen der Stadt Lausanne.

Von nun an war ich nur selten für längere Zeit allein: Das nahezu flache Plateau ist von einem Netz von Fuss- und Forstwegen überzogen, auch einer Verkehrsstrasse folgte ich ein Stück weit; da und dort parkierten Autos, und immer wieder kamen mir Schatten entgegen, die sich mal als Jogger oder Biker, mal als Hundebesitzer entpuppten, mal war es eine Nordic-Walking-Gruppe, die ich an mir vorbei- und davonziehen liess. Die Stadt Lausanne musste nahe sein – den auf Markierungen auftauchenden weiss-roten Wappen zufolge befand ich mich auch bereits auf deren Territorium.

Möglicher Alpenblick

Gelegentlich streifte oder überquerte ich ein Wasseräderchen; welche von ihnen zum Flon und damit zum Genfersee und welche zum rheinischen Talent hin flossen, darüber konnte ich meist nur mutmassen, denn wiederholt kreuzte ich die EHWS. Dem Rand der langgezogenen Lichtung Mauvernay entlang erreichte ich kurz nach halb drei die Hauptstrasse Bern–Lausanne – einst die wichtigste Strassenverbindung zwischen der Deutschschweiz und dem Genferseegebiet – und jenseits derselben das Châlet-à-Gobet, eine verlassene Hotelanlage, deren stattliche Gebäude eine bessere Vergangenheit erahnen liessen. Weiter gings an einem Campingplatz und einem Sportkomplex vorbei, wo ich eine Infotafel passierte, der ich entnahm, dass ich mich hier auf dem Schweizer Ast des Jakobswegs befand (1965 Kilometer vor Santiago de Compostela!), während sie die Pilger ihrerseits darüber aufklärte, dass sie gerade die Rhein-/Rhone-Wasserscheide  überschritten. Kurz darauf verliess ich den Jakobsweg aber schon wieder und folgte einer schmalen Strasse ohne Wanderwegmarkierung in den Wald hinein. Als ich wieder aus diesem hinaustrat, hätte ich bei anderem Wetter möglicherweise den emotionalen Höhepunkt des Tages erlebt: Das Gelände vor mir senkte sich markant ab, und es schien mir nicht unwahrscheinlich, dass sich der Blick hier weiten und zu den Savoyer und Walliser Alpen hinüberschweifen, vielleicht sogar in der Tiefe davor den Genfersee erspähen würde. Und wäre der Jorat nur 50, 100 Meter höher: Würde ich nicht auch heute den Kopf in die Sonne recken und mich – statt über den See über ein Nebelmeer hinweg – am Anblick der vermutlich schneebedeckten Alpengipfel erfreuen können?

Knapp identifizierbare Vierbeiner....
Knapp identifizierbare Vierbeiner....

Vorstellbar war es. Auf einer Holzbank unter einem Baum – es war mit etwa 890 Metern der höchste Punkt der Etappe – wollte ich noch einmal Rast halten, aber der Baum war vom Nebel so nass, dass es unablässig herabtropfte und es mich nur kurz hier hielt, auch weil das vernebelte Tageslicht schon der Dämmerung zu weichen begann. Auf einem Fussweg stieg ich schliesslich durch ein Waldstück hinunter, und um zwanzig vor fünf erreichte ich eine Strasse und die angepeilte Bushaltestelle „Savigny ancienne Poste“. Ein Glück, dass die Lichter, die ich keine fünf Minuten später vom Dorf Savigny her aus dem Halbdunkel auf mich zukommen sah, keine Schimäre waren: Es war wirklich der erwartete Bus.


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