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Weg verloren, Freunde gefunden

EHWS Andalusien, Etappe 16: El Chorro - Valle de Abdalajís

Es wäre wohl nicht nur eine schöne, sondern auch eine kurze Wanderung: Aus der Tiefe der Schlucht von El Chorro über einen Bergsattel ins Tal von Abdalajís hinuter. Für mich wurde sie sogar noch schöner, aber auch deutlich länger: Weil ich eine Wegmarkierung verwechselte, gelangte ich immer höher hinauf und tiefer in die Bergwelt hinein. Dank einer denkwürdigen Begegnung mit einer Wandergruppe fand ich aber auf den rechten Weg zurück.

Der Sonntagmorgen begann mit einem Fussmarsch durch das noch verschlafene Zentrum von Álora zur Bushaltestelle zurück. Wie gestern zeigten sich auch jetzt einige Wolken am Himmel, vor allem über den sich am Horizont abzeichnenden Kordilleren-Kämmen, denen ich mit dem Bus entgegenfuhr. In El Chorro herrschte rundum den Bahnhof und das Hotel La Garganta bereits fast so viel Betrieb wie gestern Nachmittag, es verkehrten schon die ersten Shuttle-Busse zum Caminito del Rey.

Eigentlich fand ich die für heute geplante Etappe von rund 10 km bis Valle de Abdalajís fast zu kurz für einen ganzen Tag; aber angesichts der erneut angekündigten hohen Temperaturen war mir die 30 Kilometer lange Alternative, bis Antequera durchzumarschieren, dann auch wieder zu weit. Nach einem Frühstück in dem mir bereits bekannten Hotelrestaurant brach ich auf. Gemäss Cicerone müsste der GR7 zur Schlucht hin gleich hinter dem Bahnhof die Geleise queren; ich fand ihn dort aber nicht, vielmehr sah ich nur Felswände und den Bahntunnel darin verschwinden. Ich hatte keine Lust zu suchen, wandte mich stattdessen auf der Strasse schluchtauswärts und nahm gleich nach dem Hotel eine besonnte Abzweigung mit Wegweiser «Valle de Abadaljís», die sich den Hang hinauf wand, vom schroffen Felszacken des Cerro des los Hornos überragt. Rechts unter mir lag die breite Talmulde des Guadalhorce hingebreitet, in der Ferne war Álora noch zu sehen.


El Chorro - Valle de Abdalajís
Etappe EHWS Andalusien, Nr. 16
Länge / Zeit 14 km / 5h10'
Auf- / Abwärts 709 m / 589 m
Höchster Punkt 855 m (Ciudad Romana)
Tiefster Punkt 230 m (El Chorro)
Fernwanderwege E4 (GR7)
Durchgeführt Sonntag, 8. Oktober 2017
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Im Wald unter Kletterfelsen

Nach zwei, drei Kurven zweigte nach links ein Kiesweg mit einem Schild «Paraje natural» von der Strasse ab. Damit war der Naturpark «Desfiladero de los Gaitanes» gemeint, der das gesamte Gebirgsmassiv der Sierra de Huma umfasste, der ich nun wieder entgegenschritt. Hell ragten ihre besonnten Kalkwände über einem noch im Schatten liegenden Wald auf, von unten glitzerte der grüne Stausee von El Chorro herauf. Bald traf ich auf einen von ebendort heraufkommenden Weg mit GR7-Zeichen, der nun im Pinien- und Kiefernwald durch ein steiles Couloir hinaufstieg , das sich zwischen das Huma-Massiv und den von ihm abstehenden Cerro de los Hornos hineinzwängte.

 

Ich hatte also einen Umweg gemacht, war nun aber wieder auf Kurs. Damit holte mich auch die am Bahnhof festgestellte sonntägliche Betriebsamkeit ein: Es waren Wanderer und Kletterer unterwegs, meist in Gruppen. Sie überholten mich fast alle mit Leichtigkeit, indem sie auf steilen Waldpfaden die Serpentinen des Kieswegs abschnitten, denen ich dagegen mit meinem Mehrtagesgepäck noch so gerne treu folgte. Nach und nach verschwanden die Kletterer auf Abzweigungen zu den Felswänden hinauf, wo es Klettersteige gab.

Nach gut eineinhalb Stunden recht steilen, aber durch Schatten und Kiefernduft versüssten Aufstiegs, endete der Wald abrupt, und ich stand auf einem das Huma-Massiv mit dem Cerro de los Hornos verbindenden Joch. Wie durch ein Tor blickte ich ins Sonnenlicht und in die Weite hinaus. Auf einer Art Balkon unter den Felswänden, mit Weitblicken über das Guadalhorce-Tal und das hügelige Hinterland der Küstenregion setzte sich der Weg fort, mehr oder weniger auf gleicher Höhe bleibend. Mandel- und alte Olivenbäume, Asparagus, niedrige Sträucher und dürres Gras begleiteten mich. Ungewohnt häufig und in kräftigen Farben leuchteten mir weiss-rote Fernwanderwegmarkierungen entgegen, die ausser mit GR7 auch mit GR249 beschriftet waren (die Nummer der «Gran Senda de Málaga», eines provinzialen Rundwanderwegs, wie ich später herausfinden sollte).

Ich  folgte der Markierung nach links. Falsch?
Ich folgte der Markierung nach links. Falsch?

Nach einer Weile gabelte sich der Weg; nach rechts neigte er sich abwärts einer Geländefurche entgegen, die die Bergflanke trichterförmig teilte, nach links führte er dem Hang entlang weiter aufwärts. Mein Orientierungssinn drängte mich nach rechts, aber weil ich nur am linken Weg eine Weiss-Rot-Markierung sah, entschied ich mich für diesen – in der Annahme, dass der sich halt eben später, nach Überquerung der Furche, talwärts wenden würde. Doch welch ein Irrtum: Gemächlich, aber stetig stieg er bergan, und selbst als er jenseits der Furche in einen Kiesweg mündete, stand da ein weiss-roter Wegweiser, der nicht etwa tal-, sondern weiter gebirgseinwärts zeigte. Auch hier folgte ich der Markierung, angezogen und fasziniert von der immer wilder anmutenden Berglandschaft. Zwar nahm ich wahr, dass die Markierungen nur noch mit GR249 beschriftet waren und keine Hinweise auf den GR7 mehr vorkamen – aber dass lokale Bezeichnungen die überregionalen vorübergehend verdrängten, hatte ich schon öfter erlebt. Und vielleicht, so spekulierte ich, liess sich mein Zielort ja irgendwie auch von der andern Seite her erreichen, um das Gebirge herum.

Gewissermassen durch den Trichterhals der Furche überschritt ich eine Passhöhe und gelangte in ein ringsum von Gebirge umschlossenes Hochtal. Bald aber tat sich vor mir ein Quertal auf, das nach rechts einen grossartigen Weitblick ins Tiefland nördlich der Kordillere bot. Tatsächlich sah ich auch einen Weg, der dort hinunter führte – jedoch weit und breit keine auch noch so kleine Häuseransammlung, nur verstreute Einzelhöfe. Eine Umgehung des Gebirges schien also durchaus möglich zu sein – aber wie weit das wohl sein mochte?

Informatikfirma auf Sonntagsausflug

Es war inzwischen zwei Uhr und damit Zeit, mich zu entscheiden: weitergehen oder doch lieber zurückkehren? Schon war ich drauf und dran, dem Vorwärtsdrang nachzugeben – da kommen aus der Gegenrichtung Wanderer um die Ecke gebogen. Oh nein, nach Valle de Abdalajís gehe es genau in die entgegengesetzte Richtung, antwortet eine junge Frau in gebrochenem Englisch auf meine entsprechende Frage. Aber da müssen sie auch hin, sie seien am Morgen von dort aus zu einem Aussichtspunkt gestartet und befänden sich nun auf dem Rückweg. Ich könne mich ihnen gern anschliessen, wenn ich wolle. Warum auch nicht, denke ich – und schon trotte ich mit einer siebenköpfigen, spanisch sprechenden Wandergruppe über den Pass und durch den Trichterhals zurück auf die Südseite der Kordillere, an dem Wegweiser vorbei und auf dem unmarkierten Kiesweg gemütlich talwärts.

Valle de Abdalajís.
Valle de Abdalajís.

Die meisten Gruppenmitglieder – Arbeitskollegen einer andalusischen Informatikfirma auf einem gemeinsamen Sonntagsausflug, wie ich erfahre – sprechen keine Fremdsprachen. Aber nebst der jungen Frau, der einzigen weiblichen Person des Trupps, spricht noch jemand Englisch, ein etwa dreissigjähriger Argentinier, der schon in manchen Weltgegenden gelebt und gearbeitet hat, und mit den Beiden unterhalte ich mich bestens über die unterschiedlichsten Dinge, vom Wandern über Klimawandel, Digitalisierung, kulturelle Vielfalt und die aktuelle Katalonien-Krise bis zu der Hitze, die uns allen zu schaffen macht. Unterdessen geht es immerzu abwärts, der Bergflanke entlang dem weiten Tal entgegen. Schon längst gibt mir der Weg keine Rätsel mehr auf, irgendwann sind auch wieder Markierungen des GR7 da, unbemerkt müssen wir seine Einmündung passiert haben. Aber irgendwie ist es mir wohl mit den Leuten, sodass ich trotzdem bei ihnen bleibe, immer mal wieder auch innehaltend, um sie aufschliessen zu lassen. Knapp zwei Stunden nach unserer Begegnung tauchen wir in die schattigen Gässchen des weissen Dorfes Valle de Abdalajís ein.

¡Salud!

Und da es so schön und ich hungrig und durstig war, liess ich mich von den Wanderfreunden leicht überreden, mit ihnen noch ein Lokal aufzusuchen. Erst in einem Restaurant etwas nördlich und oberhalb des Dorfes fand dieses Gruppenerlebnis seinen Abschluss: mit einem gemütlichen gemeinsamen Mittagessen – ich lernte unter anderem die «Porra antequerana» kennen, eine regionale Variante des Gazpacho – , gegenseitigem Anstossen und Gruppenfotos. Beim Aufbruch verabschiedeten sich alle persönlich und allerherzlichst von mir, die junge Frau und der Argentinier waren auch partout nicht davon abzuhalten, mich mit dem Auto zu meinem kaum zehn Gehminuten entfernten Hotel zu bringen und mich dort erst nach Umarmungen entkommen zu lassen.

 

Wenn man dabei solche Freunde kennenlernt, sagte ich mir an diesem Abend, dann wollte ich gerne hin und wieder mal vom Weg abkommen.

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