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Zuerst Früchte, dann Arbeit

EHWS Andalusien, Etappe 25: Albuñuelas - Dúrcal

Erstmals auf meiner diesjährigen Andalusien-Wanderung ein strahlend blauer Tag ohne Wolken. Durch blendend weisse Dörfer und üppige Obstgärten voller Zitronen, Orangen, Granatäpfel und Mandeln trottete ich gemütlich in das auch als „Valle de la Alegría“ (Tal der Freude) bezeichnete Valle de Lecrín hinab, die dahinter aufragende Sierra Nevada vor Augen. Nach Überquerung eines Flusses gings wieder aufwärts, und just zur heissesten Tageszeit galt es, sich einen sehr steilen, steinigen und rauen Südhang hinauf zu arbeiten.

Genau genommen handelt es sich beim Valle de Lecrín nicht um ein einfaches Tal, sondern um ein weites, muschelförmiges Talbecken mit mehreren Zweigen, die strahlenförmig das Wasser aus West, Nord und Ost zu einer Rinne zusammenführen, die die Kordillere in südlicher Richtung durchbricht und sich zum Mittelmeer hin entleert. Für den Fernwanderweg GR7 stellt es das Verbindungsstück zwischen den Sierras de Tejeda, Almijara y Alhama einerseits und der südlich der Sierra Nevada gelegenen Alpujarra andererseits dar. Das Profil der heutigen Etappe glich denn auch einem Spiegelbild des gestrigen: zuerst ab- und erst dann aufwärts, freilich auf tieferem Niveau und mit bescheideneren Höhenunterschieden.

Wie ein Fest der Fruchtbarkeit

Zudem war sie auch kürzer als die Vorgängeretappe. Ich konnte deshalb am Morgen etwas länger liegenbleiben und ein von Ben zubereitetes Frühstück geniessen. Ich brach denn auch erst um halb Zehn auf – mehr als eineinhalb Stunden später als gestern. Angesichts des Prachtwetters zog ich beschwingt von dannen, wenn auch leicht gehemmt durch eine Blase am linken Fuss.

Diese machte mir umso mehr zu schaffen, als ich vorerst einmal für längere Zeit nur Hartbelag unter die Schuhe bekam. Nachdem ich im Barrio Alto und etwas später auch im Barrio Bajo – den beiden Ortsteilen von Albuñuelas – je einige Minuten mit dem Suchen des Dorfausgangs beschäftigt war, fand ich auf ein schmales Betonsträsschen, das dem nördlichen Talhang entlang zwischen Obstpflanzungen hindurch sanft abwärts führte. Es wurde gesäumt von Acequías – Wasserleiten aus arabischer Zeit, die die Obstgärten bewässerten. 


Albuñuelas - Dúrcal
Etappe EHWS Andalusien, Nr. 25
Länge / Zeit 15,1 km / 4h30'
Auf- / Abwärts 424 m / 368 m
Höchster Punkt 865 m (Cuestas del Almendral)
Tiefster Punkt 500 m (Restábal, Río Ízbor)
Fernwanderwege E4 (GR7)
Durchgeführt Freitag, 12. Oktober 2018
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Vor Saleres, Granatäpfel am Weg.
Vor Saleres, Granatäpfel am Weg.

Das Blickfeld wurde zur Linken durch sanfte, grüne Hügel und zur Rechten durch die felsigen, hohen Berge der Sierra de Almijara begrenzt, vor mir erhob sich im Gegenlicht über einem Plateau mit Windturbinen die Silhouette der noch höheren, aber weiter entfernten Sierra Nevada. Das Weiss der Häuser war in der Morgensonne blendend, die Farben der Blumen und Früchte leuchteten kräftig. Hie und da waren Landarbeiter an der Arbeit, ich begegnete einem einzelnen Fahrzeug oder Fuhrwerk und hätte mit blossem Ausstrecken der Hand eine Orange, eine Zitrone oder einen Granatapfel pflücken können. Es schien mir, als ginge ich durch ein Fest der Fruchtbarkeit, mit dem Rauschen und Glucksen der Acequías als Begleitmusik.

Nach etwa einer Dreiviertelstunde erreichte ich im Dorf Saleres den Fluss dieses Talzweigs. Im Schatten der Häuser widmete ich einige Minuten der Blasenpflege, dann überquerte ich eine Brücke und stieg auf der andern Seite erneut auf Beton steil bergan. Glücklicherweise zweigte bald ein schmalerer Weg ab, der wenigstens teilweise weichen Belag aufwies und meine Blase schonte. Nach einigem Auf und Ab gelangte ich in das auf einer Terrasse sitzende Dorf Restábal, das einen schönen Überblick über das Herz der Talmuschel bot. Es war Punkt Zwölf, die Sonne heizte inzwischen kräftig und das Dorf schien in tiefen Schlaf versunken.

Üppiges Schilfland

Auf der Strasse ging es in zwei, drei Serpentinen zur Brücke über den Fluss hinab, der hier Río Ízbor heisst und bereits Wasser aus verschiedenen Talzweigen in sich vereinigt. Gleich dahinter zweigt der GR7 links von der Strasse ab und führt zwischen weiteren Gärten zu einem der aus der Sierra Nevada kommenden Nebenflüsse hinunter. Damit war die Talsohle und der tiefste Punkt der Etappe erreicht. Dem Wässerchen durch den Talboden flussaufwärts folgend ging ich nun durch üppiges grünes Schilfland, wie ich es auf der GR7-Wanderung bisher noch nicht angetroffen hatte. Das Schilf war teilweise so hoch, dass sich seine Blätter über den Weg bogen und Schatten spendeten. An einer trockenen grasigen Stelle hielt ich auf einem liegenden Baumstamm zwischen Schilf, Orangen und Oliven Mittagsrast; kurz legte ich mich auch zum Dösen ins Gras.

Steiler Erosionshang unter Windturbinen

Bis hierher war die Wanderung ein lockerer und – vom Blasenproblem einmal abgesehen – sozusagen kostenloser Genuss. Von nun an musste letzterer erarbeitet werden. Der Weg begann anzusteigen; vorerst zwar noch nicht steil, aber unter einer inzwischen heissen Sonne und wieder vermehrt auf Beton. Am Dorfrand von Melegís vorbei stieg ich nach Murchas hinauf; nördlich davon erhebt sich wie eine Wand ein Erosionshang aus sandigem und kiesigem Lockermaterial, der so steil und offensichtlich unwirtlich ist, dass er nur einer spärlichen Vegetation Halt bietet. Durch diesen galt es nun hinaufzusteigen, mit nur wenigen Kehren fast geradeaus, mit Rutschgefahr und der Sonne im Nacken jenen Windturbinen entgegen, die sich am Morgen vor der Silhouette der Sierra Nevada abgezeichnet hatten. Der Aufstieg kostete mich weniger als eine halbe Stunde, aber mit dem Trekkingrucksack bestückt war es ein ordentliches Stück Arbeit! ERst oben erschloss sich mir, weshalb der Hang gemäss Karte den Namen "Cuestas del Almendral" trägt: Hier breitet sich ein weites Plateau aus, das neben dem Windpark auch ausgedehnte Mandelplantagen beherbergt. Es reicht bis an den Fuss der Sierra Nevada, durchschnitten lediglich von der Autobahn, die Granada mit der Küste verbindet. Nach etwa einer Viertelstunde flotten Dahinschreitens auf einem staubigen Strässchen zwischen Mandelbäumen erreichte ich sie und überquerte sie über eine Brücke; nach ein paar weiteren Minuten stand ich an der Strasse von Dúrcal nach Lecrín. Diese überquerend, würde mich die Fortsetzung des GR7 in einer guten Halbstunde geradewegs nach Nigüelas am Sierra-Nevada-Fuss führen.

Blasen hin oder her

Dies hatte ich mir eigentlich als Tagesziel vorgenommen: Denn zwar waren die Unterkünfte dort ausgebucht – ich hatte deshalb ein Zimmer in dem etwa 7 Kilometer entfernten El Padúl reserviert – , aber ich wollte dort einen Bus nehmen. Ben hatte mir jedoch beim Frühstück empfohlen, statt nach Nigüelas besser nach Dúrcal zu gehen – nicht nur, weil dieses näher bei Padúl lag, sondern vor allem, weil es dort mehr Busse und notfalls Taxis gebe. Deshalb verliess ich hier den GR7 und schlug die Strasse nach Norden ein. Mit Geniessen war es nun definitiv vorbei, diese letzten rund 2,5 Kilometer galt es einfach hinter mich zu bringen, Blasen hin oder her. Die berühmten Früchte der Arbeit hatte ich ja heute bereits am Morgen vorbezogen. Glücklicherweise wurde die Strasse nicht rege befahren – aber die Hitze drückte nun nicht nur von oben – 27 Grad, las ich später auf einer Digitalanzeige – , sondern wurde zusätzlich auch vom Asphalt reflektiert. Froh war ich deshalb, als ich gegen 16 Uhr in der Mitte von Dúrcal die schmucke Plaza España erreichte und gleich neben der Bushaltestelle eine Bar vorfand, wo ich beim Bier warten und in den Genussmodus zurückfinden konnte. Eine gute Stunde nach Ankunft hatte ich bereits einen Bus, und eine halbe Stunde später bezog in Padúl mein Zimmer.


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