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Wo bleibt bloss das Hundegebell?

EHWS Andalusien, Etappe 22: Alhama de Granada (El Ventorro) - Arenas del Rey

Noch einmal zeigt sich der Himmel sonnestrahlend und wolkenlos. Durch ein Tälchen mit vielen Pappeln gelangt man auf eine Hochebene voller Oliven- und Mandelplantagen hinauf und von dort zum grossen Stausee von Bermejales hinunter. Zur Rechten säumen gezackte Bergzüge den Horizont, ganz vorne taucht erstmals die Sierra Nevada im Dunst auf. Die Plantagen sind gross und die Höfe liegen weit auseinander – Stille liegt über dem Land. Nicht einmal Hundegebell ist zu hören.

Dass ich von Alhama aus noch eine Etappe anhängen würde, stand erst am Vorabend nach dem Nachtessen fest. Bis dahin hatte ich nicht zuletzt wegen der schmerzenden Zehen auch mit dem Gedanken gespielt, mit dem Wandern gleich aufzuhören und nach einem Genusstag in der Hotel-Anlage, die mit Thermalbädern und Wellness-Angeboten lockte, die Abreise anzutreten. Als ich mich erholt hatte und die Wetterprognose studierte – sie versprach strahlenden Sonnenschein bei Höchsttemperaturen von vergleichsweise «kühlen» 25 Grad – , gewann die Wanderlust dann aber rasch die Oberhand. Zumal sich die Möglichkeit bot, den schweren Trekkingrucksack im Hotel zurückzulassen.

Denn auf den nächsten rund 40 Kilometern gab es auf dem GR7 weder Unterkunfts- noch Einkaufs-möglichkeiten noch sonn-tägliche Verkehrsverbindungen. Man musste deshalb entweder zu einem überlangen Tagesmarsch nach Jayena bereit sein oder zelten oder aber die Etappe zweiteilen und einen Transport organisieren. Ich wählte die letzte Variante: Ich liess mir am Morgen durch die Hotelreception ein Taxi bestellen, fuhr mit diesem bis zum Stausee des Rio Alhama oberhalb von Städtchen und Schluchten und vereinbarte mit der Fahrerin, dass sie mich am Nachmittag in Arenas del Rey würde abholen kommen.


Alhama de G. (El Ventorro) - Arenas del Rey
Etappe EHWS Andalusien, Nr. 22
Länge / Zeit 22,9 km / 5h45'
Auf- / Abwärts 319 m / 350 m
Höchster Punkt 1'140 m (Loma Montero)
Tiefster Punkt 848 m (Arenas del Rey)
Fernwanderwege E4 (GR7)
Durchgeführt Sonntag, 15. Oktober 2017
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Leicht und locker

Auf dem Parkplatz des Hotels El Ventorro liess ich mich absetzen , vielleicht 200 Meter von der Stelle entfernt, an der ich den Fernwanderweg gestern in Richtung Schlucht verlassen hatte – eine Lücke auf dem GR7, die ich somit unbegangen zurückliess. Die Wanderung begann wieder einmal mit Wegsuche, da ich es erst nach einigem Hin und Her auf der Strasse wagte, auf den unmarkierten Kiesweg einzubiegen, der etwas oberhalb des Sees abzweigte. Dann aber folgte ein genussvolles, sanft ansteigendes Gehen durch ein lauschiges, licht bewaldetes Tälchen mit vielen golden leuchtenden Pappeln, ich kam flott und – dem ultraleichten Gepäck sei Dank! – locker voran. Schade nur, dass sich auch heute bereits am Morgen wieder die Schmerzen in den Zehen bemerkbar machten; am Traggewicht konnte es also ebenso wenig liegen wie an Müdigkeit!

Einige Überraschungen

Über sie muss die EHWS verlaufen: Sierra de Almijara
Über sie muss die EHWS verlaufen: Sierra de Almijara

Ein kaum sichtbarer, überraschenderweise aber mit einem GR7-Zeichen markierter Pfad zweigte nach rechts ab, überquerte einen Bach und stieg am andern Ufer durch einen Hang zu einem Rücken hinauf. Nun folgte ein Stück, wie ich es hierzulande bislang nur selten erlebt hatte: Über längere Zeit ging es, wenn auch gelegentlich von einer kurzen Hartbelag-Strecke unterbrochen, auf einem Fusspfad über relativ weichen Wald- und Grasboden. Im Schatten eines Baumes liess es sich sogar auf dem Rücken im dürren Gras liegend rasten. Von einer Anhöhe aus sah man nach links zwischen den Bäumen hindurch auf ein Zwischenplateau hinunter, das gänzlich von Gemüseplantagen vereinnahmt wurde. Am Horizont zur Rechten zogen sich die gezackten Bergketten der Kordilleren – hier von der Sierra de Almijara gebildet – dahin. Über ihre Kreten musste irgendwo die EHWS verlaufen; fast bis an die Mittelmeerküste heran rückten die Gebirge in dieser Gegend, und dennoch befand ich mich seit gestern Nachmittag auf der Atlantikseite der Wasserscheide!

Eine weitere Anhöhe wurde erklommen, und ich befand mich am Rand eines grossen Plateaus: ausgedehntes, sanft gewelltes Agrarland breitete sich aus, gelb-ocker-braun. Und ganz weit vorne, im Dunst, liess sich zum ersten Mal die Silhouette der über 3000 Meter hohen Sierra Nevada erahnen! Auf einem Fahrweg ging es, in einem weiten Bogen nach Norden drehend, über Äcker und Weiden an weit auseinanderliegenden Einzelhöfen vorbei. Gegen halb Zwei erreichte ich eine Strasse; an der Kreuzung zeigten GR7-Wegweiser an, dass etwa die Hälfte des Weges zurückgelegt war: 12 km sollten es von hier nach Alhama sein, 11 km nach Arenas.

Heiss und still

Ein kurzes Stück war der Strasse zu folgen, dann überquerte man diese und bog auf einen im Cicerone als «wide track» bezeichneten, inzwischen aber asphaltierten Weg ein, der in leicht gebogenen Geraden über das sanft ansteigende Plateau nordwärts führte. Jetzt wurde es etwas langweilig und zudem heiss: Obwohl ich mich in einer Höhenlage von immerhin rund 1100 Metern bewegte, fühlte es sich nach bedeutend mehr als den vorausgesagten 25 Grad an! Es war einer jener Abschnitte, die es einfach hinter sich zu bringen galt, Schritt für Schritt unter weitem Himmel auf zum Glück kaum befahrenem Asphalt. Zunächst säumten noch Eichen den Weg, dann wichen sie zunehmend ausgedehnten Oliven- und Mandelplantagen: unendlich viele kleine Bäumchen in regelmässigen Abständen auf vegetationslosen braunen Böden – so weit von den Behausungen ihrer Bewirtschafter wie auch anderer Menschen entfernt, dass eine seltsame Stille über ihnen lag – seltsam in einem Land, in dem doch sonst fast immer von irgendwoher ein Hund kläffte!

Nadelkissen-Landschaft

Schutz gegen Flammen? - Eingemauerte Olivenbäume.
Schutz gegen Flammen? - Eingemauerte Olivenbäume.

Nach etwa einer Stunde zweigte ein Feldweg rechtwinklig ab; in einer langen Geraden zog er sich über die wohl höchste Wölbung des Plateaus – auf der Karte mit «Loma Montero» bezeichnet – nach Osten. Unter einer Gruppe uralter knorriger Pinien wollte ich rasten, flüchtete aber vor einem erstaunlich klebrigen Harz, von dem ich sofort die Hände voll hatte. Staunend betrachtete ich Olivenbäume, deren Stämme von Steinhaufen oder -mauern eingefasst waren, und fragte mich, ob diese wohl dazu dienten, die Bäume vor Flammen zu schützen – man hörte gerade viel von Flächenbränden, die oben in Galicien wüteten. Dann war das Plateau zu Ende, der Weg begann sich abzusenken, und zwischen Pinien und Kiefern kam unter mir der grossräumige, verästelte Stausee von Bermejales in Sicht. Der Weg wandte sich nun dem Hang entlang nach Süden, bei einer der Seezungen dort unten musste Arenas liegen. Rundum wurden die Hänge allesamt von Olivenplantagen eingenommen; wie mit lauter grünen Köpfen bespickte Nadelkissen umkränzten sie den grünblauen See.

Infotafel über das Erdbeben von 1884
Infotafel über das Erdbeben von 1884

Es war kurz nach vier Uhr, als ich Arenas erreichte. Beim Dorfeingang erfrischte sich gerade ein älterer Mann an einem Trinkbrunnen, ansonsten döste das Dorf vor sich hin. Vor rund 140 Jahren von einem verheerenden Erdbeben zerstört, war es mit königlichem Geld  daher der Zusatz «del Rey» im Ortsnamen wiederaufgebaut worden; eine Informationstafel auf dem baumbestandenen Dorfplatz erinnerte daran. Ich ging weiter bis zum unteren Ortsende, wo ein beschattetes Bänklein neben einem weiteren Trinkbrunnen Aussicht über das Tälchen des Rio Játar bot, der unweit von hier in den Stausee mündete. In einem nächsten Jahr wollte ich es überqueren und durch die Olivenhänge dort drüben weiter ziehen; heute jedoch war hier Schluss, hier kehrte ich um. Nach einigem Umherirren fand ich an der Plaza etwas versteckt hinter Bäumen eine Bar, dann rief ich die Taxifahrerin an, und eine halbe Stunde später holte diese mich auch schon ab. Diesmal kam ich im Hotel früh genug an, um meine Glieder und Muskeln im lauschigen Freiluft-Thermalbad zu entspannen.

Abreise zu Fuss

Alhama de Granada im Morgenlicht.
Alhama de Granada im Morgenlicht.

Ganz zu Ende war das Wandern da freilich noch nicht: Denn weil am nächsten Morgen kein einziges Taxi verfügbar war, blieb mir nichts anderes übrig, als die knapp drei Kilometer ins Städtchen hinauf zu Fuss zu gehen, wollte ich dort den Bus nach Granada erreichen. Dafür konnte ich mich dann wenige Stunden später auf dem Sandstrand von Málaga so richtig ausstrecken.


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