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Bresche zu einer anderen Welt

EHWS Andalusien, Etappe 20: Riogordo - Zafarraya

Ob Guraro, Blick nach Osten.
Ob Guraro, Blick nach Osten.

Auf gings zur längsten Tagesetappe der diesjährigen heissen Andalusien-Wanderung. Ich zog denn auch schon im Dunkel los. Und als es hell wurde, dankte ich dem Himmel dafür, dass er sich und die Sonne ein wenig bedeckt hielt. Trotzdem boten sich mir auch heute wieder weite, prächtige Panoramen von der Südflanke einer Bergkette hinunter. Bis ich gegen Abend durch einen Tunnel und einen engen Schlitz auf deren Nordseite gelangte – und damit in eine völlig andere, scheinbar in sich geschlossene Welt.

Die Etappe war länger als der geplante Abschnitt auf dem GR7, weil sie aus übernachtungstechnischen Gründen sowohl um einen Vor- als auch einen Abspann erweitert werden musste. Der Vorspann bestand aus einer Taxifahrt und einem Anmarsch, der Abspann aus einem Abstecher von der Route weg zum Übernachtungsort. Insgesamt verlängerte sich die Etappe dadurch schätzungsweise um etwa sieben auf gegen 30 Kilometer, dabei waren über 1'000 Höhenmeter auf- und rund 500 Meter abwärts zu bewältigen. Ich blickte dem Tag deshalb in leicht erhöhter Spannung entgegen. Gewiss: Ich hatte schon längere und anspruchsvollere Tagespensen bewältigt – aber nicht immer war es dabei so heiss gewesen wie diesen Oktober in Andalusien, und zudem war ich etwas unruhig, weil mich am Zielort eine agrotouristische Unterkunft mit ungewissen Eincheckzeiten erwartete.

Es lief jedoch alles bestens: Um Viertel nach Sieben fuhr ich mit dem Taxi aus Colmenar weg, um halb Acht startete oberhalb von Riogordo das Wandern im Dunkel, unterwegs konnte ich bei der Unterkunft in Zafarraya telefonisch meine voraussichtliche Ankunftszeit anmelden, um 18.15 Uhr quartierte ich mich daselbst ein, und wenig später sass ich auch schon bei Bier und Tapas vor einer Bar und sah zu, wie eine grosse Schafherde durchs Dorf getrieben wurde und eine lange Staubwolke hinter sich herzog. Zwischen Taxifahrt und Staubwolke lag eine anspruchs- und eindrucksvolle, abwechslungsreiche Wanderung auf verschiedenartigen, weicheren und härteren Gehunterlagen, was ich nach der Asphalt-Monokultur des Vortages besonders zu schätzen wusste.


Riogordo - Zafarraya
Etappe EHWS Andalusien, Nr. 20
  (Fernwanderprojekt EHWS)
Länge / Zeit 29,7 km / 8h20'
Auf- / Abwärts 752 m / 289 m
Höchster Punkt 950 m (Cjo. de las Puertas)
Tiefster Punkt 438 m (Riogordo, A-356)
Fernwanderwege E4 (GR7)
Durchgeführt Freitag, 13. Oktober 2017
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Berg- und Talwanderung

Im Morgenlicht den Tajos entgegen.
Im Morgenlicht den Tajos entgegen.

Es begann stirnlampenbewehrt oberhalb von Riogordo mit dem Wiederaufstieg auf dem Schotterweg, auf dem ich am Vortag vom Kordillerenhang heruntergekommen war, und setzte sich im heraufdämmernden Morgen mit einem zauberhaft schönen Aufstieg fort: durch leicht feuchtes Gras den Felszacken des Tajo de Gomer entgegen. Es folgte eine lange Berg- und Talwanderung durch mehrheitlich offenes Land der Kordillere entlang, dank leichter Bewölkung zeitweise mild beschattet. Nach dem Puerto Sabar – einem kleinen Pass – ging es auf der Strasse in einem weiten Bogen in eine Talmulde hinunter und dann gleich wieder auf einem steilen Weg zwischen Höfen und Olivenhainen den Berg hinauf, bis man gegenüber den Felsen des Tajo de Doña Ana den am Hang klebenden Weiler Cortijo de la Molina und eine Höhenstrasse erreichte.

Korkeichen ob Cortijo de la Molina.
Korkeichen ob Cortijo de la Molina.

Kurz darauf gabs in einer Bar im Weiler Pulgarín Alto, es war inzwischen schon fast zwölf Uhr, den ersten Kaffee des Tages und ein spätes andalusisches Frühstück; beides genoss ich heute ganz besonders.

 

Danach verliess ich die Strasse auch schon wieder zu Gunsten eines schönen, aber steinigen Fussweges, der an eindrücklichen uralten knorrigen Olivenbäumen vorbeiführte. Für ein paar Stunden folgte ich dem Hang unter dem Felsenkamm der Sierra de Alhama und genoss wiederum weite Panoramasichten über die hügelige Küstenregion bis hin zu Mittelmeer-Ausschnitten. In der Tiefe schimmerte je nach Lichtverhältnissen silbern oder blechern der verzweigte Stausee Embalse de la Viñuela. Noch einmal senkte sich der Weg ab, um das kleine verschlafene Dorf Guaro zu durchqueren, um dann ein letztes Mal steil auf eine nach Süden gerichtete Nase des Gebirgskamms hinauf zu steigen.

Wie ein Zug durch den Berg

Tunnel vor dem Boquete de Zafarraya
Tunnel vor dem Boquete de Zafarraya

Dort stiess man auf einen gekiesten Höhenweg, der auf der andern Seite der Nase der Bergflanke entlang sanft ansteigend nordostwärts führte. Dabei handelte es sich um die Trassee einer vor einem halben Jahrhundert stillgelegten Bahnlinie, die einst Ventas de Zafarraya mit Málaga verbunden hatte. Wie auf einem Balkon wanderte man auf ihr der Bergflanke der Sierra de Alhama entlang, wobei ein anderes Gebirgsmassiv, das der Sierra Tejeda, immer näher rückte, das aus Richtung Küste an die Kordillere anzudocken schien. Immer spektakulärer wurde die Landschaft, das tiefer liegende Land verengte sich zunehmend zu einem Tal, aus dem sich eine Strasse in Kurven emporwand. Schliesslich tauchte der Weg in einen Tunnel ein, und ich ging durch den Felsen hindurch, als wäre ich ein Zug. Dahinter stand man vor einem engen, U-förmigen Schlitz im Berg, einer Bresche, durch die Strasse und Weg (beziehungsweise die ehemalige Bahnlinie) die Sierra de Alhama durchstiessen. Genau an dieser Stelle – «Boquete» de Zafarraya genannt, «Bresche» auf deutsch – zeigte eine Tafel an, dass man hier die Provinz Granada betrat und jene von Málaga verliess. Dann ging es durch die Bresche hindurch – und die Welt war eine andere: Keine horizontfreien Panoramasichten, kein Balkongefühl mehr, sondern eine rundum von karstigen Gebirgszügen eingeschlossene, flache Hochebene, eine Polje, die fast vollständig für den Gemüseanbau beansprucht wurde.

In einer andern Welt

Ventas de Zafarraya: Herberge "Aquí te quiero ver".
Ventas de Zafarraya: Herberge "Aquí te quiero ver".

Gleich nach dem Boquete begann das Dorf Ventas de Zafarraya, ein Strassendorf, das ich eigentlich als Etappenort vorgesehen hatte, aber heute keine Unterkunft zu bieten hatte. An der vom Cicerone empfohlenen Herberge kam ich zwar vorbei; sie trug den blumigen Namen «Aquí te quiero ver», was sich auf Deutsch etwa mit «Hier will ich dich sehen» übersetzen lässt – aber ihre geschlossenen Läden und Türen bestätigten, was das Internet erahnen liess: Nein, heute wollten sie dich hier nicht sehen. Also kehrte ich dem Ort den Rücken und bog rechtwinklig nach Westen ab, um auf der Rückseite des Gebirgszugs, dem ich vorhin auf der Vorderseite Richtung Osten gefolgt war, auf einer schnurgeraden Strasse zwischen Gemüsefeldern und Gewächshäusern und heimkehrenden afrikanischen Feldarbeiterinnen und –arbeitern der Abendsonne entgegen zu wandern. Drei Kilometer war es bis ins Nachbardorf Zafarraya und zum Ferienhaus Cortijo Rural Abuela Pepa, wo ich den Rucksack ablegen konnte.

Einen Wermutstropfen allerdings gab es an diesem Tag: Das war ein brennender Schmerz in einigen Zehen, wie ich ihn in diesen Schuhen bislang nicht kannte und der gegen Ende der Wanderung immer penetranter wurde. Aber als ich abends in Turnschuhen vor der Bar «Carmen» sass und staunend zusah, wie eine riesige Schafherde an mir vorbeistiebte, war der vorbei und schon fast wieder vergessen.


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