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Wanderer als Verkehrsteilnehmer

EHWS Andalusien, Etappe 19: Las Pedrizas - Riogordo

Mit weiten Panoramasichten über das hügelige Hinterland von Málaga Richtung Mittelmeer ging es den ganzen heutigen Tag weiter. Das Wandern als Fortbewegungsart war freilich weniger angenehm: Fast die ganze Strecke verlief auf Asphaltstrassen, und man war Teil eines zwar nicht dichten, aber doch immer präsenten Verkehrs.

Zur Abwechslung wurde für heute einmal bewölktes Wetter mit nur wenigen Sonnenstunden angekündigt. Für das, was mir bevorstand, konnte mir das nur Recht sein: Fast den ganzen Tag lang würde ich auf Asphalt gehen müssen. Es gibt Fernwanderer, die dieses Stück deshalb überspringen, das heisst: mit motorisierten Verkehrsmitteln hinter sich bringen. Ich aber entschied mich, Schusters Rappen treu zu bleiben. Zum Übernachten würde ich dann freilich auf Transportmittel angewiesen sein, hatte ich doch in GR7-Nähe keine Unterkunft ausfindig machen können.

Fernfahrer kreuzen Fernwanderer

Zum Frühstücken fand ich mich in einem nun gut gefüllten und lärmigen Restaurant wieder; offenbar war das «Pedrizas» ein unter Fernfahrern und Pendlern beliebter Zwischenhalt – und, so sann ich weiter, mitunter ein Ort, an dem Fern-Fahrer auf Fern-Wanderer treffen konnten. Glücklicherweise handelte es sich bei diesem Zusammentreffen aber lediglich um ein Kreuzen: Die beiden Fortbewegungsarten liessen sich ansonsten gegenseitig in Ruhe und gingen getrennte Wege: Gefahren wurde fast ausschliesslich zwischen Nord und Süd, gewandert hingegen eher von West nach Ost. Letzteres galt zumindest für den Süd-Ast des GR7: Der Nord-Ast freilich verlief ein Stück weit parallel zur Autobahn über den Puerto de las Pedrizas und setzte sich anschliessend auf der Nordseite der Kordillere nach Nordosten fort.


Las Pedrizas - Riogordo
Etappe EHWS Andalusien, Nr. 19
Länge / Zeit 24,8 km / 5h40'
Auf- / Abwärts 445 m / 796 m
Höchster Punkt 927 m (A-4152, bei Mirador)
Tiefster Punkt 380 m (Río de la Cueva)
Fernwanderwege E4 (GR7)
Durchgeführt Donnerstag, 12. Oktober 2017
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Spiel von Licht und Schatten

Silbern schimmert das Mittelmeer. Montes de Málaga.
Silbern schimmert das Mittelmeer. Montes de Málaga.

Ich brach um halb Neun auf und stieg nach Unterquerung der Autobahn zunächst ebenfalls Richtung Pass hinauf, bis sich die Strasse kurz vor der Passhöhe gabelte. Hier also verzweigte sich der GR7, ohne dies kundzutun; ich musste selbst wissen, dass ich mich auf den Süd-Ast begab. Ich schwenkte auf ein abgesperrtes, offensichtlich nicht mehr genutztes Strassenstück ein, auf dem Gräser und Unkraut aus Asphaltrissen sprossen und das der Bergflanke entlang führte. Nach kurzer Zeit mündete es in die offizielle Strasse A-7204. Auf dieser marschierte ich ostwärts; links stieg der Berghang zur Sierra de las Cabras an, rechts senkte er sich nach Villanueva und zur Autobahn hinab, ein anderes weisses Dorf dort unten musste Casabermeja sein. Vor mir stieg die Strasse einer Lücke zwischen zwei Bergzacken entgegen, dem Peña Negra und dem vorgelagerten Cerro de Robledo. Nach der Lücke war Villanueva meinen Blicken entschwunden, stattdessen wurden diese von den abwechslungsreichen Silhouetten der Kordillere auf der einen und der weiten, in tausend kleine Hügel gegliederten und sich in der Ferne verlierenden Landschaft auf der anderen Seite – «Montes de Málaga» genannt – in den Bann gezogen. Da die Wolkendecke keineswegs geschlossen war, veranstalteten Licht und Schatten ein faszinierendes Wechselspiel auf dem wie gesteppt wirkenden Land; von heiter bis düster schwankten die Stimmungen, wobei die Weite selbst der Düsterheit etwas Leichtes verlieh.

Flottes Vorankommen

Der Verkehr war spärlich, die Bewölkung schirmte die Sonne ab, ein Lüftchen wehte, die Strasse verlief mal flach, mal etwas auf- oder abwärts – kurz: Ich kam äusserst flott voran. Nach rund zwei Stunden überquerte die Strasse einen von der Kordillere herunterrinnenden Bach – es war das erste Gewässer seit Tagen, das ohne Umweg über den Guadalhorce eigenständig dem Mittelmeer zufloss, nämlich der Guadalmedina, der Stadtfluss von Málaga. An der gleichen Stelle hiess mich eine Hinweistafel willkommen in der Comarca Axarquía, dem östlichsten Bezirk der Provinz Málaga. Kurz darauf verzweigte sich die Strasse: Geradeaus sah ich sie zu einem grösseren, auf einem Hügelplateau ausgebreiteten Dorf hinunter führen; das musste Colmenar sein, wo ich für heute Abend ein Hotelzimmer gebucht hatte. Jetzt musste ich aber die A-4152 nach Alfarnate nehmen, die hier scharf nach links abbog und sofort steil den Hang hinauf kletterte; in zahlreichen engen Kurven wand sie sich den felsigen Bergwänden und –zinnen der Sierra Prieta – so der Name dieses Kordillerenabschnittes – entgegen, bevor sie sich dem Hang anschmiegte und folgte.

Nun reichten die Blicke noch weiter über die Montes, ganz rechts am Horizont die Silhouette der Sierra de las Nieves, ganz links vorne jene der Sierra de Tejeda, und dazwischen vereinzelt silbern schimmernde Flächen, da musste das Mittelmeer sein. Unterhalb eines Aussichtspunktes am Strassenrand lagen mir die zu einem Ring formierten Wagen einer Zirkusschule zu Füssen. Ich fand, dass ihr Name zu der Aussicht passte: «Fantasia», lautete er.

17 Kilometer Asphalt

Kurz darauf hatte ich es geschafft: Rechts zweigte ein Schotterweg mit weiss-roter GR-Markierung von der Strasse ab; rund 17 Kilometer Asphalt waren da hinter mich gebracht! Vor der spektakulären Kulisse einer mehrfach zerklüfteten Gebirgsgruppe – deren Zacken trugen Namen wie Tajo de Gomer, Tajo del Freile oder Tajo de Doña Ana – trat ich nun den Talweg an. Zunächst noch durch einen lieblichen Mandelhain, dann durch einen steinigen Hang mit wilder, struppiger und stacheliger Vegetation ging es abwärts. Etwas mehr als eine Stunde nach dem Verlassen der Strasse kam ich an einem ummauerten Gebäude vorbei; es war, was einmal als «Hospedería Retamar» Verpflegung und Unterkunft geboten hatte und noch heute im Cicerone-Führer aufgeführt war. Der Name war auf einem verwitterten Schild an den Pfeilern des Eingangstors zum verwilderten Innenhof noch zu lesen, sonst aber deutete nichts mehr auf den einstigen Betrieb hin.

Dass es ein idealer Etappenort gewesen wäre, bestätigte sich wenig weiter unten, als ich zu einem Viersprung mit GR7-Wegweisern gelangte; in Richtung Zaffaraya wandte sich der Fernwanderweg hier wieder dem Hang entlang, während es nach Riogordo noch für weitere 45 Minuten hinabzusteigen galt. Nicht nur den Talabstieg und den Wiederaufstieg am Folgetag hätte die Hospedería erspart, sondern auch den Transport nach Colmenar und zurück. Gut immerhin, hatte ich dort etwas vorausgebucht!

Balkon der Hügel

Colmenar mit Tajo de Gomer und Doña Ana.
Colmenar mit Tajo de Gomer und Doña Ana.

Steil ging es auf dem Schotterweg bis zu einer Strasse hinunter, die eine andere, breitere Strasse mit einer Überführung kreuzte, und dann weiter geradeaus zwischen die Hügel hinab, an deren Hänge sich das weisse Dorf Riogordo anlehnte. Dort erfrischte und stärkte ich mich in einer Bar, bis der Bus kam, mit dem ich mich nach Colmenar hinaufbringen liess. Prächtige Ausblicke boten sich hier auf die von der Abendsonne geröteten Felsen der Tajos und über das Hügelland; auch dem Hotel attestierte ich einen passenden Namen: «Balcon de los Montes» nannte es sich. Auf seiner grossen, lauschigen und gut besuchten Terrasse genoss ich die Abendstimmung, die sogar mit ein paar Regentropfen gewürzt wurde. Nein, ich bereute es nicht, das heutige Asphaltwandern.


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