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Bergluft mit Rosmarin

EHWS Andalusien, Etappe 32: Capileira - Refugio Poqueira

Aufstieg durchs Poqueira-Tal, dem Mulhacén entgegen.
Aufstieg durchs Poqueira-Tal, dem Mulhacén entgegen.

Zu meinem Sierra Nevada-Abenteuer konnte ich bei besten Bedingungen aufbrechen. Es kündigten sich sommerliche Temperaturen an, die jedoch wie schon gestern durch ein frisches Berglüftchen gemildert wurden. Beim Startaufstieg wurde ich auch noch vom Schatten des Bergkamms an der Ostseite des Tals geschützt, später verlief der Weg fast gemächlich dem Hang entlang. Mit dem Wind wehten mir die ganze Zeit mediterrane Düfte entgegen; vor allem Rosmarin war auch bis auf 2500 Meter hinauf überall anzutreffen.

Es gibt zwei Varianten für den Aufstieg von Capileira zur Berghütte von Poqueira: Eine dem Poqueira-Bach entlang über das Wasserkraftwerk «La Cebadilla», und eine durch die Flanke des das Tal gegen Osten abgrenzenden Bergrückens; zuhinterst im Tal vereinigen sie sich zu einem steilen Schlussaufstieg. Ich hatte mich für die zweite Variante entschieden. Die Wanderzeit dafür wurde mit viereinhalb bis fünf Stunden angegeben, wobei man mir im örtlichen Tourismusbüro (dem «Oficina de la interpretación de Altas Cumbres») mit Nachdruck empfahl, wegen der Hitze früh aufzubrechen. Eine Empfehlung, die ich durchaus ernst nahm – aber andererseits hatte ich es gestern sogar am Nachmittag ganz gut ausgehalten.


Capileira - Refugio Poqueira
Etappe EHWS Andalusien, Nr. 32
  (Fernwanderprojekt EHWS)
Länge / Zeit 9,8 km / 4h08'
Auf- / Abwärts 1'042 m / 0 m
Höchster Punkt 2'500 m (Refugio Poqueira)
Tiefster Punkt 1'436 m (Capileira)
Fernwanderwege ----
Durchgeführt Donnerstag, 18. Juli 2019
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Ich mochte nicht auf das Frühstück im Hotel verzichten, und so war es – nach Beschaffung von Wasser und ausreichend Bargeld für das Bezahlen in der Hütte – schon viertel vor zehn, als ich das Dorf verliess. Auf demselben, mit PR A-23 bezeichneten und gelb-weiss markierten Weg, auf dem ich am Vortag heruntergekommen war, begann ich bergauf zu steigen. Ich fühlte mich ausgesprochen fit und war voller Neugier auf das unbekannte Gebirge und die Hütte. Im Schatten des Bergrückens und weiter oben des Kiefernwaldes gewann ich mühelos an Höhe und erreichte schon nach 40 Minuten das Wasserreservoir an der mir von gestern bekannten, zum Kraftwerk führenden Staubstrasse. Nach deren Überquerung setzte sich der bald etwas breiter werdende Fussweg in derselben Richtung fort: mässig ansteigend schräg hangaufwärts durch Kiefernwald, zwischenzeitlich eine Brandschutzschneise querend. Als ich gegen elf aus dem Wald hinaus gelangte, war ich ein erstes Mal überwältigt von der sich darbietenden Kulisse: dem von der späten Morgensonne beleuchteten Kranz von hohen und bis weit hinauf begrasten

Mulhacén mit Refugio Poqueira (am Fuss des Gipfels, links).
Mulhacén mit Refugio Poqueira (am Fuss des Gipfels, links).

Berghängen unter steinig-felsigen Zinnen, alles unter einem königsblauen Himmel, den ein oder zwei weisse Wölklein zierten. Direkt unter mir, tief unten in der Talsenke gewahrte ich das Kraftwerk, und am gegenüberliegenden Hang eine Röhrenleitung, die in kerzengerader Linie zu diesem hinunterlief. Ziemlich genau in der Verlängerung der Leitung himmelwärts stach eine Zacke fast unscheinbar aus der Krete der «Altas Cumbres» hervor; dank dem kleinen Schneefeld an deren Fuss war sie als Pico Veleta identifizierbar. In Gehrichtung hatte ich den mächtigen, breiten Klotz des Mulhacén vor mir. Und unterhalb desselben, etwa auf halber Höhe des Hangs, konnte ich auch schon mein Tagesziel erspähen: jener rechteckige dunkle Punkt im grün-braunen Grasland, das musste das Refugio Poqueira sein

Ich hatte damit eine erste Steilstufe erreicht, und der Weg wurde flacher. Das traf sich gut, denn ab hier musste ich ohne Schatten auskommen. Aber auch dank eines kühlendes Berglüftchens, das mir entgegenwehte, folgte jetzt ein Stück genussvollen Wanderns durch Bergwiesen: Die Muskeln wurden gefordert, Lunge und Herz geschont, die Sinne durch Rosmarin- und Thymiandüfte betört. Gegen Mittag erreichte ich einen kanalisierten Wasserlauf: Das war die «Acequía Baja», die untere von zwei Wasserleiten, die sich parallel zueinander der Länge nach durch den Hang zogen und die der Wanderroute den Namen geben («Ruta Acequías del Poqueira»). In ihr sprudelte das von den Bergen hergeführte Wasser munter südwärts. Ich kreuzte sie, passierte einen einsamen Cortijo, bei dem ein Geländewagen parkierte, überquerte einen durch eine Hangfurche herunterpurzelnden Bach und gelangte nach einer weiteren halben Stunde zur zweiten, höher gelegenen Wasserleite, der «Acequía Alta». Anders als die untere war diese aber trocken, und der Wanderweg kreuzte sie nicht, sondern blieb auf ihrer Talseite, um sich fortan in wechselndem Auf und Ab zwischen den beiden Acequías hin und her zu bewegen, immer in Höhenlagen zwischen 2000 und 2150 Metern.

Wandern in einer Wasserleite

Bei einer teilweise überwachsenen Cortijo-Ruine legte ich mich für eine Mittagsrast ins Gras; die Sonne war milder als befürchtet, vom Gegenhang tönte das Rauschen eines Bachs herüber. Just als ich wieder aufbrach, kam mir eine etwa sechsköpfige Wandergruppe entgegen. Einer von ihnen kam auf mich zu und fragte mich nach dem Weg über La Cebadilla. Leider musste ich ihm erklären, dass sie auf die falsche Talseite und damit auf den falschen der beiden nach Capileira hinunterführenden Wege geraten waren. Während er mir bestätigen konnte, dass es sich bei dem inzwischen klar als Gebäude erkennbaren dunklen Rechteck unterhalb des Mulhacén um das Refugio Poqueiro handelte – denn von eben dort kamen sie her – zeigte ich ihm auf der Karte, dass sie beim hintersten Hof, dem Cortijo de las Tomas, hätten rechts halten sollen. Nochmals zurückzugehen wäre für sie nun zu weit gewesen; also zogen sie schulterzuckend in der Richtung weiter, aus der ich gekommen war, wohingegen ich genau das Umgekehrte tat. Es war die einzige Begegnung unterwegs. Wenig später traf ich meinerseits auf eine unklare Wegsituation: An einer Gabelung entschied ich mich für einen hangaufwärts führenden Pfad, der sich aber, nachdem ich mich schon etliche steile Schritte emporgearbeitet hatte, im Gras verlor. Kein Problem, denn über mir sah ich die annähernd horizontale Linie der «Acequía Alta» am Hang, zu der ich mich hoch kraxelte. Auch hier traf ich diese trocken an, und auf meiner Karte war sogar ein Wanderweg eingezeichnet, der ihr folgte. Ihr Bett erwies sich über weite Strecken als gut begehbar, und wo sich zu tiefe Restwasserpfützen erhalten hatten, konnte man leicht neben ihm hergehen. Trotz des gegenwärtigen Fehlens von fliessendem Wasser waren die Bereiche in und neben der Wasserleite voller Leben: Ausser Rosmarin und Thymian säumten Disteln und allerhand mir unbekannte Blumen und Gräser ihren Lauf, und es wimmelte nur so von Schmetterlingen, Echsen, Käfern und weiterem Kleingetier.

Ankunft im «Base camp»

Refugio Poqueira.
Refugio Poqueira.

Ich erreichte das Talende etwa fünfzig Meter oberhalb des Cortijo de las Tomas , von wo ich den Bergpfad sich zu mir heraufwinden sah. Der Karte zufolge musste sich das Refugio in einer geraden Linie direkt über mir befinden, aber der Hang war hier so steil, dass sie nicht zu sehen war. Ich verliess also die Acequía und begann auf dem mit orangefarbenen Zeichen markierten Zickzackpfad hochzusteigen. Wie erwartet und beschrieben war es das steilste und anstrengendste Stück der heutigen Wanderung, aber von der Acequía aus fehlten nur noch etwa 300 Höhenmeter, und schon nach vierzig Minuten kam die Hütte in Sicht, zurückversetzt auf einer Terrasse liegend. Zwischen weidenden Kühen hindurch, deren Glocken über die Alp hinweg bimmelten, stieg ich die letzten Meter zu ihr hinauf. Es war kaum nach halb vier, als ich ankam, sodass ich mich in aller Ruhe im «Base camp» für meine Sierra Nevada-Expeditionen umsehen und einnisten konnte, bevor es sich mit Leuten füllte. Denn ich mochte der einzige sein, der heute auf der Acequía-Route zu ihm aufgestiegen war – aber die Hütte war auch auf eine viel einfachere Art zu erreichen, nämlich mit einer nur etwa zweieinhalbstündigen, vergleichsweise flachen Wanderung von dem auf einer Schulter hoch über Capileira gelegenen Parkplatz Hoya del Portillo her. Und das hatten denn auch etliche Leute getan.

Von hier aus liess sich das Poqueira-Tal in seiner gesamten Länge bis zu dem im Süden von der Sierra de Lújar gebildeten Riegel überblicken, wobei der Talgrund sich in seiner Tiefe versteckte und die Dörfer durch ihre Entfernung ausser Sichtweite lagen. Auch nach dem Eindunkeln verrieten nicht einmal Lichtschimmer deren Vorhandensein, sodass man sich in einem unbewohnten, stillen Tal hätte wähnen können. Auf der Terrasse selbst allerdings war es belebt, und zwar auch in der Umgebung der Hütte: Ausser den Kühen war hier auch eine stattliche Schaf- und Ziegenherde zu Hause; von dem Rosmarin, der auch hier oben noch üppig gedieh, schienen die Tiere nicht genug kriegen zu können.


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