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Sich bergaufwärts treiben lassen

EHWS Andalusien, Etappe 31: Bubión - Capileira

Capileira, Blick nach Süden.
Capileira, Blick nach Süden.

Es ist nur ein paar wenige Kilometer von Bubión nach Capileira. Wer die Strasse meiden will, hat die Wahl, das Ziel entweder via Talgrund von unten her oder aber nach einem Stück Hangaufstieg quasi horizontal anzusteuern. Ich entschied mich für die zweite Variante. Die nicht einmal 150 Meter Höhendifferenz waren mir jedoch nicht genug: Es trieb mich förmlich weiter den Berg hinauf, sodass ich Capileira erst über einen beträchtlichen Umweg und von oben her erreichte.

Aus dem Bus steigen, Schuhe schnüren und losziehen: Danach war mir an diesem Hochsommermittag zumute, als ich nach einem Reisetag, einer Hotelnacht im heissen Granada und einer mehr als zweistündigen Busfahrt wieder im Poqueira-Tal ankam. Schon nur deshalb wollte ich nicht einfach bis Capileira sitzenbleiben, dem höchstgelegenen und hintersten Dorf des Tals. Freilich auch, weil ich dadurch meinem Grundsatz untreu geworden wäre, dass meine Etappen wenn immer möglich ohne Unterbrechung mit einer früheren verbunden sein sollten: Schliesslich war ich noch nie zuvor in Capileira gewesen. Andererseits: Schon in Pampanera unten, in dem ich im vergangenen Herbst zwei Nächte verbracht hatte, mit Wandern zu beginnen, schien mir mitten im andalusischen Hochsommer denn doch etwas gewagt, zumal ich ausgerechnet zur Mittagszeit hier ankam. Also entschloss ich mich für Bubión als Ausgangspunkt, das mittlere der drei weissen Poquiera-Dörfer, durch das ich damals auf dem Weg nach Pitres hindurchgekommen war. Seine über 1200 Meter hohe Lage dürfte die Hitze etwas mildern, so hoffte ich.


Bubión - Capileira
Etappe EHWS Andalusien, Nr. 31
  (Fernwanderprojekt EHWS)
Länge / Zeit 6,8 km / 2h34'
Auf- / Abwärts 458 m / 351 m
Höchster Punkt 1'690 m (ob Bubión, Strasse nach Central eléctrica)
Tiefster Punkt 1'240 m (Bubión)
Fernwanderwege ----
Durchgeführt Mittwoch, 17. Juli 2019
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Tatsächlich fühlte ich beim Aussteigen sofort ein angenehmes Berglüftchen auf der Haut. Es als kühl zu bezeichnen, wäre zwar denn doch übertrieben, aber es machte, dass die Hitze sich bedeutend leichter anfühlte als in Granada unten. Jedenfalls konnte ich mir auf einem kleinen Rundgang durch das Dorf, das ich beim letzten Mal so feucht und wolkenverhangen erlebt hatte, sogleich gut vorstellen, hier loszuwandern. Allerdings hatte ich Hunger, das Hotelfrühstück lag schon Stunden zurück; da die Bars und Restaurants noch menschenleer waren – wer dachte denn in Andalusien schon um halb eins ans Mittagessen! – deckte ich mich in einem Supermercado mit Trockenwürsten, Brot und Wasser ein und verpflegte mich auf einem beschatteten Sitzplätzchen.

Aufstieg ob Bubión.
Aufstieg ob Bubión.

Dann war ich wanderbereit, es galt nur noch den Weg zu finden. Dass ich nicht die Tal- , sondern die Bergvariante nehmen würde, stand fest – aber bei meinem Rundgang hatte ich ausser dem mir bekannten GR7, von dem ich nun ja aber abzuzweigen hatte, keine Anzeichen eines Wanderwegs entdeckt. Einen ersten Versuch auf der Strasse talaufwärts brach ich beim Ortsausgang ergebnislos ab. Zurück im Dorf, wählte ich das erstbeste den Hang hinaufzielende Strässchen; Markierung oder Wegweiser sah ich keine, Hauptsache, es ging aufwärts. Und das ging es: Steil und gerade den Hang hinauf, im Nu hatte ich die letzten Häuser hinter mir. Das Strässchen endete dort nicht, wie ich ein wenig befürchtet hatte, sondern ging in einen mehr oder weniger überwachsenen Fussweg über. Schon war ich von knorrigen Obstbäumen, Sträuchern und duftenden Gräsern umgeben. Und ja: Trotz der Wärme machte das Steigen Freude, die Ausblicke durch den V-förmigen Taleinschnitt hinunter und zur Sierra de Lújar hinüber ebenso. Nach nur gerade vierzig Minuten mündete der Weg aber in ein Asphaltsträsschen, und schon hatte ich zu viel Höhe gewonnen, denn Capileira lag bereits schräg unter mir! Zwar gefiel mir der Blick auf das Dorf und die sich hinter ihm erhebende Kette der «Cumbres» (der Sierra-Nevada-Gipfel) – , aber die Aussicht, auf dem Strässchen gemütlich in vielleicht weniger als einer halben Stunde zu meinem Tagesziel hinunter trotten zu können, liess eine gewisse Enttäuschung in mir aufkommen. War ich doch gerade erst auf den Geschmack gekommen!

Den Cumbres entgegen

Strasse mit Wanderweg-Marke. (Pfahl rechts).
Strasse mit Wanderweg-Marke. (Pfahl rechts).

Die Karte sagte mir, dass ich mich auf der Zufahrtsstrasse zum Parkplatz Hoya del Portillo hinauf befand, der vielen als Ausgangspunkt für die Besteigung des Mulhacén diente. Auch die weiss-rote Wanderwegmarkierung, die ich am Strassenrand sah, deutete darauf hin: Sie musste zum regionalen Fernwanderweg GR240 gehören, den ich im Herbst bei Trevélez berührt hatte. Ich entschloss mich, noch ein Stück weiter hinauf zu gehen und zu versuchen, in einem Bogen nach Capileira hinunter zu finden. So folgte ich dem GR240 weiter; er zweigte bald auf einen Fusspfad ab, der die langen Serpentinen der Strasse abschnitt. Wieder konnte ich durch den gras- und strauchbestandenen Hang ansteigen, es fühlte sich an als würde ich von dem Lüftchen den Berg hinaufgetrieben. Als ich das nächste Mal – gewissermassen ein Stockwerk weiter oben –  auf die Strasse gelangte, beschloss ich dann aber doch, den GR240 zu verlassen und der Strasse nach Norden zu folgen. Ich ging so der Flanke des Bergrückens entlang, der die Täler von Poqueira und Trevélez trennte, den über 3000 Meter hohen «Cumbres» entgegen; unterhalb einer sich fast unmerklich von der Krete abhebenden Zacke, es musste der Pico Veleta sein, erspähte ich ein paar kleine Schneefelder, und ganz rechts lugte ein markanterer Gipfel hinter dem Rücken hervor, das konnte nur der Mulhacén sein, der höchste von allen.

Appetit geweckt

Bei der nächsten Serpentine, mit der die Strasse sich nach Süden zurückwandte, zweigte ein staubiges Strässchen mit Wegweiser «Poqueira Central» geradeaus von ihr ab. Es führte offenbar zu dem zuhinterst im Tal liegenden Kraftwerk und würde mich wohl einen Abstieg nach Capileira finden lassen. Eine weiss-gelbe Markierung, die es als lokalen Wanderweg auswies, bestätigte mich in dieser Vermutung. Nahezu flach führte es durch Kiefernwald durch die Bergflanke weiter nach Norden. Nach dem Steigen genoss ich nun den regelmässigen Marschrhythmus, bis ich nach rund vierzig Minuten tatsächlich zur Abzweigung eines ebenfalls weiss-gelb markierten Fusswegs kam, an dem ein Wegweiser «Capileira 1,2 km» angab. Diesen schlug ich ein, er war mit PR-A23 beschriftet und erwies sich als richtiger, steiniger Bergpfad, auf dem es rasch abwärts ging. Unterhalb des Waldes boten sich spektakuläre Blicke in die felsigen Abgründe der Poqueira-Schlucht, und bald lag auch schon das Dorf zu meinen Füssen, jetzt als hoch über dem Tal klebender Balkon. Denn mein Bogen bewirkte, dass ich es, obwohl von Süden und von unten her angereist gekommen, von oben herab und – die Dreitausender im Rücken – an seinem Nordende betrat. Ihren Zweck hatte die kleine Ausschweifung alleweil erfüllt: Der Appetit auf das Wandern und die «Cumbres» war geweckt.


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