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Nur wer sich duckt, findet Schatten

EHWS Andalusien, Etappe 14: Cuevas del Becerro (Cortijo Nuevo) - Ardales

Eigentlich wollte ich mit der ersten Morgendämmerung aufbrechen. Möglichst weit kommen vor der grossen Nachmittagshitze, war auch heute mein Vorhaben denn meine Wetter-App kündete erneut Temperaturen über 30 Grad an. Weil ich aber meine Unterkunft erst gegen halb Zehn bezahlen konnte, blieb es beim Vorhaben. Und dafür sollte ich den ganzen Tag lang «bezahlen»: Von allem Anfang an hatte ich die Sonne frontal im Gesicht, und schon bald prall über mir.

Besonders gut geschlafen hatte ich in der Einsamkeit des Cortijo Nuevo nicht; immer bellte irgendwo auf den umliegenden Höfen ein Hund, und aus der Ferne tönte bisweilen die Strasse herauf. Aber der Morgen war strahlend klar und weckte sogleich die Wanderlust. Leider hatte ich es am Abend versäumt, die Bezahlung zu regeln, sodass ich jetzt warten musste, bis die Bäuerin vom Hof heraufkam. Sie meinte, ich hätte einen angenehmeren Weg vor mir als gestern (weniger Strassen), aber in Serrato müsse ich mich auf viele Betrunkene gefasst machen, heute sei dort Fest.

Die Cañada real hatte inzwischen ganz in Richtung Ost gedreht und lief geradewegs der Morgensonne entgegen. Sie folgte vorerst weiter dem Hang der Sierra de la Cueva; nach links boten sich Fernsichten an niedrigeren Höhenzügen vorbei in Richtung Tiefland, die abgeernteten braunen Äcker verstärkten den Eindruck von Weite. Vor mir im Gegenlicht die Silhouetten von Gebirgszügen; ein kantiger Rücken, der sich besonders weit nach links ins Tiefland vorschob, musste die Sierra de Ortegícar sein. Ein weisser Fleck an dessen Fuss wurde rasch grösser und entpuppte sich als Dorf: Serrato! Bevor der Weg sich zu diesem hinabsenkte, kam ich an einem grossen Schild vorbei, das über Serrato und den GR7 informierte, umringt von einem kleinen botanischen Garten, wo man zudem viel über die lokale Flora erfahren könnte.


Cuevas del Becerro (Cortijo Nuevo) - Ardales
Etappe EHWS Andalusien, Nr. 14
Länge / Zeit 18,7 km / 5h35'
Auf- / Abwärts 453 m / 772 m
Höchster Punkt 800 m (Puerto de las Cruces)
Tiefster Punkt 351 m (Río Turón)
Fernwanderwege E4 (GR7)
Durchgeführt Freitag, 6. Oktober 2017
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Spannung vor dem Fest

Ruhe vor dem Fest: In Serrato.
Ruhe vor dem Fest: In Serrato.

In Serrato waren alle Gässchen mit Blumen, Girlanden, Flaggen und Wimpel geschmückt, «Virgen del Rosario» las ich auf einigen davon. Plätze waren mit Tischen und Stühlen möbliert und mit Blachen beschattet, an einem war auch eine Bühne aufgebaut. Als ich eine Bar fand, die offen hatte, spürte ich sogleich eine gewisse Anspannung in der Luft; die paar Männer, die am Tresen standen, waren mit dem Mann dahinter in ein Gespräch vertieft; sie nickten mir zwar zu, beachteten mich aber weiter kaum. Ich beschloss, aufs Frühstücken zu verzichten, meinen Konsum auf einen Kaffee zu beschränken und rasch weiterzuziehen. Durch weitere Gässchen abwärts erreichte ich den Dorfausgang. Nach einer Brücke über das Flüsschen Guadalteba gelangte ich auf eine Strasse. Kaum hatte ich mich mit dieser scharf nach rechts gewandt und einige Schritte bergaufwärts getan, war vom Dorf her das Knallen mehrerer Schüsse zu hören, gleich darauf setzte Blasmusik ein. Es war genau elf Uhr: Das Fest war damit wohl eröffnet! Dem von der Bäuerin des Cortijo Nuevo vorausgesagten Trinkgelage war ich offenbar gerade noch zuvorgekommen.

Kaum ein Lüftchen...

Die Strasse wurde nur schwach befahren, aber sie zog sich in einer langen Geraden teilweise steil den Hang gegen die Sierra de Ortegícar hinauf. Eine Stunde lang stieg ich auf ihr bergan, der immer praller werdenden Sonne entgegen; dann war eine erste Höhenstufe geschafft, und der GR7 zweigte auf eine Sandpiste ab, die auf einen mit Pinienwald bestandenen Hang zu führte. Im Schatten des Waldrands legte ich eine Rast ein – jedoch nur kurz, weil ich hoffte, den Hang hinter mich bringen zu können, bevor es noch heisser würde. Anders als an den vergangenen Tagen wehte heute kaum ein Lüftchen, die Hitze war gnadenloser. In mehreren Kurven kämpfte ich mich, leider ausserhalb des Waldes, den Hang hinauf, die felsigen Zinnen der Sierra de Ortegícar links über mir.

Puerto de las Cruces.
Puerto de las Cruces.

Gegen halb zwei war ich oben. Ich erreichte eine Passhöhe auf der Schulter des Bergrückens, ich identifizierte sie auf der Karte als den 805 Meter hohen Puerto de las Cruces. Von hier aus boten sich grandiose Fernsichten auf Gebirgszüge, weite Täler und Ebenen. Weit vorne meinte ich in der Tiefe einen blauen Schimmer zu erkennen; der könnte von den Guadalteba-Guadalhorce-Stauseen herrühren, in deren Nachbarschaft ich heute Abend übernachten würde. Gleich rechts davon erhob sich das klotzige Felsmassiv der Sierra de Huma aus der Ebene, und dahinter waren im Dunst die Silhouetten weiterer Gebirgsgruppen der Kordillere zu erkennen, die ich wohl in den kommenden Tagen streifen würde.

... und schon gar kein Schatten

Rastversuch unter Olivenbäumchen.
Rastversuch unter Olivenbäumchen.

Ein Wegweiser bestätigte, dass ich mich auf dem GR7 befand, und sagte zudem, dass mein Zielort Ardales noch drei Stunden entfernt war. Eine Stelle für ein angenehmes Rasten fand ich jedoch nicht, vor allem keinen Schatten. Also kein langes Verweilen, sondern flugs den Talweg angetreten. Bald trat ich aus dem bestenfalls mannhohen, wilden Gehölz des Bergkamms in herbstlich-ödes Landwirtschaftsland hinaus, das hauptsächlich aus endlosen braunen und ockerfarbenen Äckern und Oliven- und Mandelpflanzungen bestand, die sich an eher flachen Hängen dahinzogen. Nach einigen Wegbiegungen geriet vor mir auch Ardales bereits ins Blickfeld, ein weisses Städtchen am Abhang eines Hügels unter einem Wald aus Windturbinen. Der leicht abwärts geneigte Weg forderte kaum noch Anstrengungen; umso mehr tat es freilich die Hitze. Nirgends bot sich Schatten, die Olivenbäume waren viel zu klein und zudem oft ohnehin unzugänglich hinter Zäunen. Einmal versuchte ich es trotzdem, aber ich musste mich dazu derart zusammenkauern und krümmen, dass meine Muskeln sofort mit Krämpfen drohten. Ein andermal duckte ich mich für eine kurze Stehrast in den Schatten einer Hauswand. Ich war der Erschöpfung nahe, als ich endlich das Ufer des Río Turón erreichte, der am Fuss des Hügels unter dem Städtchen vorbeifloss. Über eine römische Brücke ging es nochmals einige Schritte steil hinauf, dann tauchte ich in die Gässchen von Ardales ein. «Mucho calor!», nickte mir eine Passantin zu – ich interpretierte es als Verständnis für meine verschwitzte und wohl abgekämpft wirkende Erscheinung.

Auf der beschatteten Terrasse einer Bar erholte ich mich bei einer kühlen Cola und bestellte ein Taxi. In Ardales selbst hatte ich keine verfügbare Unterkunft gefunden, deshalb hatte ich im Hotel Posada del Conde, elf Kilometer ausserhalb des Ortes, gebucht. Unvorstellbar, diese ganze Strecke noch zu Fuss gehen zu müssen! Mit dem Taxi erreichte ich das Hotel gegen halb Sechs. Es befand sich inmitten eines Touristenzentrums zwischen nicht weniger als drei Stauseen, die hier zusammentrafen, und dem Nordzugang zum berühmten «Caminito del Rey», einem spektakulären, an Felswänden aufgehängten Fusspfad durch die vom Guadalhorce-Fluss durchs Gebirge gefressene Schlucht.

Die Quittung kam nachts

Nachts schickte mir mein Körper die Quittung für das, was ich ihm tagsüber abverlangt hatte; sie bestand aus Verdauungs-, Muskel- und Gefässbeschwerden. Wohl nur selten in meinem Leben, so versuchte ich es zu verstehen, war ich bei so grosser Hitze mit so schwerem Gepäck so lange gewandert! Müssig darüber nachzudenken, wieviel besser es mir wohl ergangen wäre, hätte ich am Morgen wie beabsichtigt gleich nach dem Aufstehen losziehen können.


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