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Quer durch den Karst

EHWS Andalusien, Etappe 10: Villaluenga del Rosario - Montejaque

Das war heute eine wunderbare Wanderung: über drei Pässe und ebenso viele Trockentäler quer durch den Karst, fast alles auf Naturbelag, fern von jedem Strassenverkehr – und mit rund 20 km gerade lang genug, um den Tag zu füllen und dennoch Zeit für Flanier- und Verweilphasen zu lassen. Hinzu kam das nochmals sehr wanderfreundliche Wetter: Gewölk über den Bergkämmen kündigte zwar einen Umschwung an, hatte es damit aber offensichtlich nicht eilig und überliess die Führungsrolle noch einmal der Sonne.

Die Abfolge von Tälern und Pässen bewirkte einen angenehmen Wechselrhythmus von flachen, aufsteigenden und abwärts geneigten Strecken. Die passierten Täler oder – der spanischen Bezeichnung „Llano“ besser entsprechend – Ebenen waren Trockentäler oder Poljen ohne oberirdische Abflüsse. Auf Bildern sah ich sie auch schon in einem satten Grün, jetzt traf ich sie aber in gelb-braunen, manchmal auch rötlichen Tönen an. Das erste Tal war schnell durchquert, es war die vom Vortag bekannte Polje von Villaluenga. An der Payoyo-Käserei und einem Parkplatz vorbei gings zu einem Strässchen, das rechts zu der dem Dorf gegenüberliegenden Talseite abzweigt. 

Nach wenigen Schritten beginnt auch schon der Aufstieg, entlang von Schafweiden und Schweinegehegen führt es schräg den Hang hinauf. Herrlich die Blicke über die Polje zurück zu dem in der Morgensonne schimmernden weissen Dorf und den darüber thronenden Felszinnen hinüber! Nach knapp dreiviertel Stunden erreiche ich die erste Passhöhe, den 940 m hohen Puerto de Mesa. Durch Korkeichenwald steige ich auf der anderen Seite wieder hinunter, dann und wann vom Grunzen eines freilaufenden, eichelsuchenden Ibérico-Schweines begleitet.


Villaluenga del Rosario - Montejaque
Etappe EHWS Andalusien, Nr. 10
Länge / Dauer 20,2 km / 6h10'
Auf- / Abwärts 490 m / 679 m
Höchster Punkt 1'026 m (Puerto del Correo)
Tiefster Punkt 673 m (Montejaque)
Fernwanderwege E4 (GR7)
Durchgeführt Freitag, 21. Oktober 2016
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Irgendwo die Wasserscheide überschritten

Beim Waldaustritt dann ein überwältigender Blick auf die sich vor mir ausbreitende, sanft gewellte Ebene der Llanos del Republicano und dahinter das diese abriegelnde nächste Karstgebirge! Über das Gras der Polje zu gehen, ist eine Freude. Am Ende der Ebene, am Fuss des Gebirges – der Sierra de Líbar – befindet sich ein weiterer Karstschlot, der Sima del Republicano, etwa 600 m abseits vom Wanderweg. Ich habe ihn nicht besichtigt, aber Folgendes recherchiert: Das durch ihn verschluckte Wasser soll einige Kilometer weiter südöstlich in den Guadiaro fliessen, einen Mittelmeer-Zubringer. Der gestern in Villaluenga besichtigte Sima dagegen entlässt sein Wasser Richtung Guadalete – Atlantik. Irgendwo unterwegs muss ich also wieder einmal die Europäische Hauptwasserscheide überschritten haben; ich vermute, dass es auf dem Puerto de Mesa war.

 

Felsige Wildnis

Auf geht’s zum zweiten und spektakulärsten Pass des Tages: Ein schmaler, manchmal kaum erkennbaren Fusspfad windet sich in zwei Steilstufen zwischen zerklüfteten und zerbröckelten Felsen zum Puerto del Correo hinauf. Just in einer der steilsten und schmalsten Partien kommt mir von oben eine Kuh mit beeindruckenden Hörnern entgegen. Ich ignoriere mein Herzklopfen und drücke mich zur Seite, um sie passieren zu lassen. Die Dame nimmt das Angebot an und trottet an mir vorbei, bedankt sich jedoch nicht. Die Landschaft ist eine einzige Fels-, Strauch- und Baumwildnis und ein steiniger Pfad! Fehltritte dürften den Knöcheln hier nicht gut bekommen. Markierungen sind vorhanden, aber ich will mir nicht vorstellen wie es wäre, wenn die jetzt an den Gipfeln oben hängenden Wolken herabsinken und mich einnebeln würden.

 

Auf dem Rücken liegen und Geier beobachten

Eine Stunde nach Beginn des Aufstiegs überschreite ich die Passhöhe, sie ist mit 1024 m die bisher höchste Stelle auf dieser Andalusien-Wanderung. Auf der andern Seite verlässt man die Provinz Cádiz und betritt die Provinz Málaga. Der Abstieg ist viel kürzer als der Aufstieg, denn das dritte Trockental liegt fast 200 Meter höher als das vorherige. Es ist der Llano de Líbar, ein Längstal mit topfebenem Boden. Hat man die ersten beiden Täler in der Breite überquert, wird dieses nun seiner Länge nach durchwandert, schätzungsweise 6 bis 7 Kilometer weit zwischen Gebirgszügen hindurch. Das erste Stück ist rauh und lieblich: Auf offener Prärie geht es weglos über Gras, Herden von Rindern und Pferden zeigen keinerlei Interesse an dem einsamen Wanderer. Das trockene Gras lädt zum Rasten ein; auf dem Rücken liegend beobachte ich Geier und Adler, die schwebend über dem Tal kreisen.

Atemberaubender Blick durch Schlucht hinab

Auf einer Schotterstrasse setzt sich die Wanderung fort, zunächst an korkeichenbestandenem Weideland mit Schafen und dunkelhäutigen Ibério-Schweinen vorbei abwärts, dann über offenes Land geradlinig bergan nochmals auf fast 1000 m hinauf zum dritten Pass, dessen Namen ich nicht ausfindig machen konnte. Auf der Passhöhe bietet sich ein atemberaubender Blick in die Tiefe: Durch eine weite, von imposanten Felsen flankierte Schlucht führt ein Tal aus dem Gebirge hinaus. Der von kreisenden Raubvögeln überwachte Abstieg setzt einen fulminanten Schlusspunkt. Kurz nach halb fünf erreiche ich die Ortsmitte von Montejaque, einem weiteren Juwel von einem weissen Bergdorf.

Feierabend mit Kinderschauspiel

Ich übernachte ausserhalb des Ortes in einer Ferienwohnung, kehre aber zum Essen in diesen zurück. Zufällig wird just an diesem Tag ein Volksfest zum Gedenken an eine Schlacht aus dem Jahre 1810 begangen, bei der die Montejaquiner einen Angriff französischer Truppen auf eine ihrer Brücken erfolgreich abgewehrt haben sollen. Unerwartet werde ich Zeuge eines Umzugs in historischen Kostümen und eines Schauspiels, bei dem Kinder die damaligen Ereignisse nachspielen. So sitze ich am Ende eines stillen Wandertages auf dem Dorfplatz eines weissen Bergdorfes bei Bier und einem Teller Albóndigas und sehe zu, wie vielleicht 6- bis 8-jährige Knirpse mit Leidenschaft und Heldenmut den Erwachsenen zu imponieren versuchen – sei es als stolze Soldaten Napoleons, sei es als furchtlose Heimatverteidiger.

 

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