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Auf Römerspuren ins Karstgebirge

EHWS Andalusien, Etappe 9: Ubrique - Villaluenga del Rosario

Die heutige Wanderung war wiederum kurz, aber spektakulär und im ersten Teil schweisstreibend. Ging es gestern abwärts, so gings nun wieder hinauf, in das Karstgebirgssystem der Sierra de Grazalema und den gleichnamigen Naturpark hinein. Unter einem leicht bedeckten Himmel brach ich auf, zum nördlichen Stadtrand von Ubrique, wo die Calzada Romana nach Benaocaz beginnt. Durch einen Einschnitt zwischen hohen Felsen steigt diese Römerstrasse ziemlich geradlinig und steil hinauf. Beeindruckend, wie gut dieser wohl an die 2000 Jahre alte Verkehrsweg erhalten ist: Die Pflästerung ist zum Teil völlig intakt oder exzellent wiederhergestellt, hie und da sind die Spuren der Ochsenkarren noch in den Steinplatten zu sehen! Links und rechts Oliven- und Obstbäume, kleinere Herden von Schafen und Ziegen. Der eine oder andere Esel, der mir nachschaut, wie ich meinen 20-Kilo-Rucksack den Berg hinaufstemme, verstärkt den Eindruck vollends, in ein früheres Zeitalter zurückversetzt zu sein.

Ein Balkon unter Felswänden

Der Aufstieg bedeutet Arbeit. Während der Cicerone-Führer für die 4 km lange und etwa 450 Höhenmeter überwindende Strecke eine Stunde Wanderzeit veranschlagt, erreiche ich die Strasse am unteren Dorfrand von Benaocaz nach zwei Stunden, mit nassgeschwitztem Hemd. Aber das macht nichts, heute habe ich Zeit. Im Dorf oben erhole ich mich in einer Bar gegenüber dem Ayuntamiento (Gemeindehaus) bei einem vorzüglichen Milchkaffee. Bei einem Rundgang geniesse ich die Morgenstimmung in diesem weissen Bergdorf auf 800 m, das auf einem Balkon unterhalb der steil aufragenden Felswände der Sierra del Caillo, hoch über dem Talkessel des freilich von hier nicht sichtbaren Ubrique hingebettet liegt. Hier oben gibt es keine Wolkendecke, die Sonne bescheint die blanken Häuser ungehindert. Die verwinkelten Gässchen blitzsauber, die Häuser wirken in der Morgensonne alle wie frisch gestrichen. Es gibt neben Läden und Restaurants auch Unterkunftsmöglichkeiten. Gut könnte man sich hier auch eine Übernachtung oder gar einen längeren Aufenthalt vorstellen. Aber die Wanderung wäre mir denn doch zu kurz gewesen.

 


Ubrique - Villaluenga del Rosario
Etappe EHWS Andalusien, Nr. 9
Länge / Dauer 11,2 km / 4h20'
Auf- / Abwärts 637 m / 75 m
Höchster Punkt 890 m (Villaluenga del Rosario)
Tiefster Punkt 328 m (Ubrique)
Fernwanderwege E4 (GR7)
Durchgeführt Donnerstag, 20. Oktober 2016
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Von Geiern beobachtet

Nach Benaocaz folgt der Weg ein Stück weit der nur spärlich befahrenen Strasse, die wie eine Panoramastrasse horizontal oder sich leicht abwärts neigend unterhalb der links aufsteigenden Felswände entlangführt. Nach etwa 1 km dann plötzlich ein Einschnitt in der Felswand, in einem scharfen Winkel biegt die Strasse in diesen ein und steigt zwischen den Felsen zu einem trockenen Hochtal hinauf. Ich bin hingerissen vom abrupten Wechsel von Szene und Stimmung: Eben noch die weite Panoramasicht – nun diese Enge! Links und rechts steile und zerklüftete Berge, dazwischen ein ebener, von trockenen Gräsern und Sträuchern bewachsener Talboden. Während die Strasse sich an der einen Flanke gemächlich hinaufzieht, führt ein schöner Fussweg geradlinig durchs Gras. Und über allem kreisen – jawohl: Geier! Durchs Fernglas kann ich sie gut beobachten – auch, wie sie, mit blossem Auge nur als schwarze Punkte erkennbar, oben auf den Felszinnen sitzen und ins Tal hinunter blicken!

Ich befinde mich in der Manga de Villaluenga, einer langen Furche, die sich quer durch die Sierra de Grazalema zieht und deren Untergrund gemäss Literatur – sehen kann ich das ja nicht – von unzähligen Höhlen und unterirdischen Wasserläufen durchlöchert ist, eine typische Karsterscheinung. Hinter einem Passübergang senkt sie sich zu einer Mulde ab: ein Polje, aus dem das Wasser nur unterirdisch abfliessen kann. Schon bald wird mein Tagesziel sichtbar, das nächste weisse Bergdorf: Villaluenga del Rosario, das linkerhand am Abhang über dem Polje klebt. Durch die Gässchen erreiche ich gegen halb 3 das Hotel La Posada, fast zuoberst im Städtchen. An der hier oben weniger heissen Sonne sitzend geniesse ich ein vorzügliches Mittagessen. Scheinbar senkrecht über mir die Zinnen der Sierra del Caillo. Die höchste von ihnen, der Navazo Alto, ist fast 1400 m hoch – aber ich kann nicht ausmachen, welche es ist.

Wo das Wasser verschwindet

Später erkunde ich auf einem Rundgang Villaluenga, auch es ein sehr anmutiges und zudem wunderschön gelegenes Städtchen, das unter anderem für seine aus Schafs- oder Ziegenmilch hergestellten Payoyo-Käse bekannt ist. Immer wieder geniesse ich die umringende felsige Szenerie und den Anblick der ruhig ihre Kreise ziehenden Geier. Schliesslich mache ich einen Spaziergang ins Polje hinunter zu einem der Sehenswürdigkeiten des Ortes: dem Sima de Villaluenga, einem Trichter im Kalkgestein, durch den das Wasser des Hochtals, so es denn welches hat, im Berginnern verschwindet, um offenbar erst in Ubrique unten wieder ans Tageslicht zu treten. Ich schliesse aus diesen auf einer Tafel zu lesenden Informationen, dass das Polje genau wie der Kessel von Ubrique in Flüsse mit Endziel Atlantik entwässert.

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