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Über Schratten und Matten

EHWS Alpin, Etappe 17: Cabane des Audannes - Iffigenalp

Unter dem Kaltwasserpass, Bllick Richtung Rawilpass.
Unter dem Kaltwasserpass, Bllick Richtung Rawilpass.

Durch zwei ineinander übergehende Hochtäler ging es «wild» weiter: Begleitet wurde ich auch heute vom Hauptkamm der Wildhorngruppe, und von vorne näherte sich das Massiv des Wildstrubels. Dabei erlebte ich Gegensätzliches: Im ersten Tal konnte man sich die Zähne am Schrattenkalk ausbeissen, im zweiten gemütlich über flache Alpwiesen flanieren.

Es war acht Uhr, als ich bei leicht bewölktem, aber nicht unfreundlichem Himmel aufbrach. Der nahe Steilhang ennet dem See lag noch im Schatten und glich dadurch einer relieflosen Wand. Durch ihn musste ich hinauf, über einen sichelförmigen Sattel zwischen dem Wildhorn und einem Seitenkamm hinüber. Die ersten Schritte führten abwärts in die Mulde, in der der See lag, dann in einem Bogen an diesem vorbei und über den Schwemmkegel mehrerer Zuflüsse zum Fuss der Wand. Der Aufstieg war erwartet hart, aber kurz: Der Pass liegt nur knapp 200 Höhenmeter über dem Muldenboden. Die oberste Partie lässt sich nur zickzackend überwinden, auch ist sie ordentlich ausgesetzt. Meinen beiden Tischnachbarinnen habe kurz der Atem gestockt, so hatten sie beim Frühstück berichtet, als sie gestern, von der anderen Seite herkommend, plötzlich in diesen Abgrund hinabgeschaut hätten.


Cabane des Audannes - Iffigenalp
Etappe EHWS Alpin, Nr. 17
  (Fernwanderprojekt EHWS)
Länge / Zeit 12,1 km / 6h
Auf- / Abwärts 452 m / 1346 m
Höchster Punkt 2'648 m (Col des Eaux Froides)
Tiefster Punkt 1'583 m (Iffigenalp)
Fernwanderwege ----
Durchgeführt Samstag, 17. August 2019
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Eine Sensation, die mir beim Aufsteigen erspart blieb. Nur drei Viertelstunden nach Verlassen der Hütte – ich sah sie nun als kleinen Fleck in der Tiefe liegen – war der Col des Eaux Froides erklommen. «Kaltwasserpass» könnte man ihn auf Deutsch nennen.

 

Wasser sah ich hier oben freilich weder warmes noch kaltes, aber ein frischer Wind wehte mir um die Ohren, der mich nicht lange verweilen liess. Auf der andern Seite ging der Pass in ein eher flach geneigtes, zwischen zwei langgezogene Bergkämme eingewölbtes Hochtal über. Im Gegenlicht der Morgensonne, das die Landschaft nur silhouettenhaft erkennen liess, schien es sich fast unendlich in die Länge zu ziehen. In Wahrheit sind es zwei etwa gleich hoch gelegene, sich einander entgegen neigende Täler, die zusammen eine gerade Linie bilden – wie eine Liegewanne, mit dem Kaltwasserpass als Kopf- und dem Rawilpass als Fussende.

«Les Lapiaz» - ein Wiedersehen

Anfänglich liess es sich auf einem gut sicht- und begehbaren Pfad locker voranschreiten, ich genoss die stille Morgenstimmung in menschenleerer Felsenwelt. Aber schon bald stellten sich erste kleinere Karrenzonen in den Weg, und nochmals klangen meine Tischnachbarinnen in meinen Ohren nach: Dieser Weg, den sie nur genommen hatten, weil ein anderer infolge Lawinenverschüttungen unpassierbar war, sei zwar nicht sehr steil, «mais», sagten sie lachend im Duett: «on y a les lapiaz!» – Was dieses Wort bedeutete, wusste spätestens seit Tsanfleuron auch ich: Es bedeutete Stöcke weg, Hände frei, Tempo und Fortbewegungstechnik variieren, Spalten und Löchern ausweichen und gleichzeitig immerzu Ausschau halten nach Wegmarken. Genau eine solche musste ich gleich zu Beginn bereits verfehlt haben: Denn plötzlich tat sich ein Abgrund vor mir auf und ich sah direkt auf die dunkle Fläche des Tseuzier-Stausees hinunter!

Dieser lag in einem Einschnitt in der rechtsseitigen Bergkette, in dem die beiden Hochtäler zusammentrafen und durch den hindurch sie ihr Wasser zum Rhonetal hinunter schickten. Schräg durch den Schlitz konnte man Blicke auf die Aussenseite der «Wannenwand» erhaschen. So erkannte ich einzelne Masten von Bergbahnen oder Skiliften, sie gehörten wohl zur Destination Crans-Montana.

Da muss man rüber: Lapiaz von Téné.
Da muss man rüber: Lapiaz von Téné.

Es hiess also umkehren. Die nächste Wegmarkierung entdeckte ich dort, wo ich keine erwartet hätte, nämlich hoch über mir auf Kalkfelsen gemalt. Also hangelte ich mich steil dort hinauf, und damit begann ein mir endlos scheinendes, anstrengendes Auf und Ab durch zerklüfteten Schrattenkalk. Vor dem gegenüberliegenden Taleinschnitt in einem weiten Bogen bergwärts zurückweichend, stieg die Route bis zu dem in einer Hangfalte versteckten Téné-See und noch etwas weiter bis zur Abzweigung eines Bergweges hinauf, auf dem man über das Schnidejoch auf die Nordseite der Wasserscheide gelangen könnte. Danach ging es mehrheitlich wieder bergab; zuweilen trat ich auf begrasten Grund und meinte den Karst hinter mir zu haben – aber immer kam ein neues Schrattenfeld und dann noch eines. Für die Traversierung der ganzen «Lapiaz» benötigte ich satte zweieinhalb Stunden.

Als ich dann endlich auf ein Stück flachen, weichen Grasboden traf, auf dem ich mich einen Augenblick ausruhen konnte, hörte ich Murmeltiere pfeifen – und zum ersten Mal auf dieser Zweitagewanderung auch Kuhglocken bimmeln. Von da an wurde alles anders: Ich ging zwar in derselben Richtung zwischen den immer noch gleichen Bergketten weiter, aber der Talboden wurde sanft, grün und breit. Ich war in der andern Hälfte der Wanne angekommen, in dem Hochtal oder der Alp von Rawil. Ich kam über flache, manchmal topfebene Matten mit Gras und Blumen, «Plan des Roses» hiess dieser untere Teil der Alp, weiter oben weideten Kuhherden. Zugleich wurde es auch belebter, bei einem runden Bergseelein sassen mehrere Familien beim Picknick. Das hatte wohl mit der Nähe des per Auto und Bus erreichbaren, inzwischen schräg hinter mir in der Tiefe liegenden Tseuzier-Sees zu tun; von dort kam der breite und feste Weg herauf, auf dem ich nun leichtfüssig dahinwanderte, meist flach oder sanft ansteigend. Das war der alte Saumpfad, auf dem einst Maultiere Güter zwischen Simmen- und Rhonetal hin- und her geschleppt hatten.

Bikes, wo einst Maultiere

Alter Saumpfad zum Rawilpass.
Alter Saumpfad zum Rawilpass.

Aber allzu sorglos durfte ich den Blick aber nicht umherschweifen lassen, es galt auf den Verkehr zu achten. Denn der kam hier nicht nur zu Fuss, sondern auch auf Zweirädern daher – und dies meist von oben und mit entsprechend Speed. Woher die wohl kommen mochten, fragte ich mich. Die Antwort kam mir kurz vor dem Rawilpass förmlich zugeradelt: Eine Vierergruppe stiebte an mir vorbei, ich hörte meinen Namen rufen und gleich darauf das Geräusch von Vollbremsen auf Kies. Überrascht drehte ich mich um: tatsächlich, da waren Bekannte dabei, zwei Söhne eines befreundeten Paares! Sie klärten mich auf: Von Crans-Montana kamen sie her, hatten sich und ihre Räder mit der Seilbahn zur Plaine Morte hinauftragen lassen, waren dann zur Wildstrubelhütte herübergestiegen und kamen nun von dort herabgebraust.

So war das also. Ich überliess die jungen Männer ihrem halsbrecherischen Vergnügen und schlenderte die letzten Meter weiter zur Passhöhe hinauf, dem Fussende der imaginären Wanne. Erstmals seit gestern Morgen auf dem Sanetschpass berührte ich hier auch wieder die Hauptwasserscheide: Von dem nördlich des Passes aufragenden Mittagshorn – einem pyramidenförmigen Schuttkegel, der den östlichen Abschluss der Wildhorngruppe bildet – , fällt sie zur Passhöhe hinab, von wo sie sich auf der Südseite zum Rohrbachstein hinaufschwingt.

Hätte ich nur einen Tag mehr zur Verfügung gehabt, ich wäre von hier zur Wildstrubelhütte hinaufgestiegen – ich sah sie hoch oben auf einem Sporn am Hang kleben – , hätte dort übernachtet und morgen meinen Weg in Gegenrichtung zu meinen Bikerfreunden fortgesetzt. Aber ich musste nach Hause, und deshalb nahm ich den Abstieg zur Berner Seite unter die Füsse (der Rawilpass ist nicht nur Wasserscheide, sondern auch Sprach- und Kantonsgrenze). Durch eine enge Furche auf eine Alp und zuletzt durch eine senkrechte Felswand hinunter erreichte ich gegen vier Uhr das Berggasthaus Iffigenalp und damit einen Anschluss ans öffentliche Verkehrsnetz.


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