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Dachterrasse aus Eis und Karren

EHWS Alpin, Etappe 15: Scex Rouge (Diablerets) - Sanetschbahn

Lapis de Tsanfleuron mit Walliser Alpen.
Lapis de Tsanfleuron mit Walliser Alpen.

Eine zwischen zwei Gipfel gespannte Hängebrücke auf knapp 3000 Metern Höhe, eine Schneewanderung über Gletscher, ein langer, flacher Abstieg über eine abgeschliffene Karrenwüste und ein Eilmarsch zu einem Stausee hinunter: dies in Kürze die Abfolge dieser Etappe. Ich unternahm sie bei herrlichem Sommerwetter und klarer Sicht und hatte das Gefühl, über eine riesige alpine Dachterrasse zu gehen. Den weiten Horizont kränzten unzählige weisse Gipfel.

Der Morgen auf dem Nacken des Gemskopfs war windig und kalt (das Thermometer bei der Cabane des Diablerets zeigte 10 Grad an), aber abgesehen von etwas Schleiergewölk sonnig und klar. Mit einer der ersten Gondeln fuhr ich von der Mittelstation auf den Scex Rouge hinauf. Nach der gestrigen Fussbesteigung stand ich bereits ein zweites Mal hier oben, aber beide Male war es ausschliesslich aus etappierungs- und verkehrstechnischen Gründen. Denn ein Ziel war dieser zweigipflige Berg für mich eigentlich nicht: Weder liegt er auf der EHWS noch auf der ihr am nahesten kommenden Wanderroute.

Aber da ich nun einmal – und dieses Mal sogar fast alleine – hier war, liess ich mir seine Hauptattraktion nicht entgehen: Ich meine den «Peak Walk», jene Hängebrücke, die man – als buchstäblichen Höhepunkt des alpinen Vergnügungsparks Glacier 3000 – zwischen die beiden Berggipfel gespannt hat.


Scex Rouge (Diablerets) - Sanetschbahn
Etappe EHWS Alpin, Nr. 15
  (Fernwanderprojekt EHWS)
Länge / Zeit 14,1 km / 4h15'
Auf- / Abwärts 100 m / 974 m
Höchster Punkt 2'971 m (Scex Rouge Sommet)
Tiefster Punkt 2'033 m (Sanetschsee)
Fernwanderwege ----
Durchgeführt Freitag, 9. August 2019
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Aber da ich nun einmal – und dieses Mal sogar fast alleine – hier war, liess ich mir seine Hauptattraktion nicht entgehen: Ich meine den «Peak Walk», jene Hängebrücke, die man – als buchstäblichen Höhepunkt des alpinen Vergnügungsparks Glacier 3000 – zwischen die beiden Berggipfel gespannt hat. Der hier oben noch schärfere und kältere Wind liess die Brücke schaukeln und pfiff mir um die Ohren, aber ich sollte den Abstecher nicht bereuen. Denn zwischen den benachbarten andern Dreitausendern hindurch – dem Oldenhorn im Rücken, den «Teufelchen» (deutsch für «Diablerets») zur Linken – , erwartete mich eine grossartige Rundsicht: von den Walliser Alpen mit ihren unzähligen weissen Viertausendern über den Voralpenbogen bis zum Genferseegebiet und dem Jura! Dem wuchtigen Klotz der Diablerets mit ihren Firnbändern lag tief unten das gleichnamige Dorf und das grüne Ormond-Tal zu Füssen, gegenüber zog sich die Pic Chaussy-Kette mit der Terrasse von La Dix hin. Von dort aus, erinnerte ich mich, hatte ich seinerzeit zum ersten Mal mit dem Fernglas die Hängebrücke erspäht. Kaum vorstellen konnte ich mir da, dass ich je zu Fuss dort hinauf gelangen könnte – aber gestern hatte ich genau dies getan! Überhaupt konnte ich grosse Abschnitte der erwanderten voralpinen EHWS-Strecke zurückverfolgen, gar bis zum Moléson und dem Teysachaux, zwei ihrer ersten Gipfel.

Vom «Peak Walk» zum «Glacier Walk»

Peak Walk mit Oldenhorn und Tsanfleurongletscher.
Peak Walk mit Oldenhorn und Tsanfleurongletscher.

Mit dem Rückblick vom Peak Walk aus verabschiedete ich mich von den Waadtländer Voralpen, denn nun kehrte ich ihnen den Rücken. Rechts an der noch in Schatten getauchten Pyramide des Oldenhorns vorbei blickte ich über die weiss glitzernde Fläche des Tsanfleuron-Gletschers hinweg. Das war die Richtung, in die es nun ging: zur Walliser Seite der Berner Alpen – fürs erste freilich nur bis zur Staumauer des Sanetschsees, weil ich abends nach Hause zurück musste und man von dort mit einer Seilbahn nach Gsteig hinunterfahren konnte. Bis zur letzten Talfahrt um 17 Uhr standen mir genau sieben Stunden zur Verfügung – ein komfortables Zeitpolster, wie mir schien.

Auf die zeitsparende Möglichkeit, mit dem Sessellift zu meiner Wanderroute auf dem Gletscher hinunterzugleiten, verzichtete ich gern, schon der Anblick liess mich frösteln. Lieber setzte ich mich sofort in Bewegung und folgte den in den Permafrost des Südgrats gepressten Raupenspuren zum Sattel des Col de Prapio hinunter, dann hatte ich den Gletscher auch schon erreicht. Um auf die als «Glacier Walk» vermarktete Piste zu gelangen, musste ich allerdings erst noch zwischen einigen Pfützen und Bächlein hindurchmanövrieren, so stark hatte die hier durch nichts gehinderte Morgensonne das Oberflächeneis bereits aufgetaut. Dann schwenkte ich auf jene «Gletscher-Autobahn» ein, an deren Beginn ich gestern bereits gestanden hatte: eine breite Piste aus planiertem Firnschnee, die das weisse Plateau geradlinig durchschnitt. Auf ihr schritt ich, inzwischen auf Walliser Kantonsgebiet, rund zwei Kilometer weit der markanten, mal als «Quille du Diable», mal als «Tour St-Martin» bezeichneten Felsnadel entgegen, die am Ende des Plateaus in den blauen Himmel stach. Zum Glück war die Autobahn um diese Zeit noch längst nicht so bevölkert wie gestern Nachmittag, ich teilte sie nur mit wenigen Einzel- und Paargängern, und auch der «Snow Bus» schien den Betrieb noch nicht aufgenommen zu haben – jedenfalls begegnete ich dem Raupenmonster nicht.

Kaffeetrinken am Abgrund

Quille du Diable, Derborence.
Quille du Diable, Derborence.

Das flache Vorwärtsstapfen bildete einen scharfen Kontrast zur gestrigen Kraxelei; durch das leichte Einsinken der Schritte ermüdete es freilich ebenfalls und trieb Schweiss auf die Stirn – umso mehr, als die Piste gegen Ende wieder etwas anstieg. Jedenfalls kam mir das Restaurant «Refuge de l‘Espace» gerade recht, als ich dieses gegen halb zwölf erreichte. Es steht am Fuss des «Teufelskegels», wie die wohl ein gutes Dutzend Meter hohe Felsnadel auf Deutsch auch genannt wird – und zugleich an der scharfen Abbruchkante des Plateaus.

Auf der Terrasse sitzend genoss ich bei Kaffee und Schokoladekuchen die Sonne und die Aussicht. Jäh stürzte neben mir der Blick in die Tiefe, fast senkrecht in den rund 1500 Meter tieferen Talkessel von Derborence hinunter. Jenseits des Rhonetalbeckens erhob sich am Horizont der Kranz der Viertausender. Und in der Richtung, in der ich nun gehen sollte, konnte ich das mächtige Karrengebiet, das sich unterhalb des gegenwärtigen Gletscherendes abwärts senkte – die «Lapis de Tsanfleuron», wie es auf Französisch heisst – bereits bis zum Sanetschpass hinunter überblicken; dieser liess sich dank der dort parkierten und in der Sonne glitzernden Autos identifizieren.

 

Ennet dem Gletscherplateau – in der Richtung, aus der ich eben gekommen war – sah ich Leute am steilen Grat und auf dem Gipfel des Oldenhorns; es mussten mutigere oder geübtere Berggänger sein als ich, denn ich hatte mir die Besteigung dieses EHWS-Trägers nicht zugetraut!

Dem Gletscherschwund sei Dank

Lapis de Tsanfleuron mit Schneefeld vor der Wildhorngruppe.
Lapis de Tsanfleuron mit Schneefeld vor der Wildhorngruppe.

Letzteres wäre noch vor wenigen Jahrzehnten auch hier der Fall gewesen, als die nun vor mir liegenden «Lapis» noch unter dem Eis lagen. Infolge des Gletscherschwundes waren sie heute jedoch bei sommerlichen Verhältnissen problemlos begehbar, ich hatte mir dies am Morgen von der Hüttenwartassistentin noch einmal versichern lassen und fand es nun bestätigt: Eis war tatsächlich kaum mehr anzutreffen, das Karrenfeld lag fast vollständig blank in der Sonne. Einige eher flach geneigte Schneefelder im oberen Teil liessen sich gefahrlos überqueren, kleine Seelein galt es zu umgehen. Auf den glattgeschliffenen, heute trockenen Felsoberflächen fanden die Füsse gut Halt, die aufgemalten weiss-rot-weissen Markierungen und die im Fels verankerten Pfosten waren nicht zu übersehen, auch die von weitem sichtbar auf einem Zwischenplateau stehende Cabane de Prarochet bot Orientierung. Zudem war der Nachmittag ja noch lang. Kurz: Gründe zu Sorge oder Eile sah ich ebenso wenige wie Wölkchen am weiten Himmel, vielmehr lud alles zu einem entspannten, geniessenden Dachterrassen-Feeling ein. Immer mal wieder hielt ich denn auch inne um mich umzusehen, zu fotografieren, erste Gräser und Blümchen zu bestaunen, die aus kleinsten Gesteinsritzen ins Leben drängten – oder auch um eine Weile auf dem warmen Felsen in der Sonne zu dösen.

Wasserscheide gesucht

Aber wie ich schon anderswo erfahren hatte, ist Karrenwandern auch hier nicht ohne Tücken: Es erfordert ständige Konzentration, es lauern Löcher, Risse und Spalten, ein Fehltritt ist schnell geschehen. Und vor allem im unteren Teil nach der Prarochet-Hütte, wo sich der Hang steiler absenkte, musste ich die Schrittlänge ständig den Gesteinsformen anpassen. Ausgerechnet hier aber, wo ich in nordöstlicher Richtung dem Sanetschhorn und dem Quellgebiet der Saane entgegenging, wollte ich auch dem Verlauf der Wasserscheide besondere Aufmerksamkeit schenken. Zwar hatte ich diese, seit ich sie am Morgen bei der Diablerets-Hütte verlassen hatte, fast immer im Blick: Sie verlief im Prinzip über die Bergkette, die sich vom Oldenhorn über den sich jenseits des Sanetschpasses erhebenden Arpelistock zur Wildhorngruppe hinzog. Aber im Sanetschgebiet selbst war die Sache spannend: zum einen, weil die Kette hier in einer trichterförmigen Ausbuchtung vorübergehend nach Norden zurückwich, und zum andern, weil die diesseits entspringende Saane zum Flussystem des Rheins gehörte, ich mich ja aber auf der Rhoneseite der EHWS befand. Mit andern Worten: Die EHWS konnte nicht über die Bergkette verlaufen, vielmehr musste es zwischen mir und der Saane etwas geben, das sie zu jener hin ab- und durch sie hindurchdrängte.

Richtung Sanetschsee. In der Rinne links fliesst die Saane.
Richtung Sanetschsee. In der Rinne links fliesst die Saane.

Was dies war, konnte ich von oben herab nicht erkennen. Der Gletscherbach, auf den ich am unteren Ende der Karrenwüste stiess, war noch nicht die Saane, sondern der Lachon, der Oberlauf der zur Rhone strömenden La Morge. Und als ich nach dessen Überquerung seinem Lauf folgte, glaubte ich zunächst dem Fuss des Berghangs entlang zu gehen. Im Weitergehen stellte ich dann aber fest, dass ich auf einer Geländewölbung ging, die sich scheinbar aus dem Berghang heraus löste und den sich nach und nach absenkenden Lachon begleitete. Erst jetzt war ich mir sicher, dass ich die EHWS unter den Füssen hatte: Diese von der Rhoneseite her kaum wahrnehmbare Schwelle – wohl eine Moräne des verschwundenen Gletschers – war es, die den Lachon nach Süden abdrängte – und gleichzeitig jenes dünne Wässerchen nach Norden, das durch die sich zwischen Moräne und Berghang eintiefende Rinne abwärts rieselte und Sarine oder Saane hiess. Nur ein paar hundert Meter trennten die beiden Bäche voneinander – und dennoch flossen sie andern Meeren zu.

Der (Um-)Weg ist das Ziel

Auf einem Pfad, der von der Moräne abzweigte und der jungen Saane zum Sanetschsee folgte, hätte ich mein Tagesziel direkt ansteuern können. Aber mein eigentliches Ziel war ja nicht der See – ebensowenig wie es am Morgen der Scex Rouge gewesen war – , sondern der Weg, und zwar jener, der am nahesten bei der EHWS verlief. Und jetzt, da ich die Letztere gefunden hatte, wollte ich ihr unbedingt noch ein Stück folgen. Also ging ich in leichtem Auf und Ab der begrasten hügeligen Moräne entlang dem Sanetschpass entgegen. Ich genoss die vergleichsweise weiche, aber feste Unterlage, und das hier verbreitete Frühlingsgrasgrün war mir nach dem Gletscherweiss und dem Karrengrau willkommen.

Sanetschfall.
Sanetschfall.

Aber es war ein Umweg zuviel. Denn als ich auf dem Pass ankam, blieb mir bis zur letzten Seilbahnfahrt noch eine knappe Stunde – und ein Blick auf die Wegweiserangaben machte mir klar: nur mit einem forschen Eilmarsch war dies noch zu schaffen! Das also war aus meinem komfortablen Zeitpolster geworden: komplett dahingeschmolzen wars, wie der untere Teil des Tsanfleurongletschers! So war das eben: Wer sich Zeit lässt, sieht sie schwinden, sagte ich zu mir – und gab mir die Sporen. Auf der Rheinseite der EHWS quer durch den Grashang in das die Bergkette durchtrennende Hochtal hinab, die Serpentinen der schmalen Bergstrasse schneidend, am felsigen Ostufer des Sees treppauf und treppab hastend, im Laufschritt die letzten Meter auf den Damm hinauf – es nützte alles nichts: Ich kam zu spät.

 

Und da die Strasse hier endete und der Fussabstieg nach Gsteig infolge eines Bergsturzes noch gesperrt war, wäre mir als einzige Alternative eine überlange Reise zurück über den Pass und das Rhonetal geblieben (einen Bus dorthin gab es noch). Aber ich hatte Glück: Die unbemannte Station war über eine Gegensprechanlage mit der Talstation verbunden, und dort zeigte man sich gnädig: Eigens für mich schickte man nochmals eine Kabine herauf. Ganz allein schwebte ich dann mit dieser in den tiefen Abgrund nach Innergsteig hinab und sah im Vorbeigleiten den Wasserfall, mit dem die Saane sich demselben Ziel entgegenstürzte – für sie einem ersten Zwischenziel auf dem Weg zur Nordsee.


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