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Nichts Höheres zwischen Atlas und Alpen

EHWS Andalusien, Etappe 34: Refugio Poqueira - Mulhacén - Trevélez

Mulhacén-Gipfel. Blick nach Westen zum Pico Veleta.
Mulhacén-Gipfel. Blick nach Westen zum Pico Veleta.

Es war die Sahnehaube meines Sierra Nevada-Ausflugs: Zuerst derselbe Aufstieg wie am Vortag bis zur Hoch-Piste, anschliessend nochmals einige hundert Höhenmeter steil durch Fels und Lockergestein hinauf – dann stand ich oben: auf dem Mulhacén, 3482 Meter über Meer – dem höchsten Punkt nicht nur Iberiens, sondern auch auf der Kontinentalwasserscheide ausserhalb der Alpen. Der Preis dafür bestand danach aus einem gelenkstrapazierenden Talabstieg von über 2000 Metern. Ich bezahlte ihn gerne.

Im Refugio machte sich das Wochenende allenthalben bemerkbar: Es herrschte viel mehr Betrieb als am Tag zuvor, von den 87 Schlafplätzen waren wohl nicht viele leer geblieben, und um zu bezahlen musste ich Schlange stehen. Ich brach zur gleichen Zeit auf wie gestern (gegen halb neun), und gleich war auch die Startstrecke: flach bis zum Río Mulhacén und dann an dessen linker Seite entlang in die Höhe.

Einige Dinge jedoch waren anders: Es waren bereits mehr Leute unterwegs, die Mutterkuhherde hatte sich nach anderswo verzogen, und die Sicht war trotz stabilem Hochdruckwetter markant schlechter: Es war sehr dunstig geworden – die Rede war von Sahara-Staub, der nach Europa trieb – , vom Meer war gar nichts mehr zu sehen und von der Sierra de Lújar nur noch ein Schimmer.


Refugio Poqueira - Mulhacén - Trevélez
Etappe EHWS Andalusien, Nr. 34
Länge / Zeit 16,8 km / 6h30'
Auf- / Abwärts 1'000 m / 2'034 m
Höchster Punkt 3'482 m (Mulhacén)
Tiefster Punkt 1'448 m (Trevélez)
Fernwanderwege ----
Durchgeführt Samstag, 20. Juli 2019
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Es kam mir auch vor, als machte mir der Aufstieg bis zur Piste hinauf etwas mehr zu schaffen als beim ersten Mal, vielleicht weil kein kühlendes Lüftchen mehr wehte oder weil ich nun wieder mein gesamtes Gepäck mit mir trug. Wieder setzte ich mich bei der Kreuzung des Bergpfads mit der Piste zur ersten Rast hin, an derselben Stelle, an der ich mich gestern für den Umweg zum Veleta entschieden hatte.

Auch hier oben war mehr Betrieb als gestern Morgen, vom Mulhacén-Hang über mir hörte ich Stimmen, auf dem Loma Pelá und in der Gegend der Caldera sah ich Leute. Aus deren Richtung kam ein rucksackloser Mann auf mich zugeschritten, seine Ausrüstung so sportlich wie sein Tempo, und grüsste. Es war einer meiner Tischnachbarn von gestern Abend; er war schon bei der Caldera-Schutzhütte gewesen und jetzt auf dem Rückweg, «leider nach Hause» in die Hitze von Málaga.

Ganz oben

Auf dem Mulhacén, 3482 m.ü.M.
Auf dem Mulhacén, 3482 m.ü.M.

Uns gegenseitig «buen camino» wünschend, gingen wir auseinander: er leichtfüssig talwärts und ich mit kleinen schweren Schritten gipfelwärts. Wie jener zum Veleta erwies sich auch dieser Schlussaufstieg als technisch nicht schwierig, aber er erforderte viel mehr Kraft und Wille: Er war steiler und länger, zudem war es heute heisser. Auf dem Weg durch die sich über mir auftürmende Steinhalde hinauf geriet ich arg ins Schwitzen und musste mehrmals innehalten. Fünf Viertelstunden lang kämpfte ich mich die rund 500 Höhenmeter zwischen Piste und Gipfel hinauf – dann stand ich – Yes! – um Punkt 12 Uhr ganz oben, auf dem Dach Iberiens! Unglaublich! Noch vor wenigen Monaten hätte ich es nicht für möglich gehalten – oder zumindest für waghalsig. Ich brauchte einen Moment, um es zu realisieren: Suchte man den nächsten höheren Berg, musste man entweder südwärts übers Meer bis in den Hohen Atlas gehen, oder aber nach Norden bis in die Alpen. Ja, es war ein emotionaler Moment, es war mir durchaus nach «In-die-Welt-hinaus-Schreien» zumute!

Allerdings war ich bei weitem nicht allein hier, auch nicht allein mit den neugierigen und zutraulichen Iberiensteinböcken: Auch andere Wanderer hatten sich hochgekämpft, einige durch dieselbe steile Westflanke wie ich, die meisten freilich von der wesentlich leichter zu begehenden Südseite her, die man sowohl vom Refugio aus als auch über die «Carretera de la Sierra», wie die Piste offiziell hiess, von Capileira her erreichen konnte. In der Ferne konnte man auf dem Bergrücken, der die Täler von Poqueira und Trevélez voneinander trennt, einen Parkplatz erkennen. So teilte sich eine beachtliche Menschenmenge das zum Glück recht breite, mit verfallenen Gemäuern möblierte Gipfelplateau. Es war ein Kommen und Gehen, immer wieder ertönten leisere oder weniger leise Freudenschreie von Neuankömmlingen. Zwei-, dreimal wurde ich angesprochen, aus strahlenden, mir nicht bekannt vorkommenden Gesichtern nach meinem Befinden gefragt: Gäste der Poqueira-Hütte, die mich offenbar wiedererkannten, vielleicht war ich ihnen als Einzelwanderer, vielleicht als gebrochen Spanisch stotternder Ausländer aufgefallen. Einmal ging ein Raunen durch die Menge, das in Applaus überging: Er galt der Ankunft eines zehnjährigen Mädchens mit seinem Vater; diese Beiden erkannte ich sogleich, sie hatten am Abend neben mir gesessen, und ich erinnerte mich, dass andere Tischnachbarn dem Vater zu bedenken gegeben hatten, dass der Mulhacén für das Kind vielleicht denn doch eine Nummer zu gross sein könnte. Jetzt stand es hier oben, es hatte es allen gezeigt!

Dass man vom Mulhacén aus das Meer und zuweilen sogar bis nach Afrika hinüber sehen kann, blieb heute ein unbestätigtes Gerücht. Der Dunst oder der Sahara-Staub sorgten dafür, dass nur gerade die benachbarten Berge einigermassen deutlich zu sehen waren, zum Beispiel der Veleta im Westen und der Alcazaba im Norden, alles andere blieb verschleiert oder war gar nicht vorhanden. Spektakulär waren jedoch die Ausblicke in die jäh hinabstürzenden, zerklüfteten Abgründe der zum Alcazaba hin abgewinkelten Nordflanke; markanter und aufregender kann man eine Wasserscheide wohl nicht an vielen Orten wahrnehmen!

Nach einer guten Stunde brach ich wieder auf. Für den Abstieg nach Trevélez gäbe es zwei Möglichkeiten: Eine davon führt über das sich im Osten und Nordosten unter dem Gipfel ausbreitende Zwischenplateau der «Siete Lagunas», sie schien mir jedoch zu lang. Ich wählte deshalb die andere: Diese beinhaltete zwar einen brutal steil anmutenden, langen Schlussabstieg, war aber direkter. Vorerst ging es aber in südlicher Richtung noch nahezu flach bis zu einer weiteren gipfelähnlichen, als «Mulhacén II» bezeichneten Anhöhe von immer noch über 3300 Metern; erst ab hier senkte sich das Gelände stärker ab, aber hier erleichterte ein ordentliches Strässchen das Vorwärtskommen, auf dem man einander gut überholen oder kreuzen konnte – was bei dem regen Wanderverkehr auch nötig war.

Fin de sendero

Die Piste, Blick zurück: Loma del Mulhacén.
Die Piste, Blick zurück: Loma del Mulhacén.

Ich gelangte zur Piste auf dem Sattel hinunter, wo der Loma del Mulhacén in den langgezogenen, grasbewachsenen Rücken übergeht und wo ich erstmals seit zwei Tagen ein Auto stehen sah. Ein kleines Stück folgte ich der Piste bis zur Abzweigung zu dem hier 3,5 km entfernten Refugio Poqueira, von da ging ich weglos über Gras auf eine Anhöhe hinauf: Das war der Alto del Chorillo, mit 2721 Metern eine sanfte Erhebung in dem Bergrücken zwischen Poqueira- und Trevélez-Tal. «Fin de Sendero» verkündete hier eine Tafel – aber das war von Trevélez her gedacht, denn für mich war es nicht das Ende des Weges, sondern der Beginn des Talabstiegs. Ein letzter Blick zum Gipfelkranz hinauf und ins Poqueira-Tal hinab, dann wandte ich mich nach Osten, kreuzte nochmals die Piste und schlug einen schmalen Fusspfad ein. Jetzt wurde es still, hier war ich allein unterwegs. Drei Stunden sei es bis Trevélez, hiess es auf dem Wegweiser. Nach ein paar Schritten sah ich das weisse Bergdorf erstmals in der tief eingekerbten Talfurche liegen – sehr tief unten, gewiss, aber so gerade unter mir, dass mir die Zeitangabe übertrieben vorkam. Aber ziemlich genau soviel Zeit benötigte ich!

Blumen, aber kein Schatten: Abstieg nach Trevélez.
Blumen, aber kein Schatten: Abstieg nach Trevélez.

Dass das steile Gelände mir zusetzen würde, hatte ich erwartet; als zusätzliche Erschwernis kam nun aber noch die Hitze hinzu, die stetig stieg, je mehr ich an Höhe verlor. Bei einem ehemaligen Dreschplatz legte ich nochmals eine Rast ein, aber an Sitzen war nicht zu denken, zu heiss die steinernen Platten. Die Vegetation wurde dichter, blieb aber bis weit hinunter kleinwüchsig und bot keinen Schatten. Eine erste Acequía, die ich überquerte, war staubtrocken. Meine Wasserreserven gingen rasch zur Neige. Dann traf ich auf erstes Buschwerk – und verlor prompt noch einmal den Weg. Aber quer durch Weiden und an den Zäunen erster Gärten entlang stiess ich auf eine staubige Strasse – und siehe da: Diese wies weiss-rote Markierungen des GR240 («Sulayr») und des GR7 auf, war also dieselbe, auf der ich im vergangenen Herbst hergekommen war. Die Schlaufe war vollzogen!

Von da an kannte ich den Weg, nach einer Viertelstunde kam ich an dem Wegweiser zum Alto del Chorillo vorbei, den ich damals fotografiert hatte (und wo ich jetzt hätte herunterkommen sollen), dann gings bei einem gemauerten Wehr über den Rio Chico zum Barrio Alto hinüber, dem Oberdorf von Trevélez, und dann noch eine knappe halbe Stunde lang durch die verwinkelten Gässchen an Schinkenräuchereien vorbei zu meinem Hotel hinunter, dem «fin de sendero» meines Sierra-Nevada-Abenteuers. Um halb sieben bezog ich mein vorausgebuchtes Zimmer, löschte den Durst, legte mich hin – und sank sogleich in einen Tiefschlaf. Als ich wieder erwachte, war es gegen halb zehn – in Andalusien eine gute Zeit, essen zu gehen.


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