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Wanderstöcke als Pflugscharen

EHWS Andalusien, Etappe 28: Soportújar - Pampaneira

Es hätte gestern das Schlussstück sein sollen. Aber weil ich die Wanderung durch den regenbedingten Zeitverlust verkürzt hatte, holte ich es nun bei wieder sonnigem Wetter nach: Als Kurzwanderung von rund zwei Stunden nur, fast ohne Höhenunterschiede dem Südhang entlang ins Poqueira-Tal hinein. Sie hatte es aber in sich: Der Weg war streckenweise mit Gras und Gestrüpp so überwuchert, dass ich ihn nicht fand oder mich mit Hilfe der Wanderstöcke hindurchpflügen musste.

 

Wettermässig begann dieser Tag, wie der gestrige aufgehört hatte: mit blauem Himmel und strahlendem Sonnenschein. Trotzdem hatte ich inzwischen entschieden, auf die Besteigung des Mulhacén zu verzichten, zu der ich andernfalls morgen oder übermorgen von Pampaneira aus aufgebrochen wäre: Zu schlecht waren die Prognosen für die kommenden Tage, bereits heute Abend war wieder eine Verschlechterung angesagt. Der Taxifahrer – derselbe, der mich gestern nach Pampaneira gebracht hatte – , meinte, dass dort oben bei der gegenwärtigen Wetterlage durchaus auch Schnee fallen könne. Er kannte den GR7 und setzte mich heute Morgen vor Soportújar in einer Kurve ab, in welcher dieser von der Strasse abzweigt. Ich ging aber trotzdem zuerst noch auf der Strasse ins Dorf, da ich es gestern nur kurz und übermüdet gesehen hatte.

Stolz auf Hexen

Die Aussicht von der Terrasse war noch klarer und frischer als gestern Abend. Vor allem gegen Süden und Südwesten – die Sierra de Lújar gegenüber und über den Taleinschnitt des Guadalfeo Richtung Meer – zeichneten sich die Konturen der Landschaft schärfer ab, weil das Licht diesmal von hinten. Dass es sich bei dem vagen dunkleren Streifen hinter dem Mittelmeer-Ausschnitt um die Küste Afrikas handelt, hätte ich nicht zu behaupten gewagt, aber der Taxifahrer war seiner Sache sicher. Noch einmal betrachtete ich den kuriosen Hexenbrunnen. Wie ich unterdessen kurz recherchiert hatte, zelebrierte man hier die Erinnerung an vergangene Zeiten, in denen es allerhand Magierinnen und Magier (Natur-, Geist- und andere Heiler) gegeben haben soll.

Einbiegen ins Poqueira-Tal


Soportújar - Pampaneira
Etappe EHWS Andalusien, Nr. 28
Länge / Zeit 7,1 km / 2h43'
Auf- / Abwärts 331 m / 175 m
Höchster Punkt 1'101 m (Pampaneira)
Tiefster Punkt 919 m (Barranco de la Cueva)
Fernwanderwege E4 (GR7)
Durchgeführt Montag, 15. Oktober 2018
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Poqueira-Tal mit Pampaneira und Bubión.
Poqueira-Tal mit Pampaneira und Bubión.

Vor mir lag eigentlich weniger als eine Halbtageswanderung. Sie hätte zur gestrigen Etappe gehört, die ich aber infolge des durch das Gewitter ob Lanjarón erlittenen Zeitverlusts bereits in Soportújar beendet und so zweigeteilt hatte. So konnte ich mich für einmal ganz ohne Zeitdruck auf den Weg machen – und zudem mit leichtem Gepäck, da ich heute Abend ins gleiche Hotel zurückkehren würde und den grossen Trekkingrucksack dort gelassen hatte. Es war zehn Uhr, als ich der Aussichtsterrasse den Rücken kehrte, um nochmals an der Bar Romero vorbei auf der Strasse zur Abzweigung des GR7 zurückzugehen. Dort führte gleich oberhalb der Strasse eine gemauerte Brücke mit Holzgeländer über ein trockenes Bachbett; eine Tafel beschriftete den Ort mit «Cueva del ojo de la Bruja» – Höhle des Hexenauges – , eine weitere Reminiszenz an die magische Vergangenheit. Von hier führte der GR7 zu einem Friedhof und weiter in nur geringer Entfernung oberhalb der Strasse und parallel zu dieser ostwärts durch den Hang. Dann stieg er etwas bergan, folgte dann ein Stück weit einem Fahrweg wieder nach Osten, bevor er auf Fussweg mit dem Hang nach Nordosten und damit ins Tal von Poqueira einbog. Der Himmel war da bereits nicht mehr so klar blau, über den Bergen lagen schon wieder etliche Schleierwolken. Bald tauchten vorne am steilen Gegenhang des Taleinschnitts Pampaneira auf und senkrecht darüber Bubión – zwei der drei Poqueira-Dörfer. Ein ergreifender Augenblick – erst recht, wenn man ihn zum ersten Mal erlebt! Ich bedauerte es ein wenig, dass dies für mich gestern Abend mit dem Taxi und deshalb relativ flüchtig geschehen war. (Andererseits war der erste Anblick der Dörfer in der Abendsonne sogar noch etwas ergreifender gewesen als jetzt.) Hoch darüber erhoben sich die Kämme der Sierra Nevada, zuhinterst erkannte ich deren höchsten Gipfel, den Mulhacén – der Taxifahrer hatte ihn mir unterwegs angewiesen, von Pampaneira aus ist er nicht zu sehen – , den ich so gern bestiegen hätte. Vor lauter Begeisterung achtete ich freilich nicht mit der gebotenen Aufmerksamkeit auf den Weg, und so kam ich wieder einmal von diesem ab und musste eine gute Viertelstunde zurückgehen. Ein Bauer wies mir dann wieder den rechten Weg.

Der verlief weiter unten am Hang, liess sich aber auch bei voller Aufmerksamkeit nicht leicht verfolgen. Markierungen waren spärlich, und immer wieder gab es unklare Situationen, vor allem bei Gebäuden und Gebäuderuinen, von denen es etliche gab. Auch war der Weg teilweise von Gräsern und Sträuchern überwuchert und in dem dschungelähnlichen Dickicht nicht nur unsichtbar, sondern auch schwer begehbar; ich musste die Wanderstöcke, die ich auf diesem mehrheitlich flachen Weg sonst nicht benutzt hätte, dazu einsetzen, mir das Durchkommen zu erkämpfen – eine recht anstrengende Angelegenheit. Bei einem Haus mit parkiertem Auto nahm ich das abwärts führende Zufahrtssträsschen und landete wenig später auf der Strasse. Ich folgte ihr, und nach einigen hundert Metern, unmittelbar vor der Brücke über den Río Poqueira, stiess von links ein Weg mit GR7-Markierung dazu; ich musste also erneut eine Abzweigung verpasst haben, diesmal freilich ohne Folgen. Unmittelbar nach der Brücke, die eindrückliche Tiefblicke in die Schlucht bietet, befindet sich ein Elektrizitätswerk, vor dem die Strasse nach Süden zurückbiegt, um sich in Serpentinen zum Dorf Pampaneira hinauf zu schwingen. Ich stieg auf dem neben dem Elektrizitätswerk als Fussweg verlaufenden GR7 bergan. Kurz unterhalb des Dorfes war dann auch erstmals Capileira zu sehen – das dritte der drei Poqueira-Dörfer, die zusammen zu den beliebtesten Ausflugszielen in den Alpujarras gehören: Es blendete ebenso weiss wie die andern Dörfern aus der Höhe herab, aber von weiter oben und weiter hinten im Tal, am Fuss der höchsten Bergkämme.

Wanderpause mit Sightseeing

Meine Wäschetröcknerei.
Meine Wäschetröcknerei.

Um halb zwei erreichte ich die zentrale Plaza des von Touristen bevölkerten Pampaneira und hatte den ganzen Nachmittag wander-frei. Ich verbrachte ihn mit Wäsche – mein Zimmer verfügte über eine Terrasse, auf der ich alles zum Trocknen aufhängen konnte – , Mittagessen, Faulenzen, Dorfbesichtigen und Fotografieren. Als ich abends nach dem Nachtessen zum Hotel zurückging, regnete es wieder. Die Wäsche hatte ich zum Glück vorher abgenommen.


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