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Grenzwanderung dem Jura entgegen

EHWS Jura, Etappe 1: Réchésy (F) - Charmoille (CH)

Zur Eröffnung der Wandersaison 2017 wollte ich erste Schritte auf jenem Abschnitt der Kontinentalwasserscheide setzen, der das Mittelgebirge des Jura durchzieht. Mit einer Tageswanderung näherte ich mich diesem von Nordwesten her. Als Ausgangspunkt habe ich Réchésy im französischen Territoire de Belfort gewählt, hart an der Schweizer Grenze.

Das Dorf liegt nahe der Wasserscheide am östlichen Rand der Ebene, die sich zwischen Vogesen und Jura ausbreitet und im deutschen Sprachgebrauch Burgundische Pforte genannt wird. Von dort her zog ich über sanft gewellte, waldreiche Tafeljura-Plateaus der ersten Kette des Faltenjuras entgegen. In mehrfacher Hinsicht wars eine Grenzwanderung: Die Route folgte nicht nur mehrheitlich der EHWS, sondern immer wieder auch der Landesgrenze zwischen Frankreich und der Schweiz und der regionalen Grenze zwischen dem elsässischen Sundgau und der zum Kanton Jura gehörenden Ajoie (deutsch: Elsgau).

Ein Drei-Länder-Stein...

Nach Réchésy gelangte ich per Taxi vom schweizerischen Porrentruy aus. Bei der Mairie startete ich unter einem zwar weiten, jedoch bedeckten Himmel. Schon nach wenigen Schritten fielen erste Tropfen, bald setzte Regen ein. Auf dem Europäischen Fernwanderweg E5 steigt man sanft zwischen Einfamilienhäusern hindurch einer bewaldeten Anhöhe entgegen. Beim Blick zurück oder nach links bietet sich eine weite Sicht über die Ebene hin bis zu den Vogesen. Bald nach dem Waldeintritt gelangt man zur ersten Sehenswürdigkeit des Tages: dem Dreiländerstein („Borne des Trois Puissances“). Er erinnert an die Zeit von 1871 bis 1914, als das Elsass von Deutschland besetzt war : Damals stiessen an diesem Punkt – rund 70 Kilometer weiter westlich als heute – Frankreich, Deutschland und die Schweiz zusammen. An der gleichen Stelle – Einheimische nennen sie auch „Point zéro“, wie ich vom Taxifahrer weiss – erreicht von Norden her die EHWS den Wanderweg.


Réchésy (F) - Charmoille (CH)
Etappe EHWS Jura, Nr. 1
Länge / Zeit 20,5 km / 5h30'
Auf- / Abwärts 316 m / 212 m
Höchster Punkt 614 m (Mont de Miserez)
Tiefster Punkt 410 m (Réchésy)
Fernwanderwege E5 (teilweise)
Durchgeführt Sonntag, 15 Mai 2017
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... und ein Zwei-Meere-Fussballplatz

Nahezu ebenan führt der Weg dann einem Rücken zwischen den Talmulden des rhoneseitigen Flüsschens Vendeline und der rheinischen Largue entlang. Lange Zeit geht es durch Wald, nur ab und zu wird er von Lichtungen mit Wiesen, Äckern oder knallgelben Rapsfeldern unterbrochen. Dank eines schützenden Blätterdachs werde ich nur wenig nass. Hie und da für Anstrengung sorgt freilich der Morast, der vom Regen der letzten Tage zeugt und der einzelne Passagen fast unbegehbar macht. Vogelgezwitscher erfüllt die Luft, ein Kuckuck begleitet mich minutenlang. Dann wartet eine der Lichtungen mit Sehenswürdigkeit Nummer Zwei auf: mit einem Fussballplatz, der von der EHWS durchschnitten wird! Er liegt auf einem leicht erhöhten Sattel beim Dorf Pfetterhouse an der Strasse nach Bonfol, genau an der Grenze. Hinter einem der Tore informiert eine Tafel über seine einmalige Lage. Weltweit gibt es wohl nicht viele Fussballplätze, so sinniere ich im Regen stehend, von denen das Wasser in zwei verschiedene Meere abfliesst – und auf denen man sich beim Torschuss mit der Ecke auch gleich das Meer aussuchen kann, auf dessen Seite man den Ball versenken will!

Verteilte Giftgefahr

Bald darauf verlasse ich den E5 und die Grenze und folge der Wasserscheide quer durch einen schmalen Zipfel Schweizer Territoriums, der hier ins Elsässische hineinragt. Allerdings muss ich dann auch die EHWS kurz verlassen: Während Letztere geradeaus verläuft, macht der Weg einen weiten Bogen – nämlich um das abgesperrte Terrain der berüchtigten Chemiemülldeponie von Bonfol herum. An einigen Stellen ist das Stahl-Glas-Gewölbe der mächtigen Sanierungshalle durch die Bäume hindurch zu sehen. Die Deponie steht exakt auf der EHWS – so als hätten die Urheber es darauf angelegt, allfällig austretende Gifte möglichst „gerecht“ nach allen Seiten hin zu verteilen: Theoretisch könnten sie sowohl bis zur Camargue als auch bis nach Rotterdam hinunter rieseln! Ein Glück, dass es bei lokal begrenzten Vorfällen geblieben ist! (Seit 2016 soll die Deponie giftfrei sein.)


Zurück auf der EHWS, verlasse ich den markierten Wanderweg und folge ihr auf Asphalt wieder nach Frankreich hinüber. Beim Verlassen des Waldes zeigt sich mir erstmals die Silhouette eines Hügelzugs – ein erster Vorbote des Faltenjuras? Nur die sanfte Talmulde der Largue mit dem Dorf Courtavon trennt ihn von mir. Das Dorf umgehe ich auf unmarkierten Feldwegen. Nach einem kurzen Picknick in einem Unterstand für ausgediente Landwirtschaftsmaschinen dann ein kleines Wunder: Plötzlich ein Sonnenstrahl, es hellt auf und der Regen versiegt!

Vorhang auf!

Erneut auf Asphalt, dann wieder auf unmarkierten Feld- und später Waldwegen versuche ich dem hier recht verwinkelten Verlauf der EHWS weiter möglichst nahe zu bleiben. Nicht immer weiss ich sicher, wo ich mich gerade befinde. Grenzsteine, die ich im Wald passiere, verraten mir, dass ich die Schweiz wieder betrete. Über eine Anhöhe gelange ich wieder auf einen markierten Wanderweg und an einem belebten Picknickplatz vorbei – Grillduft hat ihn schon lange vorher angekündigt – zum Waldausgang. Es ist wie ein Öffnen des Vorhangs: Vor mir breitet sich da die besonnte Ebene der Ajoie aus, gleich hinter ihr erhebt sich die erste Kette des Jura. Weit zieht sich diese als scheinbar geschlossenes und bewaldetes Band der Ebene entlang gen Süden hin! Fast durchgehend erreicht sie Höhen zwischen etwa 900 und 1000 Meter. Nur schwer lassen sich einzelne Punkte identifizieren; den Mont Terri etwa, einen ihrer bekannteren Berge, kann ich nur ungefähr orten. Einzig die Höhe von Les Ordons verrät ihre Lage ziemlich genau – dank ihrem mir von früheren Wanderungen bekannten Sendeturm.

Zwischen Wiesen geht’s einem sanft abfallenden Hang entlang. Kurz vor dem Dorf Miécourt komme ich über eine Art Sattel, von dem aus sich das Gelände sowohl nach Süden als auch nach Norden hin absenkt und nach beiden Seiten hin eine weite Sicht freigibt. Eine der wenigen Stellen am heutigen Tag, wo die Wasserscheide nicht nur theoretisch, sondern für mich erlebbar da ist.

Zum Abschluss ein "Amuse-bouche"

Gleich danach ist Schluss mit dem Flachwandern, noch vor der Ebene beginnt der Jura sich bucklig zu benehmen. Auf einem mässig, aber stetig ansteigenden Forstweg geht es durch Wald aufwärts. Es ist der westlichste Ausläufer eines Hügelzugs, der sich noch vor der 1000-er-Kette dahinzieht und laut Wikipedia eigentlich die erste Antiklinale (Falte) des Kettenjura bildet. Für heute bleibt der Aufstieg aber ein „Amuse-bouche“: Ich gehe nur bis knapp unterhalb der ersten Kuppe – es ist jene des Mont de Miserez – , dann muss ich ins Tal hinunter um den letzten Bus zu erreichen. Der Abstieg ist kurz, hat aber einige durchaus steile Partien in petto. An der Kirche von Charmoille vorbei gelange ich zur Bushaltestelle „Ancienne Poste“. Sie befindet sich direkt am Ufer der jungen Allaine, die die Ajoie durchfliesst und ihr Wasser via Doubs, Saône und Rhône dem Mittelmeer entgegen schickt. Eine Viertelstunde bleibt mir Zeit, diesem Sachverhalt nach zu sinnieren – dann kommt der Bus und bringt mich über die Bergkette zum Bahnhof von Delémont.


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