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Auf Abwegen im Elsässer Jura

EHWS Jura, Etappe 2: Charmoille - Lucelle

Die Prognosen für das Auffahrts-Wochenende versprachen sonniges Frühsommerwetter – beste Voraussetzungen also, um den begonnenen Jura-Abschnitt fortzusetzen. Mit meiner Frau Ruth plante ich eine Dreitagewanderung. Da sie weniger wandergewohnt war als ich, wollten wir es mit einer eher leichten Etappe angehen. Von Charmoille am Rhone-Bächlein Allaine zu dem nur wenige Kilometer entfernten Weiher des aufgestauten Rhein-Gewässers Lucelle, in einem Bogen über den Grat, der die schweizerisch-französische Grenze und zugleich die Wasserscheide bildet – alles in allem rund 2 ½ Stunden mit je 200 Meter Auf- und Abwärtsneigung: Das schien mir zum Einlaufen und Angewöhnen gerade geeignet.

Wem vertrauen?

Das wäre es vermutlich auch gewesen – wenn wir uns denn an den Plan gehalten hätten. Bis zum vermeintlich höchsten Punkt auf der bewaldeten Krete hinauf taten wir es. Das mir bereits bekannte kurze Steilstück von Charmoille bis zum Sitzplatz unter der Kuppe des Mont de Miserez hinauf war flugs geschafft; dort, wo ich vor zehn Tagen von Miécourt herkommend mit dem Abstieg begonnen hatte, nahmen wir die damals verlassene Route auf und folgten dem Wegweiser Richtung Les Ebourbettes und Roc au Corbeau (ich nenne ihn „Rabenfelsen“). Bald waren wir auf dem von

schönen historischen Grenzsteinen gesäumten Grat und stiegen auf diesem weiter aufwärts. Der exakt auf der EHWS verlaufende Weg war abwechselnd durch Zeichen der schweizerischen und französischen Wandervereine markiert. Dann kam der Punkt, an dem der markierte Weg einen abrupten Knicks nach rechts machte und vom Grat hinunter führte, während gleichzeitig ein anderer gut gangbarer Fussweg sich auf dem Grat fortzusetzen schien. Durch irritierende Ab-weichungen zwischen meinen Wanderkarten und der von mir verwendeten, angeblich auf dem markierten Netz basierenden Routing-Software war ich markierungskritisch gestimmt und entschied mich für den Weg über den Grat. Schliesslich wollte ich der EHWS folgen. Ruth äusserte zwar Zweifel, vertraute aber schliesslich meiner Kompetenz.


Charmoille - Lucelle
Etappe EHWS Jura, Nr. 2
Länge / Zeit 11,3 km / 3h40'
Auf-/Abwärts 480 m / 392 m
Höchster Punkt 751 m (Roche au Corbeau)
Tiefster Punkt 487 m (D41 bei Levoncourt)
Fernwanderwege E5 (teilweise)
Durchgeführt Auffahrtstag, 25. Mai 2017
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Dem falschen Grat gefolgt

Der Weg war schön und gut – aber er folgte dem falschen Grat. Das merkten wir freilich erst, als wir ihn hinter uns hatten. Wir genossen die stille Waldwanderung über eine typische Jura-Krete, immer wieder trat heller und kantiger Kalkfelsen zu Tage, der auf der einen Seite steil abfiel. Wir liessen uns sogar für eine kurze Zwischenverpflegung gemütlich auf einem bemoosten Stein nieder. Irritierend war nur, dass der Grat sich immer steiler und immer tiefer hinabsenkte: Das hatte ich so nicht erwartet. Zur Karte griff ich dennoch erst, als wir aus dem Wald hinaus und auf einen ebenen Forstweg gelangten, der uns über ein Bächlein zu einer Strasse führte. Da wurde mir klar: Das Bächlein war die Largue, bei der Strasse handelte es sich um die D41 (eine alte Bekannte von mir), und wir befanden uns zwischen den Dörfern Levoncourt und Oberlarg – viel nördlicher als wir hätten sein sollen!

 

Die Ursache meines Irrtums war, dass der Grat, dem wir gefolgt waren, sich auf dem vermeintlich höchsten Punkt – es war wohl kurz vor dem Rabenfelsen – verzweigte. So waren wir statt dem Hauptgrat, den wir nun von unten her betrachten konnten, einem nach Norden abbiegenden Nebengrat gefolgt und im Tal der Largue statt in jenem der Lucelle gelandet! (Übrigens fliessen beide Gewässer letztlich dem Rhein zu – aber während das letztere diesen via Birs in Basel erreicht, tut das erstere dies via Ill erst rund 140 Kilometer weiter nördlich, unterhalb von Strassburg.)

 

Eine Schlossruine und ein Hexenfelsen

Damit war es aus mit dem Plan, und wir mussten improvisieren. Wir wählten den Weg durch ein Seitentälchen der Largue, das sich um einen andern Hügelzug herum an den Hauptgrat schmiegte. Schon bald kamen wir so an der romantischen Schlossruine von Morimont vorbei und sahen wenig später auch das zum Hotel umgewandelte gleichnamige Landhaus . Von dort her stiess ein markierter Wanderweg zu dem unsrigen, wir befanden uns nun auf dem Fernwanderweg E5, dem ich bereits auf der Vorgänger-Etappe ein Stück weit gefolgt war. Zuerst mässig und dann steiler ansteigend ging es durch das hübsche Tälchen und dann wieder durch Wald hinauf. Am höchsten Punkt gab es einen Felsvorsprung, der einen schönen Ausblick über das Tal der Largue, den Elsässer Jura und die Burgundische Pforte zu den Vogesen hin bot. Sogar das weisse Stahlgewölbe über der Deponie von Bonfol war zu sehen, die ich vor zehn Tagen passiert hatte. „Rocher de la Sorcière“ – also Hexenfelsen – nannte sich der Aussichtspunkt. Verhext war es ja irgendwie, dass unsere Wanderung diesen Umweg genommen hatte.

Etwas viel für eine Aufwärm-Etappe

Wenige Schritte später gelangten wir auf gleicher Höhe auf eine grosse und nahezu flache Wiese, auf der emsig geheut wurde und über der Raubvögel kreisten (Milane? Bussarde?). Mittendrin erreichten wir den Hof Les Ebourbettes und eine kleine grüne Gedenkkappelle, genau an der Grenze zur Schweiz. Ein Wegweiser gab die Entfernung zum Rabenfelsen mit 30 Minuten an – womit die Existenz eines über den Grat führenden Wanderwegs bestätigt war – ; für unsern Umweg hatten wir rund zwei Stunden benötigt. Nun befanden wir uns wieder auf der geplanten Route ; sie führte über wunderbar angenehme und meist flache Fusswege durch Wald und Wiesen fast immer der Grenze und der EHWS entlang, bis sie sich nach und nach abwärts neigte, bis zur Strasse hinunter, die von Lucelle durchs Tal der Allaine nach Charmoille führte. Die Wasserscheide beschreibt hier eine Ausbuchtung nach Osten, die Randlinie der Mulde ist von Auge gut zu verfolgen. Wir überquerten die Mulde und gelangten über eine letzte Anhöhe – eben den Rand der Mulde – ins Tal der Lucelle (dt. Lützel) hinüber. Bei der alten Zisterzienser-Abtei erreichten wir den Talboden und liessen den E5 wieder links liegen. Um Punkt 17 Uhr liessen wir uns beim Motel Noirval gegenüber dem Weiher auf der Terrasse nieder. Vor zehn Jahren hatte ich das Etablissement auf der Fernwanderung nach Amsterdam geschlossen angetroffen, weshalb ich bis spät in die Nacht hinein weiter wandern musste. Heute war es offen, und ein Zimmer hatten wir reserviert.

Müdigkeit war legitim: Wir waren rund eineinhalb Stunden länger gewandert und hatten dabei mehr als doppelt so viele Höhenmeter überwunden als geplant – etwas viel für eine Aufwärm-Etappe. Aber wir waren uns einig: Die Wanderung war abwechslungsreich und hat uns sehr gefallen. Dass ich allerdings ein offenbar gut begehbares Stück EHWS verpasst habe, wurmt mich schon. Vielleicht werde ich es irgendwann nachholen. Der Hexenfelsen war schön – aber zum Rabenfelsen, da wollte ich hin!


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