· 

Dann und wann ein vorbeibrausender Zug

EHWS Andalusien, Etappe 5: Castillo de Castellar - Jimena de la Frontera

Wie am Vorabend mit dem Taxifahrer vereinbart, erwartete mich dieser um 9 Uhr vor dem Hotel – pünktlicher könnten nicht einmal Schweizer sein! Für ihn wars der letzte Job einer langen Arbeitsnacht: Es war die Nacht von Samstag auf Sonntag, da gab es in der Region Hunderte von «chicos» und vor allem «chicas» von Disco zu Disco und irgendwann nach Hause zu bringen, wie er mir anvertraute. Für mich war es die Anfahrt in einen neuen sonnigen und warmen Wandertag hinein. Nachdem er mich in Castillo abgesetzt hatte, wollte er nach Hause fahren und sich schlafen legen. Ich dagegen nahm eine weitere Etappe des «Sendero Andaluz» unter die Füsse, über den der andalusische Taxifahrer nach der Plauderei mit diesem Schweizer ein klein wenig mehr wusste als vorher (als es so gut wie nichts war).

Castillo in der Morgensonne

Das heutige Teilstück nach Jimena de la Frontera war mit rund 20 km bedeutend kürzer als die letzten Tagesetappen, sodass ich es gemütlicher angehen konnte. Ich startete mit einem zweiten Rundgang durch das Städtchen, das sich am Fuss des Schlosses hinter die wehrhaften Mauern duckte. Gestern tat ich es müde und in der Abenddämmerung, jetzt ausgeruht in der Morgensonne. Die meisten Bewohner hatten das Ausruhen wohl noch nicht beendet – jedenfalls begegnete ich noch weniger Leuten als am Abend. Der Eindruck bestätigte sich: Castillo ist ein malerisches, verwinkeltes weisses Mini-Städtchen mit engen Gässlein und leuchtenden Bougainvilleas und andern Blumen, das trotz Tourismus eine schlichte Anmut ausstrahlt.

Bei einem Abstecher am Westabhang stellte ich fest, dass es auch noch eine Siedlung ausserhalb der Mauern gab, die sich hier an die Felsrippe klammerte und über den Guadarranque-Stausee ausblickte. Die Rundsicht über das Umland war im Morgenlicht noch grossartiger, noch weiter als am Abend! Hie und da lagen Schleier von Morgennebeln in den Senken, über dem Felsen von Gibraltar lag eine einzelne Wolke wie ein Baldachin.


Castillo de Castellar - Jimena de la Frontera
Etappe EHWS Andalusien, Nr. 5
Länge / Dauer 20,5 km / 6h10'
Auf- / Abwärts 204 m / 312 m
Höchster Punkt 259 m (Castillo de Castellar)
Tiefster Punkt 18 m (Estación de Castellar)
Fernwanderwege E4 (GR7)
Durchgeführt Sonntag, 16. Oktober 2016
Weitere Facts & Figures
Vorige Etappe Nächste Etappe

www.wandermap.net © Toursprung © OSM Contributors


Lange Flachstrecke durch Natur und Landwirtschaft

Diesem kehrte ich nun den Rücken. Auf ein gemütliches Stück dem Kamm entlang folgte ein kurzer, aber sehr steiniger und dadurch tückischer Abstieg. Der Rest der Wanderung war eine einzige Flachstrecke mit langen Geraden durch Ackerland – einmal gings an einem Baumwollfeld entlang – , durch Flussauen, dürres Gras, lauschige Gehölzpartien und an Viehgehegen und Obstgärten mit Orangen- und Zitronenbäumen vorbei. Die Geländeform war ähnlich wie am Vortag, und ein sehr langes Stück – viel länger als gestern! – verlief neben der gleichen Bahnlinie, wenn auch jetzt auf der rechten Seite. Aber im Unterschied zu gestern wanderte es sich hier auf angenehmem Natur- und gelegentlich Kiesbelag; Asphalt bekam ich erst kurz vor Jimena wieder unter die Sohlen. Vor allem aber begleitete mich kein Verkehrslärm, sondern eine relative Stille, die nur zwei- oder dreimal durch einen vorbeibrausenden Zug und sonst nur schwach von der in einiger Entfernung verlaufenden Strasse her gestört wurde.

 

Schade nur, dass es – wie übrigens fast am ganzen bisher zurückgelegten GR7 – praktisch keine Sitzplätze gab! Immerhin aber war die Erde unterdessen trocken und erlaubte es, auf Steinen oder Baumstrünken zu rasten. Einmal gönnte ich mir sogar ein Nickerchen auf einem Stoppelfeld. Welch ein Unterschied zu den Regentagen von Anfang Woche, als Rasten meist nur im Stehen möglich war! Freilich hielt ich es auf dem Feld nicht lange aus, denn dafür war es mit über 27 Grad viel zu heiss.

Steil ins pueblo blanco hinauf

Nach vier Stunden entlang der Bahnlinie – das Nickerchen und andere Pausen mitgerechnet – erreichte ich die Stelle, an der diese nach Westen überquert wird, und erhaschte erstmals einen Blick auf Jimena de la Frontera: ein weisses Häuserdickicht, das an einem Berghang klebt und von einer Burg überragt wird. Eine halbe Stunde später gelangte ich an den Fuss des Berges, wo der Hozgarganta-Fluss zwischen den Felsen hervorbricht – oder zutreffender: hervorrinnt. Hier war die Flachstrecke zu Ende; über die Brücke gings zum Ortsanfang und dann bergan ins Städtchen. Jimena ist komplett weiss (ein pueblo blanco eben), sehr steil und verwinkelt. Zunehmend begeistert von den engen Gässchen und vielen schönen, mosaikverzierten Hauseingängen stieg ich immer höher, am Ortszentrum vorbei, bis zu meiner vorausgebuchten Unterkunft im obersten Stadtteil, der Casa Henrietta. Gegen fünf Uhr checkte ich hier ein – früh genug, um nach dem Duschen nochmals ins Zentrum hinabzusteigen und bei einem Bier die Sonntagabendstimmung auf der Plaza einzufangen.

Bildstrecke

Starte die Dia-Show oder klicke auf das Kreuz in der Mitte, vergrössere die Bilder und klicke dich durch.