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Lohnende Langeweile im Dunstkreis von Gibraltar

EHWS Andalusien, Etappe 4: Venta del Frenazo - Castillo de Castellar

Den Freitag habe ich übersprungen: Ich erwachte mit einem gehörigen Schnupfen und kraftlos und blickte in einen überaus tristen, grauen Morgen mit Nieselregen hinaus. Ich beschloss, eine Wanderpause einzuschalten, stornierte die bereits gebuchte Unterkunft am Zielort Castillo de Castellar, verlängerte die Buchung im Montero Plaza und kroch wieder ins Bett. Später, als das Wetter besserte und ich etwas ausgeschlafener war, habe ich das Städtchen Los Barrios ein wenig erkundet. Ein Vorort von Algeciras, aber mit eigener Identität und einem hübschen historischen Zentrum, vorwiegend weiss getünchten Häusern und vielen Blumen.

Los Barrios.
Los Barrios.

Erstmals fast wolkenlos und windstill

Heute Morgen nun erstmals ein fast wolkenloser, blauer Himmel und strahlende Sonne: Klar, dass es mich wieder auf den Weg zog – obwohl ich mich noch nicht wieder bei vollen Kräften fühlte und mich mit rund 35 km erneut eine überlange Etappe erwartete! Ich behielt mir vor, allenfalls nur bis Castellar de la Frontera zu gehen und den Aufstieg nach Castillo auf Morgen aufzusparen. Auch Wind gab es erstmals fast keinen – was freilich wohl weniger mit der Veränderung des Wetters als vielmehr mit jener des Ortes zu tun hatte, befand ich mich doch nun im geschützten Hinterland einer Bucht und nicht mehr im Bereich der windbeschleunigenden Meerenge.

Zum Ausgangspunkt der Wanderung gelangte ich auch heute per Taxi. Ich hätte sonst nämlich etwa eine Stunde lang auf der unattraktiven Strasse zurückgehen müssen, auf der ich vorgestern hergekommen war. Zudem verkürzte sich so die Wanderstrecke um ein paar Kilometer. Bei der Abzweigung eines Strässchens kurz vor dem Restaurant Venta del Frenazo liess ich mich absetzen – die Stelle und den Namen hatte ich mir beim Hinweg gemerkt. Vor dem Aussteigen liess ich mir vom Fahrer die Telefonnummer des Taxiunternehmens geben – dies für den Rücktransport am Abend. Denn da Castillo übers Wochenende ausgebucht schien, habe ich im Montero Plaza um eine weitere Nacht verlängert.


Venta del Frenazo - Castillo de Castellar
Etappe EHWS Andalusien, Nr. 4
Länge / Dauer 32 km / 7h55'
Auf- / Abwärts 633 m / 405 m
Höchster Punkt 259 m (Castillo de Castellar)
Tiefster Punkt 5 m (Río Guadarranque)
Fernwanderwege E4 (GR7)
Durchgeführt Samstag, 15. Oktober 2016
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Zwei Höhepunkte - dazwischen Langeweile

Mülldeponie? Kieswerk? - Blick auf Gibraltar.
Mülldeponie? Kieswerk? - Blick auf Gibraltar.

Durch einen recht dichten Wald mit Korkeichen, Eukalyptusbäumen und Pinien ging es zunächst auf Hartbelag an Militäranlagen vorbei bergan, dann auf einem Kiesweg über mit Einzelbäumen bestandene, felsbespickte Anhöhen mit Weitsichten ins Hügel- und Bergland und über die Niederungen rund um Algeciras hin zum Felsen von Gibraltar. Das war wunderschön – aber auch bereits der Höhepunkt des Tages!

Doch nein – nicht ganz: Zum Abschluss gab es mit dem hoch über dem Umland thronenden, mittelalterlichen Castillo dann noch einen zweiten Höhepunkt, im wörtlichen wie bildlichen Sinn. Doch diese beiden Highlights waren durch eine lange und zum Teil langweilige Strecke voneinander getrennt, die vorwiegend auf Verkehrsstrassen in und durch den flachen Talboden des Guadarranque-Flusses in Richtung Landesinneres führte. Auch verlor ich wieder einmal Zeit durch Wegsuche, weil ich zunächst nicht glauben wollte, dass der Wanderweg tatsächlich zwischen Anlagen hindurch verlief, die ich für eine Mülldeponie und ein Kiesabbauwerk hielt.

Wenigstens hatte der Wegverlauf durch zivilisiertes Gebiet Angebote in petto, die ich bisher unterwegs nicht angetroffen hatte, nämlich Restaurants. Bei einer Strassenkreuzung und einem Sportplatz unmittelbar nach der Brücke über den Guadarranque gabs gleich deren zwei. In einem davon – ich wählte die Terrasse der Bar Los Timbales – gönnte ich mir eine Rast bei einem wunderbaren Thon-Bocadillo und einem Liter kalten Wassers.

 

Gleich darauf folgte aber der unerfreulichste Abschnitt des Tages: 7 km auf einem Radstreifen zwischen der Schnellstrasse und der Bahnlinie Algeciras – Ronda, bis zur Station von Almoraima. (Übrigens hält hier täglich je ein Zug in beiden Richtungen, wie ich den Informationen am Bahnsteig entnahm.) Der Vorteil des flachen Asphalts: Ich kam sehr schnell voran, sodass ich diesen Ort schon kurz nach halb Sechs erreichte und mir nun auch das letzte Stück nach Castillo hinauf noch zutraute. Auf die Option, mich bereits hier vom Taxi abholen zu lassen, verzichtete ich somit - ebenso wie auf einen Besichtigungs-Abstecher ins nahegelegene Castellar de la Frontera hinein.

Belohnung zum Schluss

Bei Almoraima zweigen Strasse und Wanderweg nach Castillo vom Hauptverkehrsstrang ab und steigen durch Wald und Weideland sanft der Felsrippe entgegen, auf deren höchstem Punkt das historische Städtchen mit der Burg thront. Bald zeigt sich deren Silhouette erstmals vor dem bereits roten Abendhimmel. Bei einem Strassenrestaurant an einer Serpentine im Wald, direkt neben dem Fluss, beginnt der steile, 50-minütige Schlussaufstieg auf den Resten einer Römerstrasse. Bei Einbruch der Dämmerung komme ich oben an – gerade noch rechtzeitig, um einen Erkundungsgang durch die Gässchen des ummauerten Städtchens zu machen und die weite Rundsicht über den Guadarranque-Stausee, die umliegenden Berge und die Niederungen bis nach Gibraltar und zu den Lichtern von Algeciras zu geniessen. Eine halbe Stunde, nachdem ich es gerufen habe, kommt das Taxi und bringt mich im Mondschein nach Los Barrios zurück. Mühsal und Langeweile des Asphaltwanderns sind da schon fast vergessen.

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