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Alles klar im weiten Rund

EHWS Alpin, Etappe 11: Col des Mosses - Les Diablerets

Noch einmal reiste ich zum Col des Mosses. Diesmal liess ich mich mit dem Bus herbringen, und ich startete auf der Passhöhe selbst, also auf der Wasserscheide. Schon um Acht zog ich los. Möglich war dies, weil ich bereits am Vorabend nach Le Sépey angereist war und dort übernachtete. Ich wollte unbedingt früh sein, machte ich mich doch auf eine anspruchsvolle Wanderung gefasst: Die Pyramide des Pic Chaussy hatte mir beim Näherkommen auf den letzten Etappen zunehmend Respekt eingeflösst. Zudem erwartete ich auf der andern Seite einen langen und vielleicht mühsamen Talabstieg. Berichte stuften die Wanderung mit Schwierigkeitsgrad T3 ein.

Raverette
Raverette

Die Voraussetzungen waren erstklassig; es war ein allerklarster, wolkenloser Morgen, und die erste Steigung konnte ich im Schatten angehen. Den bereits voll der Sonne ausgesetzten Hängen des Gros Van, meinem Wandergebiet von letzter Woche, kehrte ich den Rücken; es ging ostwärts zwischen Ferienhäusern und dann durch Wald hinauf. Es galt, um die Rionde herum – ein spitz über dem Pass aufragender Kopf – auf die Nordseite des Pic Chaussy zu gelangen. Bald betrete ich eine moosige und besonnte, mit dünnen Tannenschatten gestreifte Grasmatte, Morgentau glitzert im Gegenlicht. Es ist die Alp Lioson d’en Bas; von hier stammte der Sérac (ein Ziger), den ich gestern Abend im Hotel unten verspeist habe, wie ich mich beim Passieren der Alphütte erinnere. Dahinter tauche ich wieder in den Schatten ein und steige durch ein steiniges Couloir himmelwärts. Mehrfach kreuze ich dabei einen Bach, der hier herunterpurzelt. Angesichts seiner Nordrichtung möchte man ihn für einen Quell- oder Nebenbach des Hongrin und damit für ein rheinisches Gewässer halten – doch Irrtum: Es handelt sich um die Raverette, die sich auf der Passhöhe unten abrupt nach Südwesten in Richtung Grande Eau und Rhone wendet.


Col des Mosses - La Crua - Les Diablerets
Etappe EHWS Alpin, Nr. 11
Länge / Zeit 19,2 km / 6h50'
Auf- / Abwärts 976 m / 1'266 m
Höchster Punkt 2'351 m (Pic Chaussy)
Tiefster Punkt 1'155 m (Les Diablerets, Gare)
Fernwanderwege ---
Durchgeführt Dienstag, 22. August 2017
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Yaks und Jurten

Alp Vers les Lacs mit Jurten. Blick zurück.
Alp Vers les Lacs mit Jurten. Blick zurück.

Oben mündet das Couloir in eine kleine Alp, tief im Schatten eines Felsenkessels am Fuss der Rionde und des nun unverdeckten Pic Chaussy ruhend. Es gibt eine Alphütte mit Buvette und mehrere Jurten, davor sitzen ein paar junge Leute bei einem Feuerchen, in Wolldecken gehüllt. Mitten im Sommer! Über steindurchsetze Alpweiden steige ich an zwei dunklen Seelein vorbei weiter. Von oben glotzen mir behornte, zottelige und irgendwie exotisch wirkende Tiere entgegen: Yaks! Grasend, käuend und völlig uninteressiert lassen sie mich passieren. Auf dem Grat im Osten erreiche ich einen Sattel und blicke auf der anderen Seite zu einem in der Sonne tiefblau schimmernden See hinunter: der Lac Lioson, dem der Hongrin entspringt. Ich stehe wieder auf der Wasserscheide.

Auf deren Rhein-Seite steige ich in die besonnte Nordostflanke des Pic Chaussy ein. Im Zickzack klettert der Pfad Meter um Meter durch den Steilhang hinauf; dann plötzlich ist er zu Ende, und vor mir fällt der Berg steil in das grüne Tal der Grande Eau hinunter. Auf dem Talgrund liegen die Dörfer und Weiler von Ormont-Dessus hingebettet, zuhinterst Les Diablerets am Fuss des gleichnamigen mächtigen Massivs mit seinen in der Sonne gleissenden Gletschern. Ein beglückender Augenblick! Ich befinde mich auf 2308 Meter über Meer – aber noch ist es nicht der Gipfel: Zu diesem ist ein Abstecher nach Westen erforderlich, auf dem Grat weiter aufwärts. Kurz vor elf Uhr, drei Stunden nach dem Start, ist der Pic Chaussy aber geschafft. Er ist mit 2348 Meter der bisher höchste Punkt auf der EHWS-Tour. Fast bin ich ein wenig erstaunt, wie mühelos ich da heraufgekommen bin!

Klare Sicht von haarscharf daneben

Das Panorama ist grossartig, der Horizont weit: Von der Gummfluh und unzähligen andern Voralpengipfeln im Norden über das Band des Jura im Westen und die Savoyer und Walliser Schneeberge im Süden, der Mont Blanc zuhinterst, bis zur Diablerets-Gruppe und den Berner Alpen im Osten. Die Panoramatafel informiert auch über die EHWS; freilich steht ausgerechnet sie meiner Meinung nach nicht auf dieser! Bei dem klaren Wetter ist der Verlauf der EHWS mühelos im Gelände abzulesen: Unter mir sehe ich sie von Norden her über den Bergrücken, der die Alp mit den Yaks und den kleinen Seen – Ursprung der Raverette – von jener mit dem Lac Lioson – Ursprung des Hongrin – trennt, frontal auf den eben erklommenen Steilhang zu kommen und durch diesen einer Kante entlang zu meinem Grat heraufsteigen, den sie nahe beim Punkt 2308 erreicht; hier oben biegt sie aber sogleich rechtwinklig nach Osten ab, um über den scharfen und gezackten Grat davonzuziehen, schnurstraks auf die herausragenden Gipfel von Châtillon und Tarent zu, die sich als einzige der Fernsicht in den Weg stellen. Zum Chaussy-Gipfel hinauf schafft sie es also nicht: Den lässt sie haarscharf rechts liegen, ihn vollkommen dem Mittelmeer überlassend! Aller Regen, der auf ihn fällt, muss zur Grande Eau hinab, ob mit oder ohne Umweg über die Raverette!

Schutz vor Lawinen und Schwindel

Zurück beim Punkt 2308 kann ich mir der EHWS wieder sicher sein. Ich kann ihr allerdings nicht über die Krete folgen, sondern muss sie bald wieder verlassen: Zu wild und zerklüftet ist der Grat, als dass man ihm einfach entlang wandern könnte. Der nächste begehbare Punkt auf ihm und der EHWS ist der La Para; von hier aus ist er nicht zu sehen, da Châtillon und Tarent ihn verdecken. Zugänglich ist er erst vom hinteren Ende des Tales her, seine Besteigung wird denn auch warten müssen. Harmlos sieht die Fortsetzung meines Weges aber auch am Südhang nicht aus: Ein schmaler Pfad schlängelt sich knapp unterhalb des Grates durch den sehr steil und tief abfallenden Grashang. Die Traverse erweist sich jedoch als gut begehbar – den exzellenten Sicht- und Bodenverhältnissen sei Dank. Dann bleibt nichts anderes übrig, als mich von der EHWS zu entfernen und durch den Hang hinab zu steigen. Der wird nun zu einem Stück Landschaftsdesign: Dutzende von stählernen Lawinenverbauungen verleihen ihm eine Art gewellter Schraffur. Im Zickzack geht es zwischen diesen hindurch – für Wanderer sind Durchgänge ausgelassen – steil abwärts. Die Verbauten wirken präventiv gegen allfällige Schwindelgefühle, zerlegen sie doch den Abgrund optisch in Portionen: Man sieht und geht von Verbau zu Verbau. Dennoch bin ich froh, als ich nach einer Stunde endlich auf einer Zwischenterrasse lande und die Beine nicht länger gegen die Schwerkraft stemmen muss.

Genussvolles Auslaufen

Was folgte, glich einem entspannten und genussvollen Auslaufen. Rund zwei Stunden lang ging es immerzu oberhalb der Waldgrenze dem Hang der Bergkette entlang, bis zum hinteren Ende des Tales, wo die rötlich schimmernden Hänge der Alp Isenau sich nach Süden hin wölbten. Immer näher rückte das Diablerets-Massiv, bald waren die Mittel- und Bergstation der Seilbahn Glacier 3000 fast zum Greifen nah; mit dem Fernglas konnte ich sogar die Hängebrücke erkennen, die sich als Touristenattraktion hoch oben zwischen zwei Gipfeln spannt. Unterwegs kam ich an Weilern und Châlets vorbei, auf einer der Alpweiden tummelten sich Murmeltiere. Abzweigungen Richtung Talgrund ignorierte ich, auch an einer bergwärts führenden ging ich vorbei: Von der Alp Meitreile führte der erste und EHWS-naheste Weg zum La Para hinauf – aber dafür war es heute zu spät. Etwas getrübt wurde die Stimmung einzig durch einige Schilder, die vor Steinschlag warnten. Denn erst vor zwei Tagen hatte eine Steinschlaglawine am Gelmersee in den Berner Alpen mehrere Wanderer verletzt.

Ganz zuhinterst im Tal, die Skilifte von Isenau bereits in Sichtweite, war ich dann so müde, dass ich beim Châlet La Crua die erstbeste Abzweigung nach unten nahm. Das Dorf Les Diablerets im Talgrund lag inzwischen jedoch hinter mir, sodass ich zunächst dem Hang entlang nach Westen zurückgehen musste und der Weg sich in die Länge zog. Es war halb sechs, als ich im Dorf ankam, neuneinhalb Stunden nach dem Start. Ich hatte gut daran getan, so früh aufzubrechen. Denn auch wenn die Wanderung sich als weniger schwierig erwies als befürchtet: Lange war sie allemal. Und Wünsche hatte sie keine offen gelassen, resümierte ich ich im Züglein der lokalen Schmalspurbahn. Mit diesem glitt ich unter dem von der Abendsonne beleuchteten Chaussy-Hang vorbei in die Niederungen des Alltags zurück.


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