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Begegnungen der para-alpinistischen Art

EHWS Alpin, Etappe 12: Lac Retaud (Diablerets) - La Para - Lac Retaud (Diablerets)

Für zwei weitere sonnige Sommertage – laut den Wetterprognosen sollten es die letzten dieses Jahres sein – kehrte ich ins Ormont-Tal zurück. Denn noch gab es hier so viele weitere Voralpengipfel und -kämme auf der EHWS zu erwandern, dass ein einzelner Tag dafür nicht ausreichte. Für alle diese Ziele ist die hoch über dem Talende gelegene Sonnenterrasse von Isenau der ideale Ausgangspunkt. Auch für La Para, den mit 2540 Meter höchsten wanderbaren Voralpengipfel auf der EHWS, den ich als nächstes zu besteigen gedachte.

Fragte sich nur: Wie gelangte man nach Isenau hinauf? – Die Gondelbahn, die einen bis vor kurzem dorthin gebracht hätte, war altersbedingt seit einem Jahr ausser Betrieb, eine Nachfolgebahn war erst in Planung. Zu Fuss von Les Diablerets bis zu den Gipfeln hinauf ist es jedoch ein überlanger Weg – vor allem, wenn man abends wieder ins Tal zurück muss. Die paar Zimmer im Hotel beim Retaud-See oben waren ausgebucht. Ein «Diablobus» genannter Ortsbus erreichte Isenau am Morgen frühestens um halb Zehn und begann die letzte Talfahrt am Nachmittag bereits um halb Fünf – ein zu enges Zeitfenster für mich.

Ich entschied mich deshalb fürs eigene Auto. Mit diesem reiste ich am Vorabend nach Les Diablerets an und fuhr am Morgen zum Lac Retaud hinauf. In einer Rundwanderung wollte ich auf den Para und über die beiden Pässe von Seron und Isenau zum Auto zurück. Im Voraus geplant hatte ich sie mit einer Schlaufe über die auf der Nordsee-Seite der EHWS gelegene Alp Sazième, um die Gipfel Cape au Moine und La Chaux herum. In einem Leporello der regionalen Tourismusorganisation stiess ich nun aber auf eine Alternative, die ich bislang auf keiner Karte angetroffen hatte: nämlich über den Kamm von La Chaux, somit näher an der EHWS und wohl auch etwas kürzer, vielleicht aber auch schwieriger.

Kurz nach acht Uhr zog ich beim Bergsee los, dem Diablerets-Massiv den Rücken kehrend. Auf einem Strässchen, dessen Befahrung nur Anrainern gestattet war, marschierte ich der Pic-Chaussy-Kette entgegen (so nenne ich die das Tal im Norden säumende Bergkette).


Lac Retaud - La Crua - La Para - Lac Retaud
Etappe EHWS Alpin, Nr. 12
Länge / Zeit 18,8 km / 6h52'
Auf- / Abwärts 1'158 m / 1'158 m
Höchster Punkt 2'540 m (La Para)
Tiefster Punkt 1'673 m (Lac Retaud)
Fernwanderwege ---
Durchgeführt Dienstag, 29. August 2017
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Nach einer halben Stunde bog ich auf einen Alpweg ab, auf dem ich alsbald zum Châlet La Crua gelangte. Es war ein ganz und gar unnötiger Umweg; aber ich ging ihn, um nahtlos an meiner letzten Etappe anzuknüpfen: Hier war ich vor einer Woche talwärts von dem Höhenweg abgebogen. Jetzt stieg ich von hier durch Alpweiden weiter nach Isenau hinauf. Nahe der Bergstation der ehemaligen Gondelbahn gelangte ich auf das Strässchen zurück. Dieses führte mich an der Buvette von Marnèche vorbei und dann in einem weiten, sich an die schattige Flanke des Palette-Berges schmiegenden Bogen um die sich abwärts neigenden, von Skiliften durchzogenen Matten von Isenau herum zur gleichnamigen Alphütte hinauf. Dort zweigte ein schmaler Fusspfad in den steilen und besonnten Grashang der Pic-Chaussy-Kette hinein ab. Endlich endete hier der Hartbelag, ein genussvolles Bergwandern begann. Sanft ansteigend führte der Weg oberhalb des Steinschlag-Gebiets hindurch, das ich vor einer Woche durchquert hatte, den Pfad sah ich tief unter mir. Damals ging mir ein im Berner Oberland niedergegangener Steinhagel durch den Kopf; jetzt war es ein gewaltiger Bergsturz, der vor wenigen Tagen bei Bondo in den Bündner Alpen grosse Gebiete und vermutlich auch acht Wanderer unter sich begraben hatte.

Durstige Kühe und eine Gazelle

Nach einer Weile wich der Steilhang zurück, der Weg bog in eine Mulde mit der Alp Arpille ein, hinten überragt vom kantigen Felskopf des Cape au Moine («Mönchskappe» auf deutsch). Bei der Alphütte gab es mehrere Tümpel, offenbar künstlich angelegte Auffangbecken für das Regenwasser. Eine Hirtin zeigte sich besorgt, ob das Wasser für die Kühe noch ausreichte; sie sei sehr froh zu wissen, dass nun endlich wieder einmal Regen im Anzug sei. Als ich im Zickzack durch den Muldenrand weiter stieg, sah ich unten zwei Wanderer mit der Hirtin reden. Wenig später wurde ich auch schon überholt: Es war eine junge, gertenschlanke Frau, die mit langen Beinen, leichten Schuhen und ohne Gepäck wie eine Gazelle an mir vorbei schwebte. Ich holte sie zwar bald wieder ein – freilich nur, weil sie sich inzwischen auf einen Felsblock gesetzt hatte, wohl um auf ihren offensichtlich deutlich langsameren Begleiter zu warten. Als ich sie passieren wollte, sprach sie mich an und fragte nach möglichen Alternativrouten vom Para zum Lac Retaud zurück, wo ihr Auto parkiert sei. Ich erklärte ihr die mir bekannten Varianten über den Kamm von La Chaux und über Sazième. Von der zweiten Variante trug ich eine Skizze mit mir, die sie sogleich fotografierte. Nach einem weiteren Steilstück erreichte ich einen Rücken, der zum Hauptkamm hinaufführte; jetzt war über diesem etwas zurückversetzt eine Kuppe zu erkennen: Das musste La Para sein! An zwei Lawinenverbauungen vorbei bog ich zum Schlussaufstieg ein, als ich erneut Schritte hinter mir hörte – und schon war die Gazelle wieder an mir vorbei.

Von der Gipfelkonferenz ...

La Para mit Messstation.
La Para mit Messstation.

Oben erwartete sie mich und suchte sofort das Gespräch, mich nach allerlei Dingen ausfragend. Sie stellte sich als Bérénice vor, eine in Paris studierende Französin, die regelmässig Ferien bei Verwandten in Les Diablerets verbrachte. Ihr aus Südfrankreich stammender Begleiter Bernard war ein Freund der Familie und viel älter als sie (die ich auf höchstens 25 schätzte). Als er keuchend bei uns ankam, gratulierte sie ihm. Doch als ich ihn fragte, ob es seine erste Bergwanderung sei, staunte ich nicht schlecht: Ganz im Gegenteil, sagte er, er sei einst sogar ein begeisterter Alpinist gewesen, habe jedoch wegen einer Lungenkrankheit aufhören müssen! Heute sei er, mit 63 Jahren, zum ersten Mal seither wieder auf einen Berg gestiegen. Diesen erreichte nun auch eine zweite junge Frau; sie hiess Marie und wohnte in der Gegend, war aber ebenfalls Französin. So waren wir nun drei Franzosen und ein Schweizer auf dem Para – gewissermassen vier Para-Alpinisten also.

Es war Mittagszeit, wir hatten uns inzwischen zu Picknick und munterem Geplauder ins Gras gesetzt, um eine Messstation für Lawinenvorhersagen herum gruppiert. Die Rundsicht war grossartig, Voralpenkette reihte sich an Voralpenkette, im Süden und Osten bildeten die teils schnee- und eisbedeckten Hochalpen den Horizont. Mit vielbedeutender Stimme hörte ich Bérénice den Andern berichten, sie hätte von mir etwas sehr Interessantes erfahren: Es gebe hier nämlich eine verborgene Linie, die sich durch ganz Europa ziehe, sie habe irgendetwas mit Wasser zu tun! Also versuchte ich die Sache etwas zu erläutern. Nach Osten hin konnte man die EHWS gut über den sich absenkenden Grat hinweg zu den niedrigeren Höhen von Cape au Moine, La Chaux, Floriette und Palette und über den Einschnitt des Col du Pillon bis zu dem über 3000 Meter hohen Oldenhorn hinauf verfolgen. Richtung Westen freilich war sie nur gerade bis an die direkt hinter einer Kerbe vor uns aufragende Felswand des benachbarten Tarent zu sehen; dieser überragte den Para um genau acht Meter und versperrte so die Sicht auf die Fortsetzung der Pic Chaussy-Kette.

Ein Stück EHWS: Vom Col de Seron zum Cape au Moine.
Ein Stück EHWS: Vom Col de Seron zum Cape au Moine.

Dann verliess ich unsere kleine Gipfelkonferenz und trat den Abstieg an: zunächst auf dem gleichen Weg zurück, dann nach links Richtung Col de Seron abbiegend. Noch bevor ich den Pass erreichte, hatten mich die französischen Freunde auch schon wieder eingeholt – und zwar alle drei: Bernard mochte Mühe haben mit dem Aufsteigen, in der Abwärtsbewegung jedoch war seine alpinistische Erfahrung unverkennbar. Hier – wir befanden uns erneut auf der EHWS, sie schwang sich direkt neben uns zur steil aufragenden Felsnadel der Mönchskappe empor – trennten sich unsere Wege endgültig: Die beiden Frauen hatten sich für den Weg nach Norden über Sazième entschieden, ich mich dagegen für den südlichen über La Chaux, und Bernard wollte auf dem einfachsten Weg zum Retaud-See zurück. Herzlich wie Freunde verabschiedeten wir uns voneinander, gerade mal eine gute Stunde nach dem Kennenlernen.

 

... in die Stille

La Chaux, Blick über Sazième zu den Berner Alpen.
La Chaux, Blick über Sazième zu den Berner Alpen.

Abwärts ging es Richtung Arpille zurück, doch noch vor der Alp nahm ich eine Abzweigung nach Osten. Unter Geröllhalden und Felswänden hindurch – «Sous les moines» («unter den Mönchen») hiess die Passage – ging ich, nun wieder allein, zu einer begrasten Nase hinauf, auf der eine grosse Schweizerfahne im Wind flatterte; fast senkrecht sah man an ihr vorbei nach Isenau hinab. Ich machte Kehrt und ging über den Nasenrücken auf den gezackten Bergkranz zu. An einer grossen Schafherde vorbei – die Schutzhunde machten Lärm, waren zum Glück aber angebunden – , ging es durch einen steilen Grashang hinauf, dann erreichte ich den Grat östlich des Cape au Moine und war zurück auf der EHWS. Alsbald gelangte ich über den Grat zum zweiten Gipfel des Tages, dem mit 2261 m angegebenen La Chaux. An dessen Nordfuss lagen wie gewölbte Teppiche die Alpweiden von Sazième hingebreitet, am Südfuss jene von Isenau. Luft und Weite auf beiden Seiten – und welch eine Stille war es hier! Perfekt der Wandertag, dachte ich, der dir Beides bieten kann: spannende Begegnungen wie auch einsame Stille!

Weiter dem Grat und der EHWS entlang ging es zum Col d’Isenau hinunter, auf dessen Gegenseite die Hänge zu Arnenhorn und Floriette hinanstiegen. Auf dem Weg von Sazième sah ich niemanden heraufkommen; es hätte mich auch gewundert, wenn die beiden Frauen den Pass nicht schon längst überquert hätten. Auf der Mittelmeerseite bleibend, ging ich zu einem Fahrweg hinunter. Bevor ich auf diesem nach Isenau hinabging, unternahm ich noch einen kurzen Abstecher zum Col des Andérets hinauf, einem Sattel zwischen Floriette und La Palette. Eigentlich überflüssigerweise, da ich morgen ohnehin da hinaufgehen würde; aber ich wollte wissen, ob es einen Weg auf die Floriette gab. Ich fand jedoch nichts dergleichen und beschloss, auf diesen EHWS-Gipfel zu verzichten.

Sauna statt Bad

Teils auf dem Fahrweg, teils auf einem die Kurven schneidenden Graspfad ging ich zur Alphütte Isenau hinunter und dann auf dem Strässchen von heute Morgen bis Marnèche. Dort zweigte ein Fussweg ab, über den ich durch Weiden und Wald direkt zum Lac Retaud hinunter gelangte. Neun Stunden nach dem Aufbruch war ich bei dem malerischen See zurück, an dessen Ufer jetzt Kinder spielten und Badende in der Sonne lagen. Leider hatte ich keine Badehose dabei, eine Abkühlung im Bergsee hätte mich nach diesem Tag durchaus gelockt. Stattdessen fuhr ich mit dem Auto ins Tal hinunter und besuchte im Hotel die Sauna. Dies liess ich mir dann doch nicht nehmen.


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