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Mit neuen Schuhen zur grossen Schwinge hinauf

EHWS Alpin, Etappe 10: La Comballaz (Poste) - Gros Van - Col des Mosses

Erneut eine klassiche Gipfelbesteigung mit teilweise identischem Hin- und Rückweg: Mit dem Gros Van unternahm ich heute einen zweiten Abstecher zu einem Gipfel der nicht durchgängig begehbaren Mont d'Or-Kette. Auch er liegt auf der Hauptwasserscheide. Er ist etwas höher als der Mont d'Or, erwies sich jedoch als bedeutend angenehmer besteigbar als dieser.

Ziemlich genau einen Monat nach meiner Übernachtung auf dem Col des Mosses kehrte ich auf diesen Waadtländer Pass zurück, um den Gros Van zu erklimmen. Das ist neben dem Mont d’Or der einzige „normal“ erwanderbare Gipfel in der entsprechenden, die Hauptwasserscheide bildenden Bergkette. Diesmal war mir nur eine Eintageswanderung möglich, und ich reiste mit dem eigenen Auto an (ich war so rund eine Stunde schneller da als mit öffentlichem Verkehr). Einen Bus bestieg ich aber doch: Fünf Minuten fuhr ich mit einem solchen retour in Richtung Le Sépey, nämlich bis zum Weiler La Comballaz, der über dem Tal der Raverette auf 1344 Meter Höhe am Südhang der Mont d’Or-Kette klebt und zum Nordhang des Pic Chaussy auf der andern Talseite hinüberblickt. In diesem Weiler hatte ich vor Monatsfrist den Bus verpasst, weshalb ich dann trotz kaputter Schuhe bis zur Passhöhe weiter gegangen bin. Jetzt startete ich also dort, wo die letzte Etappe hätte enden sollen.

Mal Waldboden, mal Asphalt, mal Gras

Um kurz nach halb Zehn brach ich daselbst auf. Es war klares Sommerwetter, der Tag versprach heiss zu werden. Meine Füsse staken nun in nagelneuen Schuhen; für diese war es heute also gewissermassen die „Jungfernwanderung“. Die Strecke schien mir dafür bestens geeignet: Sie war vergleichsweise kurz und enthielt sowohl Abschnitte mit unterschiedlich starken auf- und abwärts gerichteten Neigungen als auch unterschiedliche Wegbeschaffenheiten.


La Comballaz (Poste) - Gros Van - Col des Mosses
Etappe EHWS Alpin, Nr. 10
Länge / Zeit 11,2 km / 4h16'
Auf- / Abwärts 853 m / 748 m
Höchster Punkt 2'189 m (Gros Van)
Tiefster Punkt 1'348 m (La Comballaz)
Fernwanderwege ---
Durchgeführt Donnerstag, 17. August 2017
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Es begann gleich mit einem steileren Stück auf einem Wiesen- und später Waldpfad bergan; ich kannte diesen, ich war ihn vor Monatsfrist talwärts gegangen. 


Spendete keinen Schatten mehr: der Pic Chaussy.
Spendete keinen Schatten mehr: der Pic Chaussy.

Nach einer halben Stunde verliess ich ihn, um nun einem asphaltierten Strässchen zu folgen, das einzelne alleinstehende Maiensässen, Scheunen und Ferienwohnungen erschloss. Stetig, aber mässig zog es sich den Südhang hinauf. Ich war froh, dass es immer wieder auch durch kleinere Waldstücke führte, denn der Pic Chaussy im Südosten vermochte die Sonne nicht abzuhalten: Längst stand sie über ihm und wärmte bereits kräftig im Nacken. Bei der Alp L’Abert verliess der markierte Bergwanderweg das Strässchen und führte geradewegs zwischen letzten Baumgruppen hindurch aufwärts.

Der Gros Van - irgendwo da oben.
Der Gros Van - irgendwo da oben.

Ich sah nur noch Grashang über mir. Nach oben hin schien dieser immer steiler zu werden, zuoberst endete er in einer scharfen, aus mehreren etwa gleich hohen Zacken bestehenden Krete; für Ortsunkundige wie mich schwer zu sagen, welcher Zacken genau der Gros Van war. Schwer auch, die Bedeutung des Namens zu erahnen: Das französische Wort „van“, so entnahm ich mehreren Quellen, kann einerseits für ein Transportvehikel und andererseits für ein korbförmiges Gefäss stehen, das früher unter Zuhilfenahme des Windes zum Trennen von Spreu und Weizen genutzt wurde (im Deutschen als „Getreideschwinge“ bezeichnet).

Hart, aber fair

Noch einmal konnten Glieder und Muskeln etwas entspannen, denn über eine horizontale Terrasse etwa auf Höhe der Baumgrenze ging es gemütlich zu dem Skigebiet Parchets; gleich drei Skilifte zogen sich von dem nun ins Blickfeld geratenen Col des Mosses her den Hang herauf. In einem weiten Bogen führte der Weg dann durch Weiden zur Alp L’Ecuale empor. Kein Baum schützte mehr vor der Sonne; umso mehr schätzte ich die erfrischende Wirkung von Winden, die immer mal wieder über den Hang strichen. Oberhalb der Alp wurde der Pfad schmaler und noch einmal deutlich steiler; jedoch führte er in einer langen Geraden immer schräg dem Hang entlang, sodass er einen regelmässigen Steigrhythmus erlaubte. Kein Vergleich mit dem widerborstigen Mont d’Or! Das hier war harte, aber irgendwie faire Arbeit, befand ich. Schliesslich erreichte ich eine scharfe Abbruchkante, die jäh Richtung Col des Mosses hinabfiel; sie bildete hier wohl die EHWS. Hier machte der Pfad Kehrt und kletterte im Zickzack zur Krete hinauf. Plötzlich stand ich oben zwischen Felszacken und blickte geradewegs auf die tiefblaue Fläche des Hongrin-Stausees hinunter. Nochmals einige Dutzend Schritte im Zickzack, und die grosse Schwinge war bezwungen, mit 2189 Meter rund 14 Meter höher als der Mont d’Or.

Ein flaches Stück zum Liegen gab es hier oben nicht, der Grat war nach allen Seiten hin abschüssig. Aussicht und Verköstigung genoss ich somit im Sitzen. Die zerklüftete Krete zum Mont d’Or hin war ebenso spektakulär wie sie es vor Monatsfrist in umgekehrter Blickrichtung gewesen war. Weiter im Westen konnte ich auch viel anderes bereits Begangenes überblicken, von der Tour de Famelon und der Berneuse über die Aveneyre-Kette bis zum Rochers de Naye; hinter diesem war dunstig auch noch ein Stück Genfersee zu erkennen. Nach Osten hin blickte ich auf die Berge des Waadtländer und des Berner Oberlands, den Pic Chaussy und das Diablerets-Massiv mit dem Oldenhorn, nach Süden hin zu den Walliser Alpen und über die Chamossaire hinweg zu den Zacken der Dents du Midi vor dem weissen Mont Blanc.

Letzte Schüsse und herumschwirrende Insekten

Wo der Wind Insekten herumwirbelt.
Wo der Wind Insekten herumwirbelt.

Von ferne waren einzelne Schüsse zu hören, sie erinnerten daran, dass die Armeeferien vorbei waren. Gerne verabschiedete ich mich hier vom Militärsperrgebiet Hongrin, das mich während rund sechs Tagesetappen immer wieder, und dies manchmal erschütternd laut, begleitet hatte. Lange mochte ich hier oben indes ohnehin nicht verweilen, dafür gab es zu viele aufsässig herumschwirrende Insekten – waren es fliegende Ameisen? – , die Eindringlinge nicht sehr zu mögen schienen. Vielleicht, sinnierte ich, wird mir die grosse Schwinge als der Berg im Gedächtnis bleiben, auf dem der Wind Insekten durch die Luft wirbelt. Beim Abstieg dann noch eine kurze Begegnung mit einem heraufkommenden älteren Berggänger, seinem Akzent nach einer aus der Gegend: Ob es dort oben sehr luftig sei?, wollte er wissen. Irgendwie schien der Gros Van mit dem Wind in Verbindung zu stehen.

 

Zurück bei den Skiliften von Parchets, bog ich nach Norden ab. Offensichtlich überschritt ich genau da, unterhalb der Abbruchkante, von der ich vor etwa zwei Stunden heruntergeschaut hatte, die Hauptwasserscheide: Denn rechts von mir strich ein Rinnsal durch die Wiese, das keine Anstalten machte, sich nach Les Mosses und dem dortigen Rhone-Zubringer Raverette hinunter zu ergiessen. Das war die Sonna, und die rann auf dieser erhöht gelegenen Terrasse an der Passhöhe vorbei dem Hongrin und damit dem Flusssystem des Rheins zu. Weiter unten überquerte ich sie und wanderte in weiten Bögen durch Weideland zum Col des Mosses hinunter. Einen der Bögen freilich schnitt ich ab: Einer grösseren Rinderherde, die den Weg besetzt hielt, wich ich aus, indem ich quer durch die Wiese hinunterstieg. Dabei geriet ich in eine sumpfige Mulde, in der ich mehrmals tief einsank. Mit morastübertünchten Schuhen kam ich um kurz nach halb Vier auf der Passhöhe und damit bei meinem nahezu exakt auf der EHWS parkierten Auto an. Ich zog eine befriedigte Bilanz : Die Schuhe hatte ich zwei, drei Mal neu schnüren müssen, aber sie hatten sich und meine Füsse gut gehalten, und zuletzt hatten sie trotz des trockenen Tages auch noch einen Nässetest mit Bravour bestanden. Kurz: Eine beschwingte Jungfernwanderung war das.


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