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Die Mitte der Welt ist ein Karrenfeld

EHWS Alpin, Etappe 8: Berneuse - Tour de Famelon - Le Sépey

Zum Auftakt meiner Alpen-Wandersaison 2017 nahm ich mir eine Dreitagewanderung vor. Der erste Tag sollte mich zurück zur Hauptwasserscheide führen. Bereits am Vorabend war ich nach Leysin angereist und hatte dort übernachtet. Mit der Seilbahn fuhr ich wieder auf die Berneuse hinauf, wo ich letztes Jahr meine Alpentour beendet hatte.

Von dort brach ich gegen halb Zehn auf, zunächst etwa 150 Meter abwärts zum Lac d’Aï hinunter. Das riesige Bio-Gemälde des Landschaftskünstlers Saypé war inzwischen vom gegenüberliegenden Grashang des Chaux de Mont verschwunden: durch den Lauf der Jahreszeiten rezykliert. Die Wetter- und Sichtverhältnisse waren den damaligen nicht unähnlich: sonnig und luftig-wolkig, Tour d’Aï und Tour de Mayen immer wieder von Wolkenschwaden verdeckt – allerdings trotz Hochsommer eher stärker bewölkt und sogar deutlich kühler als im vergangenen September. Vorsorglich hatte ich mich fast winterlich warm eingepackt.

An Skiliftanlagen vorbei ging es zum Refuge de Mayen. Die Hütte steht idyllisch am gleichnamigen Bergseelein, das präzis in die Mulde am unteren Ende des zwischen den beiden Gebirgstürmen hinunterstürzenden Couloirs hineingebettet liegt. Hier begann der Aufstieg Richtung Tour de Famelon – dem niedrigsten Turm des Dreigestirns von Leysin, der aber im Unterschied zu seinen beiden berühmteren Geschwistern auf der Hauptwasserscheide liegt und dem deshalb mein Interesse galt. Der Pfad stieg gleichmässig durch den Grashang an und erforderte keine allzu grosse Anstrengung – jedoch immerhin genug, dass ich meine Textilverpackung alsbald reduzieren musste.


Berneuse - Le Sépey
Etappe EHWS Alpin, Nr. 8
Länge / Zeit 13,3 km / 4h40
Auf- / Abwärts 460 m / 1'521 m
Höchster Punkt 2'193 m (Sur les Truex)
Tiefster Punkt 975 m (Le Sépey)
Fernwanderwege ---
Durchgeführt Samstag, 15. Juli 2017
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Bei einer Weggabelung, die zwei Varianten anbot, wählte ich jene nach links via Truex, denn dies war der direkteste Weg zur Wasserscheide. Im Zickzack gewann ich weiterhin flott an Höhe. Richtig steil wurde es erst nach dem Bergseelein von Ségray.


Aber schon nach kurzer Zeit stand ich auf dem Grat und blickte geradeaus in die Tiefe des Troges des Petit Hongrin hinunter und nach links zum Seitenprofil der beiden Turmgipfel mit ihren schroffen Nordwänden. Auf der Tour d’Aï sind von blossem Auge Leute zu sehen. Jenseits davon erkenne ich etwa auf Augenhöhe den grasbewachsenen Chaux de Mont und das Stück Fusspfad unter der Aï-Wand, auf dem ich im September einige Schritte gegangen bin, bevor ich mich vom Widerhall der Gewehrsalven habe vertreiben lassen. Heute ruht glücklicherweise der Waffenplatz, denn es ist Wochenende und zudem Ferienzeit.

Nach drei Tagesetappen zurück auf der EHWS

Den Türmen den Rücken kehrend, folge ich dem Grat. Nach wenigen Schritten sehe ich mich durch eine Tafel in der Vermutung bestätigt, dass ich mein Forschungsobjekt wiedergefunden habe: Unter dem Titel „Le milieu du monde“ („Die Mitte der Welt“) erwähnt sie nicht eben leicht verständlich die Trennung von Gewässern, die entweder nördlichen oder südlichen Meeren zufliessen. „Cela veut dire quoi ça?“ höre ich zufällig eine Frau ihren Wandergefährten fragen. „Le milieu du quel monde?“

Nun ja: „Die Welt der europäischen Gewässer“, denke ich bei mir, während ich zur Aveneyre-Kette auf der andern Seite des Hongrin-Troges hinüberblicke. Dort habe ich die Wasserscheide letztes Jahr verlassen, weil diese sich ebenda in das für mich unzugängliche militärische Sperrgebiet hinein begibt; in insgesamt rund drei Tagesetappen habe ich letzteres dann west- und südwärts umwandert, um jetzt an jener Stelle auf die EHWS zurückzukehren, an der sie den Trogrand wieder erklimmt.

In den nächsten paar Stunden bewege ich mich auf der EHWS oder in enger Nachbarschaft zu ihr. Nicht sichtbar ist von hier vorerst die Tour de Famelon. Denn sie ist von dem felsigen Kamm verdeckt, dessen Kulminationspunkt ich entgegenschreite, mit knapp 2‘200 Metern der höchste Punkt des Tages. Dann gerate ich in den Bann der grauen, zerfurchten Karstlandschaft von „Sur les Truex“. Lauter Brocken, Blöcke, Platten gilt es hier zu umgehen oder zu überwinden, ohne in die Lücken dazwischen oder in die Karren zu stolpern oder sich an den scharfen Kanten zu verletzen. Trittsicherheit, Konzentration und ein ständiges Wechseln von Schrittlängen und Rhythmus sind gefragt. Nicht selten braucht es die Hände für zusätzlichen Halt. Glücklicherweise führen zahlreiche, auf die Felsen gemalte weiss-rot-weisse Markierungen im Zickzack durch die weglose Steinwüste. Trotzdem benötige ich nahezu eine volle Stunde, bis ich das gemäss Karte kaum mehr als einen Kilometer breite Karrenfeld durchquert habe – und bin ziemlich geschafft, als ich endlich den Fuss der Famelon erreiche.

Vergleichsweise leichte Gipfelbesteigung

Nach einer Ruhe- und Verpflegungspause knöpfe ich mir die Tour vor – genauer: deren Nordgipfel (die Famelon besteht aus zwei Gipfeln). Im Vergleich zum Karrenfeld kommt mir deren Besteigung geradezu als einfach vor: Der Pfad ist steil, aber kurz und erlaubt eine regelmässige Gangart. Nur die letzten zwei Meter sind vertikal; hier kann man sich problemlos an einer Kette hochziehen. Der Gipfel bildet ein kleines flaches Plateau; ich kann mich sogar ins Gras legen und den Wolken zusehen. Freilich stürzt es nach fast allen Seiten senkrecht in die Tiefe. Entsprechend atemberaubend sind Blicke über die Kanten hinaus! Die Aussicht nach Osten (Mont d’Or, Diablerets-Massiv und Berner Alpen) und Süden (Chamossaire, Walliser und Savoyer Alpen) ist weit, jene nach Westen (Tour de Mayen, Tour d’Aï) spektakulär, und jene nach Nordwesten, die durch den eben passierten Karstkamm der Truex begrenzt wird, ebenso unwirtlich wie eindrucksvoll.

Beim Abstieg: Blick zurück auf die Tour de Famelon.
Beim Abstieg: Blick zurück auf die Tour de Famelon.

Zurück bei meiner Raststelle von soeben beginnt ein weiterer ziemlich tückischer Teil: Das Karstfeld geht in steil abfallendes Gelände mit Schrattenkalk über. Furchen ziehen sich senkrecht durch Felswände empor. Mühsam hangle ich mich über den schwierigen Weg abwärts und staune über die recht grosse Anzahl Wanderer, die sich zum Teil auf sichtlich ungeübten Beinen in solch heikles Gelände vorwagen. An einer Kletterschule vorbei gelange ich endlich zur ersten Alp und damit auf einen Schotterweg, auf dem ich dann vergleichsweise bequem zum Pass Pierre de Moëllé auf rund 1600 Meter hinunter gelange. Kurz vor Vier ist dieser erreicht, und eine Erfrischung im dortigen Restaurant des Chamois verdient.

 

Für eine Besteigung des Mont d’Or, zu dem von hier ein Weg hinaufführt, ist es inzwischen zu spät und meine Kraftreserve zu knapp. Entgegen meines Plans muss ich sie deshalb auf morgen verschieben und dann den Weg aus dem Tal hinauf in Kauf nehmen.

 

1500 Meter Abstieg sind genug

In eben dieses musste ich nun hinunter, die EHWS einstweilen zurücklassend. Als unendlich lang erschien mir der Abstieg, zunächst über ein asphaltiertes Fahrsträsschen, dann durch Wald und ein Tobel hinab. Unmissverständlich gaben Gelenke und Knöchel mir zu verstehen: 1‘500 Meter Abstieg an einem Tag sind des Guten zuviel…! In Le Sépey kam ich gerade rechtzeitig an, um den nur sporadisch verkehrenden Bus zu erreichen, der mich nach Leysin und zu meiner Unterkunft zurückbrachte.


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