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Tanzende Wolken und Nebelschwaden

EHWS Alpin, Etappe 7: Luan - Berneuse

Der Sommer hat bis vor etwa einer Woche mit bestem Wetter und hohen Temperaturen standgehalten – dann hat das Wetter gedreht: Es gab zum Teil viel Regen und kühle Tage. Jetzt brachte der Frühherbst aber noch ein paar schöne Tage, und ich hatte gerade noch eine Lücke in meinem Terminkalender gefunden. Also reiste ich noch einmal ins Chablais. Über den Grat des Chaux de Tompey wollte ich an den Fuss der Tour d’Aï gelangen und von dort zur Berneuse oberhalb von Leysin hinunter. Eine kurze, aber mit einer T3-Passage über den Grat durchaus anspruchsvolle Etappe.

Der Startpunkt war wie bei der letzten Etappe das Café de Luan, wo ich mit dem Bus wie schon damals als einziger Fahrgast ankam. Um neun Uhr begann ich mit einem langen und steilen Aufstieg über den Weg, den ich bereits kannte. Nach knapp zwei Stunden war der Col de Tompey wieder erreicht, der Ort meiner Mittagsrast vor zehn Tagen, zu dem ich damals von der Joux Verte heraufgestiegen war.

Col de Tompey, Genfersee.
Col de Tompey, Genfersee.

Anders als damals war das Gras jetzt aber nass, und es ging ein recht kühler Wind. Ich beschränkte daher meine Rast diesmal auf wenige Minuten. Treibende und aufsteigende wie auch scheinbar liegend verharrende Nebelschwaden boten zauberhafte und sich fortwährend verändernde Landschaftsbilder. Der Genfersee lag unter einer Nebeldecke, die Rhone-Ebene unter einem Schleier, über dem sich majestätisch die Dents du Midi und andere, teils schnee- und eisbedeckte Berge erhoben – ganz zuhinterst am südlichen Horizont meinte ich den Mont Blanc zu erkennen. Die Berneuse, mein Ziel, wurde durch vorbeiziehende Schwaden mal ver-, mal enthüllt.

Ich verliess den mir bekannten Weg, ging aber noch in derselben Nordwest-Richtung auf einem Wiesenpfad weiter, bis ich am Fuss der Gipfelfelsen des Sex du Parc au Feyes den Grat erreichte. Jäh fiel dieser auf der Nordseite zum Tal des Petit Hongrin ab, das sich freilich ebenfalls unter einem Nebelmeer versteckte. Die Armee hielt dies nicht von ihrem Übungseifer ab, wie die mir inzwischen fast vertraut gewordenen Salven bezeugten.


Luan - Berneuse
Etappe EHWS Alpin, Nr. 7
Länge / Dauer 7,1 km / 4h
Auf- / Abwärts 1'134 m / 307 m
Höchster Punkt 2'205 m (Chaux de Mont)
Tiefster Punkt 1'224 m (Café de Luan)
Fernwanderwege ---
Durchgeführt Donnerstag, 22. Sept. 2016
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Scheue Gämsen...

Hier vollzog die Route eine Kehrtwende: Dem felsigen Sex den Rücken zugewandt, folgte sie nun dem scharfen Grat durchs Gras aufwärts – markiert, aber praktisch weglos. Zuweilen schien es, als stiege ich nicht nur der Sonne, sondern auch einer Nebelwand entgegen – doch diese erwies sich als dynamisches Spiel von tanzenden Schwaden.

Der Aufstieg war streng; trotz des feuchten Grases war der Hang aber nicht glatt und bot genug Halt. Überrascht erblickte ich seitlich über mir ein riesiges Gamsrudel – es mussten Dutzende von Tieren sein, die da friedlich grasten und sich durch den einsamen Wanderer nicht aus der Ruhe bringen liessen. Doch dann plötzlich schoss das gesamte Rudel wie eine einzige Masse abwärts – freilich nur für ein paar Sprünge, dann stand es wieder still. Aus dem Nebel holperten mir von oben zwei Mountain-Biker entgegen; sie mussten die Gämsen aufgeschreckt haben. Die Tiere seien hier oben halt nichts gewohnt, meinten sie lachend, es gebe ja niemanden, der sie störe – ausser vielleicht das Militär.

Chaux de Tompey.
Chaux de Tompey.

Schlag Zwölf hatte ich den ersten Gipfel erreicht – den Chaux de Tompey, 2015 m hoch. Der Nebel über dem Waffenplatz und zum Teil über dem Genfersee hatte sich inzwischen aufgelöst. Ich hatte klare Sicht auf die Pointe d’Aveneyre und die Krete, über die ich der Hauptwasserscheide entlang gegangen war und von der ich zu meinem heutigen Standort und den Zwillingstürmen von Tour d’Aï und Tour de Mayen herübergeschaut hatte. Auch der Rochers de Naye zeigte sich dahinter. Dagegen ging das Verhüllungsspiel über dem Grat vor mir noch munter weiter. Noch einmal wollten rund 200 Höhenmeter überwunden sein, noch immer demselben grasigen Grat entlang, bevor ich um 13 Uhr den höchsten Punkt sowohl der heutigen Wanderung als auch der gesamten bisher zurückgelegten Voralpenroute erreichte: den Chaux de Mont, 2205 Meter über Meer. Ein Punkt, der trotz dieses Superlativs jedoch kaum als Gipfel erkennbar ist, weil er von der gleich daneben ihren felsigen Kopf in den Himmel reckenden Tour d’Aï um weitere 130 Meter überragt wird.

...verwöhnte Bergdohlen...

Bergdohle vor der Tour d'Aï.
Bergdohle vor der Tour d'Aï.

Nur eine kleine Vertiefung auf dem Grat, die man in wenigen Schritten überwunden hat, trennt die beiden Berge. In dieser setzte ich mich für eine Mittagsrast hin und genoss die Aussicht. Neben der etwas niedrigeren Berneuse stieg eben ein imposanter Wolkenturm in die Höhe. Einige Bergdohlen waren es offenbar gewohnt, von Menschen gefüttert zu werden – jedenfalls kamen sie mir zum Teil bedrohlich nahe. Der gleich nebenan heraufführende Skilift wie auch die Anwesenheit mehrerer Wanderer- und Klettererpäärchen und –grüppchen mochten ihre Zivilisationsnähe erklären.

 Die Form der Zwillingsberge Tour d’Aï und Tour de Mayen hat mich lange verwirrt: So klar sie von Norden her durch ihre nebeneinanderstehenden, die Umgebung überragenden Gipfelzacken erkennbar sind, so vergeblich sucht man eine ähnliche Gestalt von Westen und Süden her. Bis ich erkannte, dass es sich nicht um isoliert aufragende Zacken handelt wie etwa beim Dent de Jaman ob Montreux, sondern um längliche, massige Felsbänder, die sich am südlichen Hang zum Grat hinauf erstrecken.

...und geköpfte Raupen

Wie zwei riesige Raupen, so kommt es mir vor, die zum Grat hinauf kriechen und denen man eben dort mit einem Beil die Köpfe abgehackt hat. So zog sich nun links neben mir die Westwand der Tour d’Aï als ein langes Felsband zu einer Alpmulde hinunter, während die Nordwand schroff und vergleichsweise schmal über das Tal des Petit Hongrin hinaus schaute. Von der Tour de Mayen war überhaupt nur die Nordwand zu sehen, die sich ostwärts an jene der Aï anschloss. Unter den Nordwänden lief ein steiniger Pfad hindurch. Ich machte einen kurzen Abstecher dorthin; aber im Schatten der wuchtigen Wand wurde es mir bald ein wenig unheimlich, auch weil sie den Lärm des Gewehrfeuers vom Waffenplatz mit ohrenbetäubendem Hall zurückwarf. Nach wenigen Minuten kehrte ich deshalb wieder um. Eindrücklich war die Akustik aber auch an der Westwand: Beim Abstieg konnte ich die Gespräche der sich an ihr zu schaffen machenden Kletterer so gut hören, als gingen diese direkt neben mir her!

Zukunftsmusik

Von der Alp ging es noch einmal aufwärts, einen durch Skilift und Bike-Trail verunstalteten Hang gegenüber der Tour d’Aï hinauf. Um drei Uhr stand ich auf der Berneuse, wo ich nochmals eine überwältigende Rundsicht geniessen konnte – neu jetzt auch ins Tal von Leysin hinunter und in die Gegend von Les Mosses. In groben Zügen konnte ich den wahrscheinlichen Verlauf meiner nächsten Wasserscheiden-Etappen erkennen: Tour de Famelon, Mont d’Or, Gros Van, Col des Mosses, Pic Chaussy, Pillon, Les Diablerets…

Aber das war Zukunftsmusik, für dieses Jahr war meine Voralpentour hier zu Ende. In zweieinhalb Wochen wollte ich nach Spanien, um der Hauptwasserscheide von ihrem südlichsten Punkt aus nachzuspüren. Mit der Gondel schwebte ich nach Leysin hinunter, wo ich die Heimreise via Aigle und Lausanne antrat.

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