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Nichts zu trinken und viel Sex

EHWS Alpin, Etappe 6: Luan - Joux Verte - Corbeyrier

Erneut war ein warmer und trockener Tag angesagt, wenn auch mit mehr Wolken als zuletzt. So reiste ich nur drei Tage nach der Schifffahrt auf dem Genfersee wieder in Richtung Westschweiz, diesmal ins Chablais, wie die Gegend oberhalb und südlich des Léman heisst, in die ich auf meiner letzten Etappe vorgestossen war. Erstes Reiseziel war Aigle, dort nahm ich den Bus nach Corbeyrier, einem Dorf hoch über der Rhone-Ebene, und fuhr mit diesem wieder einmal als einziger Fahrgast bis zur Endstation, dem Café de Luan, nochmals einige Kilometer oberhalb des Dorfes.

Bloss keine Lücke!

Zur Abwechslung nahm ich mir für heute eine Rundwanderung ohne jede Berührung mit der Hauptwasserscheide vor. Sie hatte ausschliesslich zum Ziel, eine Verbindung zwischen der letzten und der nächstfolgenden Etappe herzustellen. Eine Übergangsetappe also, um meinem Konzept einer möglichst lückenlosen Route entlang der Hauptwasserscheide Genüge zu tun. Die naheliegendste Variante zu diesem Zweck wäre gewesen, bloss bis Roche zu fahren, wo meine letzte Etappe geendet hatte, und von dort wieder zum Tobel der Eau Froide hinauf zu steigen und durch dieses nach Joux Verte zu gehen. Aber der Gedanke an die nahezu vertikale, mehrere hundert Meter starke Höhenstufe, die ich am Donnerstag am Ende meiner Kräfte und unter Zeitdruck hinabgestiegen war, widerstrebte mir noch zu sehr. (Ein rein psychologischer Reflex; in Wirklichkeit handelte es sich zweifellos um einen zwar anstrengenden, aber ganz normalen Aufstieg, wie ich immer wieder einen hinter mich brachte.) Deshalb suchte ich eine Alternative, bei der man statt von unten von oben her ins Tobel gelangen konnte.

Café de Luan.
Café de Luan.

Einen solchen Zugang fand ich von der etwas über 1500 m hoch gelegenen Alp Les Agites aus, die von Luan aus erreichbar war. Einmal im Tobel, wollte ich diesem bachaufwärts bis nach Joux Verte auf demselben Weg folgen, auf dem ich am Donnerstag abwärts gegangen war. Von dort aus wollte ich dann zum Col de Tompey hinauf und von diesem wieder zum Ausgangspunkt in Luan hinunter.


Luan - Joux Verte - Corbeyrier
Etappe EHWS Alpin, Nr. 6
Länge / Dauer 18,1 km / 6h15'
Auf- / Abwärts 962 m / 1'262 m
Höchster Punkt 1'754 m (Col de Tompey)
Tiefster Punkt 924 m (Corbeyrier)
Fernwanderwege ---
Durchgeführt Montag, 12. September 2016
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Tunnelwandern und sexy Berge

Gesetzt war dadurch das verfügbare Zeitfenster: Ich kam beim Café de Luan mit dem ersten Bus um neun Uhr an und musste abends den letzten Bus um fünf vor sechs erreichen. Das sollte ohne Weiteres reichen. Das Café hatte Montag und Dienstag geschlossen und führte mich somit nicht in Versuchung: Ich zog sofort los. Die Wanderung begann ansteigend auf Asphalt – das Strässchen erschliesst die verstreuten Einzelhöfe von Les Agites und des Hongrin-Tals und bietet Zugang zum Waffenplatz – und mit einem Kuriosum: Sie führte durch einen 300 Meter langen Tunnel! Sicherheitshalber setzte ich mir eine Stirnlampe auf, die sich jedoch als überflüssig erwies: In regelmässigen Abständen waren fensterartige Öffnungen in den Fels gehauen, die den Blick in die Rhone-Ebene und die gegenüberliegenden Berge des Walliser Chablais freigaben und genügend Tageslicht ins Tunnelinnere liessen. Kurz nach dem Tunnel tauchte die mir inzwischen bekannte Aveneyre-Kette vor mir auf. Rechts und links von mir erhoben sich mehrere zuckerstockförmige, mehr oder weniger hohe und mehr oder weniger wuchtige Bergzacken, die lauter sexy Namen trugen – die Karte verzeichnete solche wie Sex de la Sarse, Sex des Nombrieux, Sex des Paccots, Sex du Parc aux Feyes.

Frühindustrielle Holzschleuder

Beim Wanderwegweiser mit der Bezeichnung «Les Agites 1538 m» verliess ich die Strasse und folgte einem Feldweg, der zu tiefer gelegenen Einzelhöfen mit prächtiger Aussicht auf den Genfersee und in der Richtung des bewaldeten Tobels führte, das mich von der Aveneyre-Kette trennte. Knapp oberhalb des Tobelwaldes folgte ich einem Wegweiser «Joux Verte» nach rechts. Zu spät realisierte ich, dass dies nicht der geplante Weg war: Er führte mich statt ins Tobel hinunter parallel zu diesem dem Hang entlang, zunächst durch Wiesen, dann mehrere Bäche querend durch Wald. Da aber die Richtung stimmte – nämlich talaufwärts – , verzichtete ich auf eine Umkehr.

Nach einer Weile gelangte ich auf ein Forststrässchen, das mich zur Eau Froide hinunterführte. Neben einer Brücke befanden sich die Ruinen einer frühindustriellen Einrichtung: der «Ecluse Joux Verte», einem Bogenstaumäuerchen mit Schleusentor vom Ende des 17. Jahrhunderts. Dieses diente – so war auf einer Informationstafel zu lesen – der im Chablais damals wichtigen Salzgewinnung: Mit der Mauer wurde das Wasser des Baches so lange gestaut, bis seine Wucht stark genug war, um bei Öffnung des Schleusentors das davor aufgeschichtete Holz durch die Schlucht nach Roche hinunter zu schleudern, wo dieses als Brennstoff zur Verdampfung der Salzlake in der Saline verwendet wurde.

 

Ennet der Brücke ging es nur noch wenige Schritte abwärts, dann war ich bei den Holzschobern, bei denen ich am Donnerstag vom Malatraix herunter kommend die Talsohle erreicht hatte. Das erste Ziel der Rundwanderung war damit erreicht: die Verbindung zur Vorgängeretappe war hergestellt.


Vorgänger- mit Nachfolgeetappe verbunden

Sex des Paccots.
Sex des Paccots.

Nach einer Rast in der Mittagssonne ging ich deshalb wieder über die Brücke bei der Schleuse zurück und dann bergaufwärts, dem Forststrässchen weiter hinauf folgend, bis ich wieder die Strasse von Luan erreichte. Links führte diese durch das Tor des Waffenplatzes: Eine Barriere neben einem Wärterhäuschen sperrte sie ab, ein Soldat stand daneben. Ich kehrte ihm den Rücken und folgte der Strasse nach rechts aufwärts, in der Richtung von Les Agites und Luan. In einer Kurve verliess ich sie dann aber und zweigte nach links ab; an einem Hof vorbei stieg ich auf einem steiler werdenden Wiesenpfad zwischen zwei Sex-Zacken hindurch in die Höhe. Um zehn vor Drei stand ich auf dem Sattel des Col de Tompey, auf 1754 m Höhe – fast so hoch wie die jetzt hinter mir aufragenden Sex du Parc aux Feyes und Sex des Paccots. Damit war auch das zweite Tagesziel erreicht, die Vorgänger- war nun mit der geplanten Nachfolgeetappe verbunden: Von hier aus wollte ich nächstes Mal zum Grat zu meiner Linken hinaufsteigen, der auf ein langes massiges Felsband zuführte – erst später realisierte ich, dass es sich dabei und die Längsseite der Tour d’Aï handelte – , um schliesslich auf den Gipfel der Berneuse zu gelangen, den ich dank seines Restaurants geradeaus vor mir erkannte.

1 Bier für 1 Wanderer

Direkt vor mir fiel das Gelände in mehreren Stufen tief nach Corbeyrier und zur Rhone-Ebene hinunter, hinter der sich die Dents du Midi und andere Walliser Berge erhoben. In dieser Richtung stieg ich ab, zunächst nur kurz, aber sehr steil zu einer Art Balkon namens Plan Falcon hinunter, dann einer trockenen und steinigen Rinne folgend, die erahnen liess, welche Wasser- und Geröllmassen sich etwa bei Gewittern durch sie zu Tale stürzen konnten, und schliesslich auf einem Waldweg auf die Strasse bei Luan. Um halb Fünf stand ich wieder dort, etwas oberhalb und in Sichtweite des Cafés – viel zu früh für den Bus! Ich setzte deshalb meinen Abstieg in Richtung Corbeyrier fort. Zu früh auch freute ich mich jedoch auf das Restaurant, das ich dort am Morgen bei der Durchfahrt gesehen hatte: Es erwies sich als ebenso geschlossen wie das Café de Luan. Da war es ein Glück, dass der Dorfladen genau ein (1!) gekühltes Bier im Sortiment führte! Mehr wäre ja nun auch für die Katz gewesen: schliesslich war ich den ganzen Tag nicht einem (1!) anderen Wanderer begegnet.

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