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Von Senke zu Senke

EHWS Jura, Etappe 5: Montfaucon (Pré-Petitjean) - Les Reussilles

Fast drei Monate nach unserer Spontan-Übernachtung in Montfaucon kehrten wir dorthin zurück: nicht in den Ort selbst, aber zu dem Weiler Pré-Petitjean, der etwas unterhalb des Dorfes an einer Linie der Jurabahn liegt und der dortigen Station seinen Namen gibt. Es war mitten im Hochsommer; im Jura ist es dann oft fast zu heiss zum Wandern, aber wir erlebten gerade eine kühlere Periode und hatten einen Sonntag zur Verfügung.

Was wir vorhatten, war uns – ich wurde wiederum von Ruth begleitet – nur teilweise neu: In den Freibergen waren wir schon oft gewesen, die heutige Route jedoch kannten wir noch nicht. Wir wollten das leicht gewellte Hochplateau möglichst in EHWS-Nähe von Nord nach Süd überqueren; Zielort war der luftlinienmässig nur gerade 8 km entfernte Weiler Les Reussilles, der wiederum an einer Linie der Jurabahn («Chemin de Fer du Jura», abgekürzt: CJ) liegt. Es erwartetete uns eine leichte, bequeme und kurze Wanderung von nur wenigen Stunden mit geringen Höhenunterschieden.

Unbekannter Untergrund

Weniger einfach war die Wahl der „richtigen“, das heisst am nächsten zur Wasserscheide verlaufenden Route. Denn jene lässt sich in den Freibergen weder von Auge erkennen noch mit Faktenwissen genau bestimmen. Schwer zu sagen, ob man sich gerade im Einzugsgebiet der Rhône oder des Rheins befindet. Der Abbruchkante des Doubs-Grabens hatten wir bereits gegen Ende des letzten Wandertages im Mai bei Les Enfers den Rücken gekehrt; jetzt, schon südlich der Rippe von Montfaucon, entfernten wir uns weiter von ihr.

Dolinen bei Montbovats.
Dolinen bei Montbovats.

Zu Tälern von rheinischen Gewässern andererseits hatten wir bereits seit längerem keinen Sichtkontakt mehr. Geländever-tiefungen auf dem Plateau erweisen sich meist nicht als Täler, sondern lediglich als in sich geschlossene, abflusslose Mulden, in Fachkreisen auch als «Interne Senken» bezeichnet. Oberirdische Fliessgewässer gibt es nicht, lediglich einige Weiher und Moore.


Pré-Petitjean - Les Reussilles
Etappe EHWS Jura, Nr. 5
Länge / Zeit 12,8 km / 3h30
Auf- / Abwärts 233 m / 150 m
Höchster Punkt 1'096 m (Prés de la Montagne)
Tiefster Punkt 927 m (Pré-Petitjean, Gare)
Fernwanderwege ---
Durchgeführt Sonntag, 20. August 2017
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Regenwasser versickert direkt oder sammelt sich in trichterförmigen Vertiefungen («Dolinen») und verschwindet im karstigen Untergrund; wo genau es allenfalls wieder ans Tageslicht tritt und von welchem Flusssystem es dort aufgenommen wird, ist offenbar auch der Fachwelt weitgehend unbekannt. Vielleicht deshalb stellt das schweizerische Topographie-Institut Swisstopo die Grenze zwischen den beiden Flussystemen kurzerhand als eine mit dem Lineal gezogene Gerade – der Luftlinie entsprechend – quer über die Freiberge dar.

An dieser Geraden orientierten wir uns. Es bieten sich von Pré-Petitjean aus zwei Varianten an: Die eine folgt der Luftlinie ziemlich genau und steuert den Zielort Les Reussilles direkt von Norden her an; in rund 2 ½ Stunden wäre er erreicht. Eine zweite Variante reizte mich jedoch mehr, weil sie zuletzt ein Stück weit entlang der Krete jener Jurafalte verläuft, die das Plateau der Freiberge gegen das Tal der zur Birs hin fliessenden Trame abgrenzt und damit dort – so glaube ich wenigstens – effektiv die Wasserscheide bildet. Diese rund eine Stunde längere Variante beschreibt einen Bogen über den Weiler Prédame und erreicht Les Reussilles über die erwähnte Krete von Osten her.

Aufbruch zwischen Pferdewagen und Dampffans

Pferdewagen bei Pré-Petitjean.
Pferdewagen bei Pré-Petitjean.

Wir entstiegen der CJ bei wolkigem, leicht windigem und mildem Wetter, also bei idealen Wanderbedingungen. Es herrschte gerade Hochbetrieb: Nicht nur wegen des Hotel-Restaurants, das sich gleich neben der Bahnstation befindet und Fahrten mit Pferd und Planwagen anbietet, sondern auch, weil es einer jener Sonntage war, an denen die CJ nostalgische Dampfzüge auf ihrer Trasse verkehren lässt. Zwischen vollbeladenen Pferdewagen, Fotografen und andern Schaulustigen hindurch, die sich an dem leicht ansteigenden Strässchen postiert hatten, um optimale Sicht auf das Geleise zu haben, suchten wir unsern Weg.

Windturbinen und Chasseral-Turm am Horizont.
Windturbinen und Chasseral-Turm am Horizont.

Bald hörten wir auch schon das Pfeifen der Lok, und der Zug kam von Westen her angestampft, eine dicke Dampffahne mit ihrem russigen Duft hinter sich herziehend. Durch Feld, Wald und Weide ging es weiter sanft aufwärts, bald wurde es ruhiger; nach einer guten halben Stunde erreichten wir eine erste Anhöhe und damit einen ersten Senkenrand. Unter dem weiten und wolkigen Himmel blickten wir links und rechts über etwa gleich hohe Kuppen, hellere und dunklere Grün-, Blau- und Brauntöne wechselten sich ab. Vor uns am Horizont die höheren Jurafalten der mit Windturbinen bestückten Montagne du Droit und des Chasseral mit seinem Sendeturm. Schon aber neigte sich der Weg wieder abwärts, und so ging es weiter: quer zu den parallel verlaufenden Wölbungen, auf und ab, von Senke zu Senke. Und auf jeder Anhöhe war der Chasseral-Turm ein wenig höher.

Wytweiden und Pferdeherden

Beim Hof Montbovats, in der Sohle einer Senke, verzweigten sich die beiden Routenvarianten; wir entschieden uns definitiv für die längere. Und gleich nach der Gabelung wurde es traumhaft schön: Ab hier zeigte die Landschaft alles, was die Freiberge einzigartig macht. An einer Reihe schön ausgeformter Dolinen vorbei ging es auf Graspfaden über Weideland, zwischen alleinstehenden und Gruppen von Fichten hindurch, an Kuh- und Pferdeherden und Trockenmauern vorbei – es ist die als «Wytweiden» oder «Pâturages boisés» bekannte Landschaftsform, man meint auf Teppich zu gehen. Aber auch ein etwa 1 km langes Stück auf einer Strasse konnte unserem Wandergenuss keinen Abbruch tun. Wir nahmen dieses trotz reichlich vorhandener Wanderwege unter die Füsse, weil es eine Verbindung zwischen dem Weiler Prédame und der als «Pâturages du Bas» bezeichneten Ebene von Les Genevez herstellte, von der aus wir auf die Jurafalte mit der EHWS hinauf gelangen wollten. Die Ebene erwies sich als riesige Pferdeweide, auf der sich auch Fohlen tummelten. Aus Respekt vor den Muttertieren umgingen wir sie in einem grossen Bogen durch lichten Wald, bevor wir jenseits der Weide wieder auf einen von Trockenmauern gesäumten Wanderweg gelangten. Es folgte ein kurzer moderater Aufstieg durch eine Waldschneise hinauf, dann befanden wir uns auch schon auf dem höchsten Punkt des Tages, dem Kamm von «Prés de Montagne». Wir überschritten diesen auf 1‘096 m, und nach wenigen Minuten durch eine weitere sanfte Mulde stiessen wir zu jener kantigen Krete, die das Plateau abschliesst.

Scharf nach rechts abbiegend gehen wir dieser entlang, durch Waldlücken zur Linken immer mal wieder ins Tal der Trame hinunter und zum sich dahinter erhebenden Chasseral-Turm hinüber blickend, bis wir über eine letzte Wytweide (die «Pâturage du Droit») zu dem auf einer Geländeschulter über dem Tal ruhenden Les Reussilles hinunter gehen. Der Weiler liegt knapp unterhalb der Geländerippe auf der Rheinseite der EHWS; hinter ihm erhebt sich der Mont Crosin mit seinen Windturbinen, auf dem sich die EHWS fortsetzt und zu dem wir ein anderes Mal hinaufsteigen wollen. Für heute fand unsere Wanderung hier ihr Ende. Sie war schön; schade nur, dass wir sie unter Zeitdruck beenden mussten, weil ich einer Verpflichtung wegen am frühen Abend in Bern zurück sein musste: Die letzten Meter legte ich im Laufschritt zurück, um rechtzeitig das Bähnlein der CJ zu erreichen.


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