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Wo Meere sich scheiden. Ein Forschungsbericht.

EHWS Andalusien, Etappe 1: Tarifa - Observatorio El Cabrito - Tarifa

Die erste Etappe meiner Andalusien-Wanderung war eine Art Prolog: Sie hatte im Unterschied zu einer Fernwanderetappe einen Hin- und einen identischen Rückweg und kein eigentliches Ziel. Sie diente nicht dem Wandergenuss, sondern gewissermassen einem Forschungsdrang: Ich unternahm sie einzig und allein zu dem Zweck, dem Verlauf der vom Fernwanderweg «Sendero Andaluz» zunächst nicht berührten Europäischen Hauptwasserscheide (EHWS) auf ihren ersten paar Kilometern vom Meer her – genauer: von den Meeren her – ein wenig nachzuspüren.

Untersuchungsgebiet: Tarifa

Ort der Untersuchung ist Tarifa, das Städtchen am südlichsten Punkt des europäischen Festlandes, an der engsten Stelle der Meerenge von Gibraltar und zugleich an deren westlichem Ausgang. Die afrikanische Küste ist von hier aus gut zu sehen; Fähren verkehren regelmässig ins marokkanische Tanger hinüber. Aus allen Richtungen brausen Winde durch die Meerenge und machen Tarifa nicht zu einem Bade-, sondern vielmehr zu einem Wind- und Kitesurfing-Paradies. Hier, an der Südspitze der Stadt, «erhebt» sich die EHWS aus dem Meer und steigt von dort mässig steil einer Hügelfalte entlang auf den ersten Gebirgszug Europas hinauf, die Sierra de Ojén. Auf dem 500 bis knapp 800 Meter hohen Kamm setzt sie sich westwärts fort, bevor sie nach Norden in ein Zwischental hinabfällt und über den Pass des Puerto de Ojén den nächsten Gebirsgzug erklimmt. Der «Sendero Andaluz» hingegen umgeht die Sierra de Ojén in einem weiten, nach Westen gewölbten Bogen, kreuzt die EWHS in dem erwähnten Zwischental und erreicht erst nach rund 45 Kilometern Los Barrios, den nächsten Ort mit Übernachtungsmöglichkeiten.

Nur so weit wie es Spass macht

Die Idee ist daher verlockend, den Weg durch den Gang über den Berg abzukürzen und dabei gleichzeitig der Wasserscheidenforschung zu frönen. Genau dies hat der französische Fernwanderer und Präsident des Vereins «Ligne de partage», Pierre-Louis Blaix, im Mai 2015 vorgemacht; freilich ist seinem Blog zu entnehmen, dass er trotzdem erst nach 14 Stunden in Los Barrios angekommen ist und zudem auf dieser weglosen Route allerlei Hindernisse (etwa Gestrüpp, Fels, Stacheldraht) überwinden musste. Das war mir denn doch zu abenteuerlich; es genügte mir, ein Stück weit am Forschungsgegenstand zu „schnuppern“ – vielleicht bis zum 536 Meter hohen Cabrito? – Diesen visierte ich als mögliches Tagesziel an, nahm mir aber gleichzeitig vor, nur so weit zu gehen, wie es mir Spass machen würde.

Tarifa - Observatorio El Cabrito - Tarifa
Etappe EHWS Andalusien, Nr. 1
Länge / Zeit 18,5 km / 6h
Auf- /Abwärts 422 m / 422 m
Höchster Punkt 350 m (Observatorio El Cabrito)
Tiefster Punkt 2 m (Tarifa, Isla de las Palomas)
Fernwanderwege ---
Durchgeführt Dienstag, 11. Oktober 2016
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Am südlichsten Punkt Europas

Ausgangspunkt der Expedition war die der Stadt vorgelagerte und mit dieser durch einen Damm verbundene Isla de las Palomas, eine nahezu kreisrunde, unbewohnte und fortifizierte Insel. Gleich neben dem verriegelten Fort-Zugang informierte eine Tafel darüber, dass ich mich hier am südlichsten Punkt Europas befand. Diesen erklärte ich zu meinem Startpunkt: In meinem Rücken die Informationstafel, das Fort und die Silhouette des afrikanischen Küstengebirges, vor mir der Damm, der Fährhafen und die sich an den Abhang schmiegenden weissen Häuser Tarifas, darüber etwas zurückversetzt mit zahlreichen Windturbinen bestückte, teilweise in Wolken gehüllte Bergrücken – mit diesem Panorama vor Augen zog ich los, der Stadt entgegen. Der Damm ist das erste Stück Wasserscheide: Das Meer rechts von ihm ist das Mittelmeer, jenes links ist der Atlantik. Die Wellen beider Meere kräuseln. Es ist windig, aber nicht zu sehr; die Temperatur ist angenehm, fast etwas kühl.

Aufs Auge und gestützt auf Kartenstudium versuche ich dem Verlauf der EHWS durch die Stadt hinauf zu folgen. Offensichtlich scheidet diese nicht nur Gewässer, sondern auch die Altstadt von den jüngeren Stadtteilen: Sie scheint mir genau der westlichen Stadtmauer zu folgen, die zwischen den Häusern in Überresten wie etwa dem Stadttor «Puerta de Jerez» noch erkennbar ist. Später spüre ich ihr durch Quartiersträsschen nach, bevor ich in die Hauptverkehrsstrasse gelange, die in einer Geraden hangaufwärts aus der Stadt hinaus führt. Etwa eine Stunde nach dem Start ist die Fernstrasse N340/E5 erreicht, die Algeciras mit Cádiz verbindet.

Im Strassenverkehr und auf Müll

Dieser rege befahrenen Schnellstrasse folge ich über insgesamt mehr als fünf Kilometer in der Richtung von Algeciras. Sie verläuft zunächst auf der Hangfalte der Wasserscheide durch steppenartiges, mit dürrem Gras bewachsenes und nahezu baumloses Gelände. Um mich vor dem Verkehr zu schützen, gehe ich auf einem Schotterpfad ausserhalb der Leitplanke, zum Teil im Strassengraben. Meine Wanderunterlage gleicht streckenweise einer Müllhalde – eindrücklich, was so alles aus fahrenden Autos geworfen wird!

Je höher ich komme, desto kräftiger und böiger werden die Winde, die mal vom Atlantik, mal vom Mittelmeer und manchmal vielleicht auch von Afrika herüber kommen. Von der Vogelbeobachtungsstation «Cazalla» aus bietet sich ein prächtiger Überblick. Die Station steht auf der Hangfalte, also auf der EHWS, etwas links oberhalb der Strasse. Während die übrigen Anwesenden – eine Handvoll Touristen und wohl auch einige Ornithologen – den Blick mit oder ohne Fernrohre zum Himmel richten und diesen nach Zug- und andern Vögeln absuchen, gleiten meine Augen über die sich unter mir ausbreitende Küstenlandschaft und erkunden eine imaginäre Linie, die von der Insel dort unten zu mir heraufsteigt und sich dann weiter den Berg hinauf zieht. Auf der Hangkante stehen in unregelmässigen Abständen zahlreiche Gruppen von Windturbinen.

Die Meerenge aus 300 Meter Höhe

Über den weit geschwungenen Viaducto de Tarifa überbrückt die Strasse sodann einen Sattel; es ist ihr letztes Stück, das mit der Wasserscheide zusammenfällt. Direkt dahinter lässt die nun steiler ansteigende Kante die Strasse auf der Mittelmeerseite des Abhangs zurück. Ich folge der Letzteren weiter bis zur bergseitigen Abzweigung eines Schottersträsschens, wo eine Tafel zur Vogelbeobachtungsstation «El Cabrito» weist. Ich ignoriere diese jedoch vorerst und gehe auf der Strasse noch etwas weiter bis zum Mirador de El Estrecho, einer baumbestandenen Terrasse auf rund 300 Meter Höhe mit Parkplatz und Snack-Bar und phantastischer Aussicht über die Meerenge, den regen Schiffsverkehr und das gegenüberliegende marokkanische Rif-Gebirge. Beim Spähen durchs Fernglas muss ich aufpassen, dass Mütze, Brille und Landkarte nicht davonwehen.

Über das vorhin ignorierte Schottersträsschen gelange ich anschliessend zur Hangkante, von der aus auch die Atlantikküste wieder zu sehen ist. Kaum habe ich dem Strassenlärm den Rücken gekehrt – schon befinde ich mich mitten im rauschenden und brummenden Windpark! Nach einigen Serpentinen ist die auf etwa 350 Meter über Meer gelegene Vogelwarte erreicht. Neben einem verfallenen Gebäude steht eine kleine runde, steinerne Plattform mit einem Betondach; eine Informationstafel hält Wissenswertes über die hier beobachtbaren Vögel und ihre Migrationskalender bereit. Mit meinen spärlichen Spanischkenntnissen mache ich neben Weiss- und Schwarzstorch etwa Schwarzmilan, Kranich, Geier-, Falken- und Adlerarten aus.

Ende des Spasses

Bis zum Gipfel des Cabrito wären von hier aus noch etwa 180 Höhenmeter zu überwinden; ich schätze, dass der Weg in etwa einer Stunde zu schaffen sein müsste. Allerdings war es bereits nach 15 Uhr, und ich musste ja den ganzen Weg auch wieder zurückgehen. Kurz: Ich beschloss, dass das Ende des Spasses nun erreicht sei, und trat den Rückweg an.

 

Wieder unten in Tarifa konnte ich bei Bier und Oliven zusammenfassen: Die Attraktivität der Wanderung hielt sich in den erwartet engen Grenzen, doch der Forschungsgeist war befriedigt. Ich hatte gesehen, wo die Meere sich scheiden und die Wasser des Kontinents sich zu scheiden beginnen. Und ich hatte die Scheidungslinie auf ihren ersten rund acht Kilometern praktisch lückenlos überprüft – mit eigenen Augen und ebensolchen Füssen. Mehr hatte ich nicht im Sinn.

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