Im Herbst 2021 und Frühsommer 2022 habe ich insgesamt sieben Wandertage in der Montagne Noire verbracht. Durch dieses südwestlichste Teilgebirge des französischen Zentralmassivs («Massif central») verläuft ein Abschnitt der kontinentalen Wasserscheide zwischen Golf von Biskaya und Golfe du Lion, genauer: zwischen den Einzugsgebieten der in den Trichter der Gironde mündenden Garonne (Biskaya) und jenen von Aude und Orb (Golfe du Lion).
Während Garonne und Aude beide aus den Pyrenäen kommen, jedoch zu unterschiedlichen Meeren auseinanderstreben, hat der Orb, obwohl nur wenige Kilometer von der Aude entfernt ins Mittelmeer mündend, seinen Ursprung im Massif central. Aus diesem kommt andererseits auch der wichtigste Zuträger der Garonne (die selbst keinerlei Berührung mit der Montagne Noire hat), nämlich der in den Cevennen entspringende Tarn.
| Montagne Noire | |
| Abschnitt | EHWS Massif central, Teil I |
| (Fernwanderprojekt EHWS) | |
| Länge / Dauer | 174 km / 7 Tage |
| Durchgeführt |
07./08. September 2021; 30. Mai - 3. Juni 2022 |
| Höchster Punkt | 1'211 m: Pic de Nore |
| Tiefster Punkt | 223 m: Revel, Rigole de la Plaine |
| Start | Revel |
| Ende | Saint-Géniès-de-Varensal |
| Fernwanderwege |
E 4 (GR 7), GR 36, GR 71 |
| Nächste Teilstrecke | |
Im engeren Sinn beschränkt sich der Name «Montagne Noire» auf ein hauptsächlich west-östlich gerichtetes Mittelgebirgsmassiv, das trotz bescheidenen Höhen durchaus eindrücklich aus der ihm südlich zu Füssen liegenden, vom Canal du Midi durchzogenen Aude-Ebene emporwölbt; es ist das erste Gebirge nördlich der Pyrenäen, sein höchster Berg, der 1211 m hohe Pic de Nore, ist (auch dank seinem Sendeturm) von weitem zu sehen. Nordseitig wird es durch einen parallel verlaufenden, durch den via Agout dem Tarn zuströmenden Thoré gebildeten Taleinschnitt vom übrigen Zentralmassiv abgetrennt.
In einem weiteren Sinn dehnt sich die Bezeichnung Montagne Noire aber auch unter anderem auf die nordöstlich anschliessenden Monts de l’Espinouse aus. Dieses Teilgebirge erstreckt sich leicht versetzt nördlich des vom Fluss Jaur und dessen Zielfluss Orb gebildeten Taleinschnitts, der in der Verlängerung der vom Thoré-Tal gebildeten Linie liegt, das Wasser aber in entgegengesetzter Richtung abführt.
Die Wasserscheide verläuft, von Westen her aus der Ebene des Lauragais aufsteigend, über den Hauptkamm der Montagne Noire mit dem Pic de Nore, überquert zwischen den Quellgebieten von Thoré und Jaur den erwähnten Taleinschnitt und setzt sich nördlich desselben über die Monts de l’Espinouse fort, um dann nordwärts in die Grands Causses einzutreten.
Die Region ist dünn besiedelt und lebt hauptsächlich von Land- und Forstwirtschaft und etwas Tourismus. Das am Thoré liegende Mazamet ist mit rund 10'000 Einwohnern der grösste Ort innerhalb der Region; grössere Städte in der näheren Umgebung sind Carcassone im Süden, Béziers im Südosten und Castres im Nordwesten. Abgesehen von der Längsachse entlang des Thoré-Jaur-Orb-Tales ist die verkehrsmässige Erschliessung dürftig, Unterkunftsmöglichkeiten sind spärlich. Dank der exponierten Lage am Rand des Zentralmassivs fällt etwas mehr Regen als in der Umgebung, was der Region einen beachtlichen Waldreichtum beschert (und ihr möglicherweise zu ihrem Namen verholfen hat). Das nach Süden und Westen abfliessende Wasser wird in Fliessrinnen («Rigoles») gesammelt und dem Scheitelpunkt des Canal du Midi zugeführt.
Meine gesamte Wanderroute lag innerhalb der Region Okzitanien und zog sich innerhalb derselben durch nicht weniger als fünf Departemente, nämlich (von Ost nach West) Haute-Garonne, Aude, Tarn, Hérault und Aveyron. Ausgehend vom Städtchen Revel (Haute-Garonne), stiess sie nach wenigen Stunden beim Weiler Lagarde (Aude) erstmals auf die EHWS. Diese begleitete sie anschliessend sehr eng bis zum Col de Marcou (Aveyron/Hérault) am Übergang zum Causse du Larzac, bevor sie zwecks Abreise ins Tal von Saint-Geniès-de-Varensal (Hérault) abstieg. Über weite Strecken nutzte ich dabei den vom GR 7 gebildeten Europäischen Fernwanderweg E4, kürzere Strecken ging ich auf dem GR 36 und dem GR 71 und auf unmarkierten Forstwegen, einmal auch ein Stück querwaldein. Insgesamt legte ich in den sieben Tagen 174 Kilometer zurück. Die ersten zwei Etappen absolvierte ich im September 2021 bei mehrheitlich wolkig-windigem Wetter, die übrigen fünf im Mai und Juni 2022 unter teils blauen, aber in der Ferne dunstigen Himmeln.
Beide Sequenzen unternahm ich im Rahmen von Südfrankreich-Ferien mit Ruth, zu denen wir jeweils mit dem eigenen PW angereist kamen. Mit Letzterem leistete Ruth mir Transportdienste; dies von drei verschiedenen Ausgangspunkten aus, nämlich von Aragon, Mazamet und Fraisse-sur-Agout, wo wir jeweils übernachteten.
Unten siehst du, wie ich die Strecke in Etappen unterteilt habe.
| Etappe 1 (7. September 2021) |
Revel - Lampy Neuf |
27,1 km / 7h25' |
| Etappe 2 (8. September 2021) |
Lampy Neuf - Col du Font Bruno |
19,4 km / 5h50' |
| Etappe 3 (30. Mai 2022) | Col du Font Bruno - Pradelles-Cabardès | 28,6 km / 7h50' |
| Etappe 4 (31. Mai 2022) | Pradelles-Cabardès - Labastide-Rouairoux | 29,2 km / 8h30' |
| Etappe 5 (1. Juni 2022) | Labastide-Rouairoux - Lac de Vézoles | 25 km / 6h |
| Etappe 6 (2. Juni 2022) | Lac de Vézoles - Col de Ginestet | 29 km / 7h20' |
| Etappe 7 (3. Juni 2022) | Col de Ginestet - St-Géniès-de-Varensal | 15,6 km / 4h35' |
Voriger Projektabschnitt:
Projektabschnitt:
Nächste Teilstrecke:
Wie es mir beim Wandern ergangen ist, kannst du in meinem Blog nachlesen. Unten gehts direkt zu den entsprechenden Tagesberichten.
EHWS Massif central, Etappe 1: Revel - Lampy
Drei auf zwei verschiedenen Höhenstufen eines Bergrückens angesiedelte Stauseen – dies die Stationen der ersten Etappe in der Montagne Noire. Die beiden Stufen sind von der Lauragais-Ebene aus in weniger als drei Stunden erstiegen. Länger dauert es, bis auch der unmerklich höher gelegene dritte See erreicht ist: Auf nahezu flachem Weg geht man neben einem in endlosen Windungen durch den Wald glucksenden Kanälchen her. Es ist sozusagen ein «Vormittagskanälchen» – ist es doch dazu da, drunten in der Ebene den grossen Mittagskanal – auch als «Canal du Midi» bekannt – zu speisen.
EHWS Massif central, Etappe 2: Lampy Neuf - Col de Font Bruno

Die Wanderung zum Pass von Font Bruno bot sportlichen Genuss ohne Leiden, war für das Auge aber langweilig. Denn ausser einem Mittelstück über sporadisch besonntes Weideland fand sie unter einer grauen Wolkendecke statt und führte ausschliesslich durch Wald. Der bot zwar Schutz vor den kräftigen Windstössen, verhinderte gleichzeitig aber jegliche Sicht. Den Freischärlern der Résistance, an die an der Passstrasse ein Ehrenmal erinnert, dürfte freilich ebendies gerade recht gewesen sein.
EHWS Massif central, Etappe 3: Col de Font Bruno - Pradelles-Cabardès

Zwischen Fontbruno und Pic de Nore gibt es etliche Wanderwege, doch keiner folgt der Wasserscheide. So suchte ich mir selber einen. Allzu schwer war es nicht: Denn auf den Höhen, die sich zwischen den Tälern von Arnette und Orbiel dahinziehen, reiht sich Windpark an Windpark. Die Turbinen überragten die Baumwipfel und waren weithin sichtbar. Der Wind freilich scherte sich heute nicht um sie. Er blies wohl anderswo – zum Beispiel in den Pyrenäen, die verschleiert am fernen Horizont standen.
EHWS Massif central, Etappe 4: Pradelles-Cabardès - Labastide-Rouairoux

Über den Höhepunkt des heutigen Tages gab es keinerlei Zweifel: Schon am Morgen ragte er vor mir auf, und mit der rot-weiss gestreiften Antennennadel, die er in den Himmel streckte, blieb er bis zum Abend ein immer wieder sichtbares Orientierungszeichen: Der Pic de Nore, höchste Erhebung der Montagne Noire. Unbestritten war auch der Weg: Auf dem GR36 gings auf den Pic, dahinter fand der GR7 mich wieder. Mit ihm verliess ich die Wasserscheide erst gegen Ende, um ins Tal des Thoré abzusteigen.
EHWS Massif central, Etappe 5

Diese Etappe bewahrt seine Highlights für den Schluss auf. Stundenlang ist man von Wald verschluckt. Endlos lange, meist flache Geraden fordern Geduld. Umso überraschter tritt man nachmittags auf ein sanft eingemuldetes Plateau mit Heide und Ginster hinaus. Der Atem stockt, wenn man plötzlich über eine spektakuläre Felswand mit Wasserfall hinunterblickt. Und wenn hinter einer Rippe das idyllisch dahingebettete Seelein auftaucht, um das herum der Ginster kräftig gelb in der Abendsonne leuchtet, fühlt man sich belohnt.
EHWS Massif central, Etappe 6: Lac de Vézoles - Col de Ginestet

Am See von Vézoles vollführten Nebelschwaden und das sich darin brechende Morgenlicht ein mystisches Spiel. An den bewaldeten Kämmen und grauen Felshängen von Fontfroide verdichtete sich der Nebel und trübte die Stimmung ein. Friedlich schlummerte das offene Heideplateau von Espinouse unter der Nachmittagssonne. Landschaft und Stimmungen änderten sich, doch Ginster spross und blühte überall – ein gelber Faden, der alles mit allem verband. Bis hin zum Zielort, der ihn, den Botaniker «Genista» nennen, sogar im Namen trug: der Col de Ginestet.
EHWS Massif central, Etappe 7: Col de Ginestet - Saint-Geniès-de-Varensal

Bis zum Col de Coustel wanderte es sich recht gemütlich, danach übernahm die Energieindustrie das Diktat. Ein Windpark war am Entstehen, der Wanderweg kilometerlang zu einer Baustellenstrasse mutiert. Hin- und herfahrende Lastwagen sorgten für Lärm und Staub. Ob ich das angenehm finde, fragte ein Radfahrer rhetorisch. Zwei Frauen, die mir später mit Eseln entgegenkamen, beantworteten meine entsprechende Vorwarnung mit Schulterzucken. Auch den gelenk- und muskelschindenden Steilabstieg am Schluss möchte man sich eigentlich nicht antun.