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Hoch und heimlich über die Sprachhürde

EHWS  Alpin, Etappe  19: Les Violettes (Montana) - Lämmerenhütte

Col du Schwarzhorn oder Rothornlücke vor Wildstrubel-Massiv.
Col du Schwarzhorn oder Rothornlücke vor Wildstrubel-Massiv.

Es war wiederum ein prächtiger hochsommerlicher Wandertag – aber durch das lange und schöne grüne Tal von Outannes ging ausser mir kein Mensch. So bemerkte niemand, wie ich über eine rund 3000 Meter hohe Hürde ins deutschsprachige Oberwallis hinüberstieg: Die Route scheint, obwohl bestens markiert, ein Geheimnis zu sein. Und nicht einmal über den Namen der Hürde besteht Konsens: Was hier Col du Schwarzhorn heisst, nennen sie dort Rothornlücke.

Seit der letzten Etappe ist genau ein Jahr vergangen. Den ganzen Sommer über habe ich vergeblich versucht, ein passendes Zeitfenster für die Fortsetzung zu finden. Mindestens zwei aufeinanderfolgende Tage mussten es für die am nächsten zur EHWS verlaufende Route sein. Aber immer passten entweder das wenig stabile Wetter und mein Terminkalender nicht zusammen, oder dann war die einzige Übernachtungsmöglichkeit, nämlich die Lämmerenhütte, ausgebucht. Letzteres hatte auch damit zu tun, dass die Hütten des SAC nur die Hälfte ihrer Kapazitäten bereitstellten, um die wegen der ausgebrochenen Covid-19-Pandemie geltenden Abstandsregeln einhalten zu können.

Ende August klappte es dann endlich. Angesichts der erwarteten Herausforderung reiste ich schon am Vortag an, wegen einer Verpflichtung aber leider nicht früh genug, um noch gleichentags mit der Gondel nach Les Violettes hinauffahren und in der dortigen SAC-Hütte übernachten zu können.


Les Violettes  - Lämmerenhütte
Etappe EHWS Alpin, Nr. 19
  (Fernwanderprojekt EHWS)
Länge / Zeit 14,2 km / 5h40'
Auf- / Abwärts 1'204 m / 926 m
Höchster Punkt 3'105 m (Schwarzhorn (Gemmi))
Tiefster Punkt 2'209 m (Les Violettes)
Fernwanderwege ---
Durchgeführt Mittwoch, 26. August 2020
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Aber wenigstens fand ich in Sierre im Rhonetal unten ein freies Hotelzimmer, das sich direkt neben der Talstation der Standseilbahn nach Crans-Montana befand. So konnte ich am Morgen mit deren allerersten Fahrt hinauf fahren, und noch vor acht Uhr sass ich in der Gondel.

Die Herausforderung des Tages sah ich nebst Höhendifferenzen von je rund 1000 Metern in beiden Richtungen und einem Schwierigkeitsgrad von T4 in der relativen Unbekanntheit der Route. Noch vor kurzem wusste ich nicht einmal, dass es sie überhaupt gibt, denn auch auf den besten Wanderkarten kommt sie nicht vor. Erst durch Online-Berichte bin ich auf sie gestossen, und schliesslich fand ich sie, wenn auch in umgekehrter Richtung, in einem Alpinwanderbuch des SAC beschrieben.

Erst seit kurzem begehbar

Demnach ist sie erst seit wenigen Jahren bei guten sommerlichen, das heisst schneefreien Bedingungen auch ohne alpinistische Ausrüstung begehbar, und dies nur dank sich zurückziehender Gletscher. Zurzeit waren die Bedingungen erfüllt, wie ich auch aus Angaben auf der Website der Lämmerenhütte schloss. Dennoch hatte ich Respekt – vor allem auch deshalb, weil der anstrengendste und schwierigste Teil in meiner Gehrichtung erst am Ende des Tages (und damit vielleicht auch der Kräfte) wartete. Ich wollte diesen Teil deshalb unbedingt mit genügend Zeitreserven angehen können.

Wegweiser auf Les Violettes.
Wegweiser auf Les Violettes.

Mit Blick über das Rhonetal auf Walliser Alpen und Mont Blanc trank ich bei der Bergstation noch kurz einen Selbstbedienungskaffee und zog dann sofort los. Zunächst ging es zurück in die von der Plaine Morte herunterfallende Hangfurche hinein, wo ich bei dem Wegweiser, der mir beim Abstieg aufgefallen war, horizontal nach rechts abzweigte. Col du Schwarzhorn und Lämmerenhütte sind hier – genau wie schon bei Les Violettes – als ganz normale Bergwanderziele mit weiss-rot-weisser Kennzeichnung angegeben. Ich umrundete den bauchigen Südhang des Mont Bonvin und querte einen Skilift; zwischen weidenden Kühen, denen ich auszuweichen suchte, tummelten sich frischfröhlich Murmeltiere. Dann gelangte ich auf einen Fahrweg, der zu dem benachbarten, etwas kleineren Skiberg hinaufkurvt, der sinnigerweise Petit Mont Bonvin heisst. Weil ich unterwegs einmal umkehrte, um die Kamera zu suchen, die mir aus der Tasche gefallen war, kam ich dort oben mit einer etwa halbstündigen Verspätung an: ein erster Vorbezug vom Zeitreserven-Konto.

Acht Kilometer Hängematte

Die Hängematte: Vallée des Outannes zwischen Faverges (links) und Nusey-Grat.
Die Hängematte: Vallée des Outannes zwischen Faverges (links) und Nusey-Grat.

An der Skistation vorbei biegt man nach Norden auf einen Fussweg ein, der sich an der Ostflanke des Mont Bonvin leicht abwärts der von Les Faverges sowie Rot- und Schwarzhorn gebildeten Bergkette entgegen neigt. Bald öffnet sich ein spektakulärer Blick: Den rauen, erosionsgezeichneten Schutthängen der Faverges vorgelagert und parallel zu diesen zieht sich eine lange und nach rechts gleichmässig ansteigende Kalkfelsrippe durch die Landschaft. Es ist die Arête de Nusey, im Osten wird sie von den Gipfeln von Nuseyhorn und Trubelstock gekrönt. An ihrem westlichen Beginn stürzt wie ein weisser Strich ein Wasserfall über sie hinab; das ist der Bach La Tièche, der aus dem Längstal von Les Outannes hervorschiesst. Sich am Fuss der Faverges dahinstreckend, wird dieses vom Nusey-Grat gegen Süden abgeschirmt. Wanderautor Philipp Noth vergleicht es auf seiner Website treffend mit einer «Hängematte», deren Enden einerseits am Mont Bonvin und andererseits am Schwarzhorn aufgehängt sind. Die «Spannweite» dürfte rund acht Kilometer ausmachen.

Man betritt das Tal an seiner tiefsten Stelle auf einem flachen Plateau und wendet sich dort scharf nach rechts der Längsrichtung des Tales zu. Noch schärfer nach rechts zweigt ein Wanderweg in die Tiefe ab, auf dem die wenigen Leute, denen ich bisher begegnet bin, heraufgekommen sind oder hinuntergehen. Während dieser auf Karten verzeichnet ist, ist es der meinige von hier an nicht mehr. Die Tièche an der Stelle überquerend, an der sie nach Süden abbiegt, um gleich rechts neben dem Brücklein zum Wasserfall zu werden, tauchte ich hinter dem Nusey-Grat in die stille Abgeschiedenheit der Hängematte ein und begegnete bis zum Abend keinem Menschen mehr. Ein Stück weit liess sich das gut besonnte und überaus schöne Tal gemütlich der Länge nach durchwandern. Die Bezeichnung «Hängematte» fand ich auch der lieblichen flachen Alpwiesen wegen passend, luden sie doch nachgerade zum Liegen oder doch wenigstens zu genussvollem Flanieren ein. Ich jedenfalls konnte der Versuchung nicht widerstehen und legte mich für eine längere Mittagspause ins Gras, dem gleichmässigen Rauschen der durchs Tal dahinplätschernden Tièche und dem Blöken von weit entfernt weidenden Schafen lauschend. Die Zeitreserven konnten mich kurz mal.

Ende der Gemütlichkeit

Nach einer mit Felsbrocken übersäten Zone und dem Zufluss eines Seitenarms der Tièche, der am Gegenhang von dem verborgenen Plaine-Morte-Gletscher herabkommt, beginnt das Gelände allmählich anzusteigen. Nun hatte der gemütliche Teil ein Ende, und die Schwerarbeit begann. Es wurde steiler, brauner und grauer, und bald war der Hang, über den mir die immer jünger werdende Tièche entgegenpurzelte, so steil, dass ihm nur noch in engem Zickzack beizukommen war. Der Untergrund war staubtrocken und bröselig, es kostete Kraft, die Füsse der Rutschneigung entgegenzustemmen. Als ich nach einer guten Stunde schweisstreibenden Steigens durch die Steinwüste eine Zwischenstufe erreichte, musste ich mich einen Moment ausruhen. Durch das Rauschen des Baches hindurch drangen menschliche Stimmen an mein Ohr: Sie kamen, wie ich aufschauend feststellte, vom Trubelstock herab, unter dessen Gipfel ich gerade sass; ich sah Leute dort oben stehen.

Dem Col du Schwarzhorn entgegen.
Dem Col du Schwarzhorn entgegen.

 Die Wegspur krümmte sich nun vom Trubelstock weg nach Norden, dem Rothorn entgegen. Ein Schneefeld liess sich problemlos umgehen, und nach einem weiteren Steilstück kam unter mir ein Plateau mit zwei tiefblauen Bergseelein zum Vorschein, über die hinweg ich zu den Gipfeln der Mischabel-Gruppe und anderer Viertausender hinübersah: Ich war dabei, mich aus der Enge der Hängematte herauszuarbeiten! Und bald erblickte ich auf der nicht mehr viel höher gelegenen Vertiefung zwischen dem markanten Rothorngipfel und dem unscheinbareren Rücken, der das Schwarzhorn sein musste, die Konturen eines Wegweisers: Dort vermutete ich die Passhöhe. Wenige Minuten später stand ich neben ihm – und konnte nicht anders als «Wow!» rufen: Da blickte ich in die Südostseite des Wildstrubelmassivs hinein, das sich sichelförmig um das kesselartige Lämmeren- und Gemmigebiet herumlegt, die Oberkanten nicht weit über Augenhöhe, darunter zwischen dunklen Felswänden helle Gletscher, die sich weiter unten in Wasserfälle ergiessen.

Frage der Sichtweisen

Wie der Wegweiser verriet, befand ich mich hier auf der Sprachgrenze, denn er bezeichnete alle Ziele südlich des Passes mit französischen, jene im Norden mit deutschen Namen. Der Pass selbst änderte hier seinen Namen: Aus dem Col du Schwarzhorn, wie es bisher auf den Wegweisern stand, wurde ab sofort die Rothornlücke. Weshalb man sich hier auf den einen, dort auf den andern Berg bezieht, ist nicht bekannt; vielleicht meinen beide Bezeichnungen ja jeweils den Berg, der rechts des Passes steht – und das ist vom französischsprachigen Süden her betrachtet eben das Schwarz-, vom deutschsprachigen Norden her jedoch das Rothorn.

Schwarzhorn. Blick auf Gemmigebiet mit Daubensee.
Schwarzhorn. Blick auf Gemmigebiet mit Daubensee.

Von dem Pass aus könnte man direkt den Abstieg unter die Füsse nehmen, aber für einen Umweg über das 3107 m hohe Schwarzhorn schien mir noch genug Zeit zu sein. Dieses liess sich ohne Wegspur, aber mühelos über einen breiten, nur sanft ansteigenden Kamm aus lauter Geröll erwandern. Offiziell ging ich dabei auf der Wasserscheide – aber für mich ist das zumindest strittig: Denn in Tat und Wahrheit fliesst das Wasser beidseits des Kamms letztlich in die Rhone – wenn auch auf der nördlichen Seite auf unsichtbaren, weil unterirdischen Wegen. Nach einer Viertelstunde war das Schwarzhorn bezwungen. Den Gipfel kennzeichnet nichts ausser einem Steinhaufen – aber durch seine exponierte Lage am Ende einer Bergkette bietet er eine grossartige Rundsicht über Berner und Walliser Alpen und atemberaubende Tiefblicke ins Tal der Dala und auf Leuk hinunter, und beim Umdrehen auch weit durch das Rhonetal abwärts zum Mont Blanc, der am Horizont über diesem thront.

Lämmerengletscher.
Lämmerengletscher.

Eine leise Unruhe drängte mich nun zum Aufbruch. Denn zwar konnte ich die Lämmerenhütte bereits erkennen – aber das winzig kleine Rechteck, das ich dort tief unten auf einem der ersten grünen Plateaus auf der gegenüberliegenden Seite des Kessels liegen sah, schien noch gar weit weg, und es war inzwischen doch bereits nach vier Uhr. So begann ich parallel zu der jäh nach Osten abfallenden Abbruchkante des Schwarzhorns abzusteigen. Zwischen ihr und dem Lämmerengletscher lag ein recht breiter Fels- und Geröllstreifen mit nur geringer Neigung, auf dem sich wie auf einem Pultdach relativ gefahr- und mühelos abwärts schreiten liess. Ein Weg war zwar nicht überall ersichtlich, aber Markierungen waren auch hier häufig und meist gut sichtbar.

Da ein Gletscher, dort ein Schiff aus Schnee

Steilstufen beim Lämmerengletscher.
Steilstufen beim Lämmerengletscher.

Dann kam die Schlüsselstelle. Das Pultdach war zu Ende, nun mussten mehrere Felsstufen im Abwärtsgang überwunden werden, manchmal in Berührungsdistanz vom Gletscher, der dies wohl noch vor kurzem verhindert hätte. Wegspuren gab es keine mehr, nur Markierungen, die sich jedoch bisweilen trotz kräftiger Farben in der Felswüste verloren. Da und dort halfen Fixseile, aber meist galt es die für das Aufsetzen der Füsse geeigneten Stellen herauszufinden und vor allem: die Hände zu gebrauchen. Nach einer scharfen Wendung vom Gletscher weg stand ich plötzlich vor einem grösseren Schneefeld. Wie ein festgefahrenes Schiff füllt es eine ganze Felsspalte aus. Es führen zwar Fussspuren hinüber, aber ich wage es nicht ihnen zu trauen. Ich prüfe eine Umgehung hier, eine Überschreitung dort, aber jedes Mal verwerfe ich sie nach einigen Schritten wieder. Schliesslich überwinde ich mich und gehe am oberen Ende mit eingezogenem Kopf unter dem Bug des Schiffs hindurch. Uff – : Durchatmen!

Inzwischen war es sechs Uhr geworden, die in Berghütten übliche Eincheck-Zeit. Jetzt waren die Zeitreserven also dahin – aber genau für solche Situationen wurden sie ja gebraucht, und der Rest war überschaubar. Der bereits gut sichtbaren und nicht mehr viel tiefer gelegenen Hütte kündigte ich per Mail meine verspätete Ankunft an. Danach ging es auf gut begehbarem Pfad auf einen durch die Schwemmkegel der Wasserfälle gebildeten Zwischenboden hinunter und auf einem Brücklein über die Lämmerendalu – der Bach, der sie alle sammelt. Auf der anderen Seite wieder sanft ansteigend, erreichte ich locker und mühelos um zwanzig vor Sieben die Lämmerenhütte. Das Nachtessen wurde bereits serviert, man bat mich sogleich zu Tisch. Da war ich wieder unter Menschen – aber da mich niemand danach fragte und ich fürs Erzählen zu müde war, blieb meine Route auch hier vorerst geheim.


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