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Feldherrenhügel für Wasserscheidenforscher

EHWS Alpin, Etappe 2: Moléson - Les Paccots

Der Zweitagewanderung zweiter Teil begann bei blauem Himmel, die Restwolken vom Vortag hatten sich nahezu vollständig aufgelöst. Mit einem Gemisch aus freudigem Tatendrang und Respekt vor dem Bevorstehenden verliess ich das Hotel Plan-Francey. Auf dem Programm stand eine Bergwanderung zum Gipfel des Teysachaux, auf der anderen Seite hinunter und, falls die Zeit reichte, ein Abstecher zum Col de Lys hinauf und anschliessend ein Talabstieg zur Alp Les Borbuintze oberhalb von Les Paccots. Die verfügbare Zeit war beschränkt, weil ich wegen eines runden Geburtstagsfestes am frühen Abend in Bern zurück sein wollte. Der Respekt galt hauptsächlich dem mit Schwierigkeitsgrad T3 klassifizierten Teysachaux. Als Fernwanderer mochte ich erfahren sein, als Bergwanderer war ich es nicht (oder nicht mehr), und wusste nicht gut, was ich mir zumuten konnte.

Auf dem Rücken eines Flugzeugs

Mit einer der ersten Fahrten der Luftseilbahn liess ich mich wieder auf den Moléson hinaufbringen – steil der bei Kletterern beliebten Felswand entlang nach oben. Um Viertel nach Neun nahm ich den Weg über den Grat in Richtung Teysachaux unter die Füsse, denselben, auf dem ich gestern hergekommen war. Die Form des Moléson-Massivs erinnert mich an den Rumpf eines Flugzeugs: Der Gipfel ist die Nase mit der Seilbahnstation als Cockpit obendrauf, zuhinterst sitzt der Teysachaux als Heckflosse auf dem Rücken. Da Letzterer etwas niedriger ist als der Moléson, scheint es so, als wäre das Flugzeug gerade am Abheben, die Nase schon in die Luft streckend …

Die Sicht ist heute Morgen nach allen Seiten hin so klar, dass ich immer wieder zum Staunen und Fotografieren anhalte. Nach einer Stunde komme ich wieder an dem Punkt vorbei, an dem ich am Vortag, vom Rathvel heraufkommend, den Grat erreicht und mit einem gewissen Schaudern zum damals unter den dunklen Wolken abweisend wirkenden Teysachaux hinübergeblickt habe. Jetzt, in der Morgensonne, erscheint der Zacken weniger furchteinflössend – vor allem deshalb, weil an der Naht, wo der Wanderweg hinaufführt, Grasgrün das Felsgrau dominiert.


Moléson - Les Paccots
Etappe EHWS Alpin, Nr. 2
Länge / Dauer 12,5 km / 4h20'
Auf- / Abwärts 344 m / 1'259 m
Höchster Punkt 1'977 m (Moléson Station)
Tiefster Punkt 1'064 m (Les Paccots)
Fernwanderwege ---
Durchgeführt Samstag, 16. Juli 2016
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Aber das ist Schein. Tatsache ist, dass der kurze Steilaufstieg mir mehr abverlangt als ich gewohnt bin. Immer wieder muss ich die Hände zu Hilfe nehmen, um mich durch die Felsen hinaufzuziehen. Schon bald habe ich aufgeschürfte Fingerknöchel, weil ich ungeschickterweise die Stöcke einsetze – ich muss erkennen, dass diese hier keine Hilfe, sondern eine Behinderung sind. Auch ist volle Konzentration erforderlich – vor allem, wenn man sich auf dem schmalen Pfad mit Absteigern kreuzen muss, was trotz der frühen Tageszeit mehrmals nötig ist (es ist ja Samstag und zudem Ferienzeit). Zum Glück ist die Sicht ausgezeichnet und der Untergrund trocken! Ich nehme mir jedenfalls vor, solche Wegstücke niemals bei Nebel, nassem Gestein oder reduzierter Fitness in Angriff zu nehmen. Und zum Glück befinde ich mich „nur“ auf einer Zweitagewanderung und habe deshalb einen vergleichsweise leichten Rucksack zu tragen!

Nach einer halben Stunde Kraxeln ist der Gipfel erreicht. Der Platz da oben ist sehr beschränkt. Ein paar Schritte nur, und ich blicke senkrecht die Felswand hinunter, zu der ich gestern hinaufgeschaut habe. Die Rundsicht ist gewaltig; allerdings hat sie dem, was schon auf der ganzen Gratwanderung zu sehen war, nicht viel hinzuzufügen

Wahrhaftig beeindruckend ist jedoch die klare Sicht auf den Verlauf der Hauptwasserscheide, auf der ich nun wieder stehe: Von der durch eine TV-Antenne identifizierbaren Kuppe des Mont Pélerin über dem Genfersee zum Dorf Châtel St. Denis hinüber und dann die Eckpunkte der gestrigen Wanderung: der Niremont, der Sattel Rathvel, der Col Villard-Dessus direkt unter mir. Ganz zuhinterst am westlichen Horizont kann ich zudem im Höhenzug des Jura den Mont Tendre unterscheiden, einen weiteren Punkt auf der EHWS-Linie.

 

Drehe ich mich nach Südosten, kann ich verfolgen, wie die Linie von meinem Standort aus in einen Sattel hinabfällt und auf dessen gegenüberliegenden Seite die steile Wand zur nächsten Bergkette hinaufklettert, die sie auf dem Gipfel des Dent de Lys erreicht, um anschliessend deren Krete in südlicher Richtung zu folgen. Welch ein Feldherrenhügel für Wasserscheiden-Forscher dieser Teysachaux doch ist!

 


Der Abstieg auf der Südseite erweist sich als etwas weniger steil, jedenfalls kann man ihn aufrechten Ganges bewältigen. Immer wieder tritt aber auch hier der felsige Untergrund unter dem Gras hervor und setzt Knien und Köcheln zu. Auf der Alp Belle Chaux trifft man noch einmal auf die EHWS; es ist der Beginn des Sattels, den ich vom Gipfel aus gesehen habe, der die Gewässer der Saane von der Veveyse trennt und das Massiv des Moléson-Teysachaux mit der Kette des Dent de Lys verbindet. Hier muss ich sie einstweilen ziehen lassen: Nur mit alpinistischem Geschick und Waghalsigkeit könnte man ihr die steile Wand hinauf folgen.

Hangwanderung über Doppelkessel

Die Wanderroute ändert nun ihren Charakter und wird zur Hangwanderung: Würde man auf jegliche Abstecher verzichten, könnte man dem Hang der langen Bergkette entlang nach Süden gehen und in ein bis zwei Tagen auf den Rochers de Naye gelangen, den südlichsten Gipfel der Kette über dem oberen Ende des Genfersees. Zunächst durchschneidet man einen Hangbereich, der eine Art doppelten Talkessel abriegelt: Die Quellgebiete der beiden Veveyse-Arme, die durch einen Zwischenrücken voneinander getrennt werden. Einem leicht abwärts geneigten Strässchen folgend erreichte ich bald eine Buvette mit Namen La Saletta, wo ich einkehrte. Hoch über dem ersten Talkessel, jenem der Veveyse de Châtel, und unter der mächtigen grasgrünen Wand des Dent de Lys, setzte ich mich auf die sehr belebte und besonnte Terrasse und belohnte mich mit Schinken, Wurst, Kartoffelsalat und Mineralwasser für die bisherigen Anstrengungen.

Les Paccots, Richtung Dent de Lys.
Les Paccots, Richtung Dent de Lys.

Ich stellte fest, dass die Zeit knapp wurde, und beschloss, nur noch bis zum Zwischenrücken zu gehen. Das Strässchen verlassend, stieg ich durch noch tiefes Weideland dem Hang entlang zu diesem hinauf. Von hier zweigt nach links der Weg zum Col de Lys hinauf ab. Ich behielt mir diesen als Option für eine nächste Etappe vor, ging nun aber dem Zwischenrücken folgend Richtung Westen und dann durch Wald und Weiden zum Skigebiet La Borbuintze hinunter. Bei der Bushaltestelle gleichen Namens angelangt, musste ich zur Kenntnis nehmen, dass ich den Bus um wenige Minuten verpasst hatte – der nächste fuhr erst in zwei Stunden. So blieb mir nichts anderes übrig, als auf der Strasse zwischen Ferienhäusern hindurch nach Les Paccots hinunter zu trotten. Auch hier musste ich etwas Geduld haben, bis der Bus kam. Beim Warten konnte ich nochmals zu Teysachaux und Dent de Lys hinaufschauen und bilanzieren: Die Alpenroute entlang der Hauptwasserscheide war „angestochen“, der Anfang machte Lust auf mehr. Und ich hatte bei idealen Verhältnissen eine kürzere T3-Passage geschafft. Ein wenig stolz war ich schon.

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