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Wolkige Alpen-Ouvertüre

EHWS Alpin, Etappe 1: Châtel St-Denis - Moléson

Tagelang hatte es geregnet, aber nun kündigte sich endlich der Sommer an. Heute sollte es erstmals trocken bleiben, jedenfalls in der westlichen Hälfte der Schweiz: Ein guter Tag, um das Wandervorhaben entlang des alpinen Teils der Hauptwasserscheide von Westen her in Angriff zu nehmen! Ich reiste also am frühen Morgen per Bahn nach Châtel St. Denis im Süden des Kantons Freiburg, das ich als Startort auserkoren hatte. Denn die EHWS verläuft, vom Mittelland her kommend, exakt durch dieses Dorf und zieht sich von da zu den ersten Voralpengipfeln hinauf.

Ein kleines Wiesenbächlein mit dem Namen Tatrel fliesst von hier westwärts der Broye und mit dieser via Jura-Randseen, Aare und Rhein der Nordsee zu. Am östlichen Dorfrand sprudelt in einer fast rechtwinkligen Biegung die Veveyse de Châtel vorbei, der nördliche von zwei Armen der Veveyse, die sich nach ihrer Vereinigung in den Genfersee hinunterstürzen, aus dem dann die Rhone Richtung Mittelmeer strömt.

Irgendwelche Hinweise auf diese besondere Lage suchte ich im Dorf freilich vergeblich, sie scheint seinen Bewohnern gleichgültig zu sein. Immerhin fand ich aber eine Stelle, an der ich das Gefühl haben konnte, auf der Wasserscheide zu stehen: bei einem Verkehrskreisel gegenüber der Poststelle, wo die zum Dorfzentrum führende Strasse – die Route de Coula – eine knapp wahrnehmbare Wölbung aufweist. Auf Karten von Swisstopo sah ich, dass die Linie von da in einem gezackten Bogen nördlich um das Dorf und seinen Schlosshügel mit der darauf thronenden Kirche herum verläuft.

Nach diesem kleinen Dorfrundgang brach ich auf. Die Sonne schien, es war aber noch kühl. Die hinter dem Taleinschnitt der Veveyse aufragenden Berge – der höchste ist der Dent de Lys – waren noch wolkenverhangen.


Châtel St-Denis - Moléson
Etappe EHWS Alpin, Nr. 1
Länge / Dauer 19 km / 6h50'
Auf- / Abwärts 1'553 m / 400 m
Höchster Punkt 2'002 m (Moléson)
Tiefster Punkt 807 m (Châtel St-Denis)
Fernwanderwege ---
Durchgeführt Freitag, 15. Juli 2016
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Mein erstes Tagesziel – geplant war eine Zweitagewanderung – war der 2002 Meter hohe Moléson. Der Weg dorthin gliederte sich in vier Abschnitte: Auf zwei längere Steigungen folgten je eine Gratwanderung, eine abwärts und eine aufwärts geneigte.

Immer wieder Perspektivenwechsel

Die erste Steigung führte auf den Niremont hinauf. Auf den beeindruckend vielen Wanderwegweisern in Châtel St. Denis kommt der Niremont freilich kein einziges Mal vor – ebenso wenig übrigens wie der Moléson, der bekannteste Freiburger Ausflugsberg. So orientierte ich mich zunächst nach einem Ort namens Moille Progin hin. Vom Nordufer der Veveyse aus begann der Aufstieg, an den letzten Häusern vorbei durch Wald und Wiesen. Schon bald bot sich ein erster Blick auf den Genfersee hinunter und zu den Savoyer Alpen über dessen anderen Ufer. Dann wieder schweiften die Augen über die Weiten des Schweizer Mittellandes zum Jura hinüber. So wechselten wiederholt die Perspektiven: Mal befand ich mich auf der Rhone-, mal auf der Rheinseite, mehrheitlich jedoch auf der letzteren. Bei Moille Progin – das erwies sich als der Name eines Hofes – , zweigte ein Pfad vom bis dahin begangenen Strässchen ab; durch noch stark durchnässtes und entsprechend tiefes Weideland gings in einen Wald hinauf und über die Alp Les Prévondes zum Gipfel des Niremont empor. Das letzte Stück glich dem Gang auf einem Wasserbett: Das Gras war so durchtränkt, dass es beim Aufsetzen der Füsse jedes Mal spritzte.

Zu kühl und zu windig zum Rasten

Niremont vor wolkenverhülltem Moléson.
Niremont vor wolkenverhülltem Moléson.

Auf dem 1514 Meter hohen Niremont, dem ersten Voralpengipfel auf der Hauptwasserscheide, bot sich schon einmal eine eindrückliche Rundsicht: Savoyer Alpen, Genfersee, Mittelland, dahinter im Dunst der Jura und an dessen Fuss der Neuenburgersee; vor mir die noch immer wolkenverhüllten Gipfel des Moléson und des Dent de Lys, dazwischen der mit dem Moléson durch einen Grat verbundene Felszacken des Teysachaux. Ein Bänklein lud zum Rasten, doch für mehr als ein paar Augenblicke war es mir zu kühl und zu windig.

 

Von hier führte die erste Gratwanderung zum Sattel und Skigebiet Rathvel hinunter. Ein Pfad verlief direkt auf oder leicht unter dem abwärts geneigten, begrasten Grat, der gleichzeitig die Hauptwasserscheide bildete; auf der Atlantik-Seite war es nun nicht mehr das Einzugsgebiet der Broye, sondern der Saane und ihres Zuflusses La Trême, das sie von jenem der Veveyse trennte. Bei einem Skilift verliess ich den Grat und stieg über die Wiese in Richtung des Rathvel hinunter. Im Ausflugs- und Familienrestaurant «Le Petit Oiseau» – es ist mit Autos zugänglich und hat einen Spielzeugzug und einen Streichelzoo – kehrte ich zu Rösti und Bratwurst ein.

Rechtzeitig wolkenfrei

Aufstieg zum Moléson-Grat. Rechts: Teysachaux.
Aufstieg zum Moléson-Grat. Rechts: Teysachaux.

So gestärkt nahm ich die zweite, steilere Steigung in Angriff. Ein erstes Steilstück führte durch Wald, dann erreichte ich auf einer Zwischenstufe eine Alp und bald auch schon einen mit «Le Villard-Dessus» bezeichneten Pass. Erneut stand ich auf der Wasserscheide, zum letzten Mal an diesem Tag: Sie zog sich von hier geradlinig zur fast senkrecht aufragenden Felsstirn des Teysachaux hinauf, während der nun als Bergwanderweg klassierte Weg links davon zum Moléson-Grat anstieg. Ich hatte Glück: Just in diesem Augenblick zeigte sich dieser zum ersten Mal an diesem Tag wolkenfrei.

 

Nach einer Stunde steilen Aufsteigens, zunächst einem Asphaltsträsschen, dann einem Zickzackpfad über Alpweiden folgend, war ich um 16 Uhr auf dem Grat, auf etwa 1800 Meter Höhe. Vor mir lag in der Tiefe das Trogtal der Saane und dahinter das teilweise immer noch wolkendurchsetzte Panorama der Alpen, rechts von mir erhob sich die abweisende Felswand des Teysachaux: Kaum vorstellbar in diesem Augenblick, dass ich die würde erklimmen wollen! Genau dies aber war zu tun, wenn ich der EHWS folgen wollte. Das Vorhaben hatte ich allerdings erst für Morgen geplant, weil es in dieser Richtung weit und breit keine Übernachtungsmöglichkeit gab.

Gold und Silber, hell und düster

Meine Unterkunft: Plan Francey.
Meine Unterkunft: Plan Francey.

Deswegen wandte ich dem Teysachaux jetzt erst einmal den Rücken zu und mich nach links, um die zweite Gratwanderung des Tages anzutreten. Bald schon war die Bergstation der Seilbahn zu sehen, die den Moléson kennzeichnet und auch von Weitem identifizierbar macht. Nach einer weiteren Stunde war auch diese erreicht und ich hatte in der Summe 1550 Höhenmeter bewältigt. Vom Gipfelkreuz aus konnte ich mein «Tageswerk» zurückverfolgen: Der soeben begangene Grat mit seinen Höckern, die in der Spätnachmittagssonne glitzernden Autos auf dem Parkplatz von Rathvel, den Niremont, in der Tiefe Châtel St. Denis. Dahinter der in einem diffusen Licht nun wie ein Silbertableau wirkende Genfersee, teils düster, teils hell leuchtend. Auf der anderen Seite das sich unter mir zu Füssen des Moléson ausbreitende Mittelland, in goldenem Licht der Greyerzersee, auch das Städtchen Greyerz war mit dem Fernglas zu erkennen.

 

Müde und froh, dass ich keine Reise mehr antreten musste, fuhr ich mit der Luftseilbahn zur Alp Plan-Francey hinunter, wo ich im gleichnamigen Hotel ein Zimmer reserviert hatte.

 

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